Wandern und Entdecken: Wolfsmilchgebiet


Wanderer unterwegs im Malpaís de Güímar. Foto: Canary Islands

Als Kaiser Augustus vor rund 2000 Jahren das Römische Weltreich regierte, sandte der mauretanische König Juba II., eine Forschungsexpedition zu den Kanarischen Inseln und verfasste später eigenhändig einen Bericht über die Ergebnisse. Einige römische Autoren zitierten aus diesem Werk, und so wissen wir ein paar Details daraus. Bei ihrer Rückkehr brachten die Schiffe besondere Pflanzen mit, allem Anschein nach auch einige Wolfsmilchgewächse. Die Expedition stand unter der Leitung von Jubas Leibarzt Euphorbius. Ihm zu Ehren nannte man in der Wissenschaft alle Wolfsmilchgewächse Euphorbia – immerhin mehr als 6000 Arten weltweit. Das Besondere der kanarischen Euphorbien ist, dass es die meis­ten davon nur hier gibt. Sie sind endemisch. Auf Wanderungen in wüstennahem Klima, also im Norden der Inseln bis zu einer Höhe von etwa 300 m und im Süden bis zu gut 500 m über dem Meeresspiegel, begegnen wir diesen seltsamen Pflanzen häufig. Sie können dort das Landschaftsbild wesentlich bestimmen. Auf Teneriffa ist das Malpaís de Güímar das beste und herausragendste Beispiel dieses Lebensraums. Hier können wir diese Pflanzen und auch einige andere aus nächster Nähe kennenlernen. Landschaftlich und geologisch lohnt sich der Rundweg um dieses vielseitige Naturschutzgebiet in jedem Fall. Ganz besonders für alle, die nicht nur wandern, sondern auch entdecken wollen.

Üblicherweise beginnt die Runde am östlichen Ortsrand von Puertito de Güímar, wo wir auch genügend Parkplatz finden. Den gut ausgeschilderten und bezeichneten Weg kann man nicht verfehlen. Die reine Gehzeit beträgt etwa zweieinhalb Stunden. Mit Entdecken und Betrachten wird leicht das Doppelte daraus.

Gleich am Beginn des Weges, wenn wir uns einen ersten Überblick über das eigentümliche Gelände verschaffen, das vom Meer bis zum grün bewachsenen Schlackenkegel der Montaña Grande neben der Südautobahn reicht, prägen neben den Lavaströmen aus dunklem Basalt vor allem Wolfsmilchgewächse das Bild. Bis fast an das Ufer hinunter entdecken wir flache, rundliche Büsche, die dicht an den Boden oder in Mulden gedrängt dem stetigen Wind ausweichen. Es ist die süße Wolfsmilch, wissenschaftlich Euphorbia balsamifera, von den Einheimischen Tabaiba dulce genannt. Mehr ins Landesinnere gesellen sich die Dickichte der steil aufragenden Kanarischen Wolfsmilch, Euphorbia canariense, hinzu. Deutsche Wanderer nennen sie auch Säulen-Wolfsmilch und verwechseln sie schnell mal mit einem Kaktus.

Euphorbia canariense, die hier Cardón heißt, hat mit manchen Kakteen nur die auffällige Säulenform gemeinsam. Diese ist eine Anpassung an das sehr trockene wüstenähnliche Klima und die starke Sonnenstrahlung. Um dieser möglichst zu entgehen, richten die Pflanzen ihre Stämme nach oben und verzichten auf die Ausbildung von Blättern. So werden sie, wenn die Sonne mittags fast senkrecht über ihnen steht und am heißesten brennt, kaum von den Strahlen getroffen. In ihren dicken Stämmen speichern sie reichlich Wasser und können lange Trockenphasen gut überstehen. Eigentlich müssten sie für jegliches Tier als Wasserlieferant höchst attraktiv sein, besäßen sie nicht große Mengen eines weißen Latexsaftes, der an der Luft schnell klebrig wird und gerinnt. Das müsste schon ausreichen, um fresslustigen Tieren die Fresswerkzeuge zu verkleben und sie fernzuhalten. Der Saft ist aber auch – wie bei fast allen Wolfsmilch-Arten – hoch giftig. Es wird berichtet, dass Saftspritzer ins Auge zu massiven Schädigungen führen können. Bei diesen Pflanzen ist Vorsicht geboten.

Ganz anders die Überlebensstrategie der Tabaiba dulce: Obwohl ihr Latex ungiftig ist, gibt es an ihnen keine Fraßschäden. Früher, bis zum Ende der Franco-Diktatur, ritzten Leute die Stäm­-me an und fingen den austretenden Saft in Gefäßen auf. Das geronnene Material wurde nach Barcelona verkauft und dort zu Kaugummi verarbeitet. Tabaiba dulce treibt nach kräftigem Regen gut entwickelte Blätter. Im Laufe des Frühjahrs und mit zunehmender Trockenheit wirft sie diese ab und entzieht sie so der gefährlichen Sonnenstrahlung. Solange sie Blätter hat, kann sie sich durch Photosynthese ernähren. Danach verfällt sie in eine Art Trockenstarre. Der Cardón hingegen ist ganzjährig grün. Sein Blattgrün ist in seiner Rinde, die damit für seine Ernährung zuständig ist. Es gibt bei Pflanzen erkennbar mehr als nur eine Art der Anpassung an das WüstenKlima.

Tabaiba dulce wird leicht mit Tabaiba amarga, der bitteren Wolfsmilch (Euphorbia lamarckii) verwechselt. Genau wie Cardón ist diese weitere Art aber hoch giftig. Sie wächst etwas weiter landeinwärts im gleichen Gebiet, weil sie das Salz an der Küste nicht verträgt. Gelegentlich finden wir Exemplare beider Arten nebeneinander und können sie so gut vergleichen. Die Rinde der süßen Tabaiba ist rötlich-braun, die der bitteren dagegen hellgrau. Während sich die süße oft dicht an den Boden drückt und dort bereits deutlich verzweigt, bildet die bittere einen kurzen Stamm und verzweigt sich erst darüber. Auch die Blätter sind gut unterscheidbar: kürzer und breiter bei der süßen Art und länger und schmaler bei der giftigen. Weil dieser Lebensraum von den Wolfsmilchgewächsen dominiert ist, nennt ihn die Wissenschaft Cardonal-Tabaibal.

Michael von Levetzow 

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