Streifzüge – ein Museum erzählt: Auf die Zähne geschaut


Museen gibt es viele. Auch auf den Kanaren. Die meisten haben etwas Besonderes. Das Museo de Naturaleza y Arqueología (MUNA) in Santa Cruz de Tenerife ist einzigartig und mehr als nur einen Besuch wert. In einer Artikelserie stellen wir es vor und erklären seine Ausstellungen.

Standort: Zweite Etage, Arqueología, Área 3.3 und 3.4

Zahlreiche mumifizierte Schädel schauen uns in diesem Bereich an. Einige weisen Spuren erfolgreicher medizinischer Eingriffe auf, andere zeigen verheilte Verletzungen. Bei all dem übersehen wir leicht, dass sie uns noch einiges mehr zu bieten haben. Oft sind noch große Partien der Kopfhaut erhalten, in einigen Fällen auch sehr deutlich die Kopfbehaarung. Das ist nicht nur gut erkennbar, es ist das, was die Mehrzahl der Besucher am meisten erstaunt, kennt man doch normalerweise nur nackte Totenschädel. Seltener beachten wir die noch erhaltenen Zähne. Dabei können sie durchaus einiges zu unseren Erkenntnissen über das Leben der Guanchen beitragen. Dass ihre Lebensweise Zahnerkrankungen wie die Karies eher nicht begünstigten, haben wir bereits früher gesehen. Zu­ckerhaltige Lebensmittel spielten hier in vorspanischer Zeit erkennbar keine wichtige Rolle. Wenden wir uns also anderen Gesichtspunkten zu.

Betrachten wir die Zähne der verschiedenen Objekte genauer, können wir leicht erkennen, wie unterschiedlich abgenutzt die Kauflächen der Backenzähne von Person zu Person erscheinen. Bei einigen sind selbst die Schneiden mancher Schneidezähne breiter als wir das von unseren eigenen kennen. Haben die Guanchen ihre Zähne zugeschliffen? So wie manche anderen Naturvölker? Mit Sicherheit nicht. Diese Zähne wurden schlichtweg abgenutzt. Noch heute kennt und nutzt man auf den Kanarischen Inseln Gofio, das Mehl aus zuvor geröstetem Getreide. Es spielte in der Ernährung der Ureinwohner durchaus schon eine Rolle und gelangte von ihnen in die heutige kanarische Küche. Damals wurde es mit den Handmühlen aus Basalt hergestellt, von denen wir im ersten Stockwerk des Museums zahlreiche Beispiele betrachten konnten. Zu ihrer Herstellung wurde erkennbar poröser Basalt mit zahlreichen Löchern in der Oberfläche bevorzugt. Dieser sehr raue Stein erleichterte das Mahlen des Getreides erheblich. Allerdings entstand dabei neben dem begehrten Gofio auch ein gewisser Stein-Abrieb, Gesteinsmehl, das man nicht aus der Nahrung entfernen konnte. Beim Verzehren des Gofios gelangte er zwischen die Zähne und schliff diese ab. Wir finden daher solche Abnutzungsspuren vor allem an den Gebissen älterer Personen und unter diesen wieder bevorzugt bei Leuten aus dem Norden der Insel; denn dort wurde mehr Ackerbau betrieben. Dort spielte Gofio eine größere Rolle in der Ernährung.

Gelegentlich lassen sich Zahnstein-Ablagerungen entdecken. Sie konnten zu Entzündungen des Zahnfleischs führen, nicht anders als bei uns heute. Ohne entsprechende Behandlung kann das einen Rückzug des Zahnfleischs bewirken, an dessen Ende im ungünstigen Fall ein oder mehrere Zähne ausfallen. Das geschah bei den Guanchen erkennbar gar nicht so selten. Der Verlust von Zähnen wurde in der Regel überlebt. Wir erkennen das daran, dass anschließend in den Kiefern die leeren Zahnfächer mit Knochenmaterial zuwuchsen. Im Gegensatz dazu blieben die Zahnfächer natürlich leer, wenn die Zähne erst nach Tod und Mumifizierung ausgefallen waren, beispielsweise durch unsachgemäße Behandlung der Mumien bei oder nach deren Bergung aus den Bestattungshöhlen. Ab und zu finden sich auch die Zeichen einer Zahnwurzelvereiterung. Bei dem damit ausgestellten Unterkiefer gibt es allerdings keine Heilungszeichen. Dieser Mensch starb vermutlich an den Folgen der von dieser Vereiterung ausgelös­ten Blutvergiftung. Der vereiterte Zahn fiel möglicherweise erst nach dem Tod aus, möglicherweise aber auch kurz vorher.

Neben diesem Unterkiefer finden wir einen weiteren ausgestellt, der vollkommen zahnlos und vollständig verheilt ist. Dieser Mensch hatte also den Verlust aller seiner Zähne gut überlebt, was in einer Viehzüchter- und Fleischesser-Kultur bestimmt nicht einfach war. Schließlich konnte er nichts kauen. Dass dieser Mensch lange weiterlebte, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die Guanchen sich fürsorglich um ihre Angehörigen kümmerten. Sein Kiefer hingegen degenerierte während oder nach den Zahnverlusten weitgehend bis auf einen zierlichen Knochenbogen.

(Fortsetzung folgt. Nächstes Thema: Die Kammer mit den Mumien)

Michael von Levetzow
Tenerife on Top

Museo de Naturaleza y Arqueología, C/ Fuente Morales, Santa Cruz.

Geöffnet: Di.-Sa. 9.00-20.00 Uhr; So., Mo. u. Feiertage 10.00-17.00 Uhr.

Eintrittspreise: 5 € (Residenten 3 €); Senioren ab 65 Jahre 3,50 € (Residenten 2,50 €); Kinder unter 8 Jahren frei. Freier Eintritt jeden Fr. u. Sa. 16.00 – 20.00 Uhr (falls Feiertag 13.00 – 17.00 Uhr)

Jeden Mittwoch 11.00 Uhr Führung in deutscher Sprache (ohne Aufpreis). Museums-WiFi auf Deutsch.

museosdetenerife.org

 

 

Über Wochenblatt

Das Wochenblatt erscheint 14-tägig mit aktuellen Meldungen von den Kanaren und dem spanischen Festland. Das Wochenblatt gilt seit nunmehr 36 Jahren als unbestrittener Marktführer der deutschsprachigen Printmedien auf den Kanarischen Inseln.

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
  Abonnieren  
Benachrichtige mich zu: