Plastikflut im Paradies


Foto: alexis rivera/wwf

Wie die Natur des Chinijo-Archipels vom Plastikmüll bedroht ist

Lanzarote – Seit dem 1. Juli dürfen Einzelhändler in Spanien an ihre Kunden keine kostenlosen Plastiktüten mehr ausgeben. Damit ist Spanien den Anweisungen des Europäischen Parlaments gefolgt, das diese Richtlinie mit dem Ziel beschlossen hat, die Umwelt besser vor Plastikmüll zu schützen. Doch diese und auch andere Maßnahmen zur Vermeidung von Plastikmüll in Europa kommen spät und bleiben nur ein Tropfen auf den heißen Stein, denn Plastik ist längst das größte Umweltproblem der Ozeane.

Die Plastik-Pest in den Weltmeeren ist eine der großen Plagen des 21. Jahrhunderts und auf den Kanarischen Inseln hautnah zu erleben. An den Touristenstränden, die regelmäßig gesäubert werden, ist scheinbar alles in Ordnung und kein Müll zu sehen. Der Krieg gegen die Plastikflut wird an Küstenorten ausgetragen, die nicht durch einen täglichen Reinigungsdienst sauber gehalten werden und an die durch ihre Lage und Meeresströmungen besonders viel Müll angeschwemmt wird.

Mitarbeiter und freiwillige Helfer der Naturschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) sammeln seit 20 Jahren auf dem Chinijo-Archipel Müll ein. Über 1.600 Freiwillige haben sich an diesem Projekt des WWF Canarias bereits beteiligt und die Küste von Chinijo von Müll befreit.

Bei jeder WWF-Säuberungskampagne sammeln Freiwillige Tausende Kilo Müll – überwiegend Plastik. Foto: alexis rivera/wwf

Chinijo gilt als das letzte naturbelassene Paradies der Kanarischen Inseln. Der kleine Archipel umfasst die Inseln La Graciosa, Alegranza, Roque del Este, Roque del Oeste und Montaña Clara und steht seit 2003 als Biosphärenreservat unter dem Schutz der UNESCO. Chinijo und die Felsküste von Famara auf Lanzarote sind Heimat vieler Spezies, die zum Erhalt der Biodiversität auf den Kanaren beitragen. In den Gewässern rund um den Chinijo-Archipel sind verschiedene marine Ökosysteme zu finden, und die Vielfalt der marinen Flora und Fauna ist enorm. Enorm ist leider auch die Bedrohung dieses Paradieses, wie die Statistik von WWF Canarias zeigt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden von WWF jährliche Säuberungsaktionen durchgeführt, bei denen die freiwilligen Helfer drei Monate lang einmal pro Woche mit Müllsäcken bewaffnet ausrücken, um dem Plastik an den Kragen zu gehen. Den Kampf gegen das sogenannte Mikroplastik, also Teilchen mit einer Größe unter fünf Millimetern, erklären sie für längst verloren. An den Stränden von La Graciosa, Alegranza und den übrigen Inselchen des Chinijo-Archipels sammeln sie bei jeder ihrer Aktionen im Schnitt zwischen 4.500 und 6.000 Kilo Müll, vor allem Plastik.

Bereits 2016 stellten Biologen fest, dass der Strand Playa del Ámbar auf La Graciosa besonders exponiert ist. Im Nordosten von La Graciosa hat dieser Strand seinen Namen vom Amber, auf Spanisch „grauer Bernstein“ (Ámbar gris) genannt, einer Substanz, die im Verdauungstrakt der Pottwale entsteht und früher für die Parfümherstellung sehr begehrt war. Vor Jahrzehnten wurde viel Amber durch Strömungen an diesen Strand auf La Graciosa angeschwemmt. Heute ist es Plastikmüll, wie Alexis Rivera von WWF Canarias mit Bedauern feststellt. Rivera stammt von Lanzarote und ist spezialisiert auf Biodiversität. Er arbeitet seit dem Jahr 2001 für WWF auf den Kanarischen Inseln und ist heute Direktor der Abteilung Erhaltung der biologischen Vielfalt. „Heute werden hier statt Amber Ölklumpen und Plastik angeschwemmt“, erklärt Rivera.

Mit jeder Flut werden schätzungsweise 120 Gramm Mikroplastik pro Quadratmeter an die kanarischen Strände geschwemmt. Plastikteilchen werden von Fischen zusammen mit Plankton verschluckt und sind längst in die Nahrungskette gelangt. Berichte diverser Organisationen und Studien haben gezeigt, dass unsere Ozeane mit Millionen Tonnen Plastikmüll verschmutzt sind. Auf den Kanarischen Inseln werden immer wieder Meeresschildkröten aufgefunden, die in im Meer treibende Fischernetze geraten sind, aus denen sie sich nicht befreien können. Schildkröten sind auch enorm durch im Meer schwimmende Plastiktüten gefährdet, da sie diese mit Quallen verwechseln und daran ersticken. Auch Meeresvögel und Wale sind durch Plastikmüll bedroht.

Die EU-Kommission hat errechnet, dass es im Jahr 2050 mehr Plastik als Fische im Meer geben wird, wenn nichts unternommen wird.





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