Streifzüge – ein Museum erzählt: Zanata


Standort: Erste Etage, Arqueología 2

Der Raum rechts hinten im ersten Obergeschoss wirkt auf den ersten Blick beinahe leer. Außer ein paar ausgeblichenen, dringend erneuerungsbedürftigen grafischen Darstellungen auf den Wänden befindet sich hier einzig eine kleine unscheinbare Vitrine nahe der linken Wand. Sie enthält einen länglichen Stein, anscheinend nichts von Wichtigkeit – also schnell weitergehen!? Besser nicht! Der unscheinbare Stein ist eins der wichtigsten Fundstücke Teneriffas. Aber ohne etwas Hintergrundwissen kann man das kaum erkennen. 

Lange Zeit galt es als ausgemacht, dass die Ureinwohner der Kanarischen Inseln über keine Schrift verfügten und auch nichts Künstlerisches oder Grafisches hinterlassen hatten – eine ziemlich einfache Kultur eben, nicht wirklich hochstehend. Hochkulturen verfügten definitionsgemäß über eine Schrift, durch die sie sich klar von den schriftlosen Kulturen unterschieden. Letzteren gegenüber galten sie selbstverständlich als zivilisatorisch und militärisch überlegen, woraus manchmal auch das Recht abgeleitet wurde, die Völker mit gefühlt primitiverer Kultur zu unterwerfen und sich einzuverleiben. Da machte die Eroberung der Kanarischen Inseln keine Ausnahme. Lange Zeit hatte man einfach nicht genau hingeschaut, und als man schließlich hinschaute, gab es keine Ureinwohner mehr, die hätten erklären können, was es mit den seltsamen Zeichen auf manchen Felsen auf sich hatte. Der Erste, dem etwas auffiel, war 1752 der damalige Militärgouverneur von La Palma. Von Amts wegen musste der die Cueva de Belmaco aufsuchen, um dort den Leichnam eines Verunglückten in Augenschein zu nehmen. Beiläufig registrierte er spiralförmige Gravuren auf einigen glatten Felsflächen und hielt sie für zufällige Spielereien der vorspanischen Bevölkerung. Immerhin hat er davon an wissenschaftliche Gesellschaften berichtet. In der Folgezeit wurden auf seiner Insel zahlreiche Fundstätten mit Felsritzungen entdeckt. Die Symbole mussten eine Bedeutung haben; welche aber, ist bis heute weitgehend unklar. Ein Alphabet war nicht erkennbar.

Fundstätten mit Felsgravuren auf weiteren Inseln kamen hinzu, allein Teneriffa galt in dieser Hinsicht als frei davon. Erst 1980 wurden hier bei Aripe Felsritzungen entdeckt und leiteten eine Epoche sorgfältiger archäologischer Erfassung ein. Heute sind viele Plätze mit solchen Hinterlassenschaften bekannt, vor allem auf dem Gebiet der Gemeinde Arico. 1992 fanden Jäger am Fuß der Montaña de las Flores bei El Tanque im Inneren eines Steinkreises den eingangs erwähnten Stein. Auf Umwegen gelangte er ans Museum, und so war seine Echtheit längere Zeit unter Wissenschaftlern umstritten. Inzwischen gilt sie als gesichert.

Von der Seite betrachtet erinnert er an einen Fisch. Möglicherweise wurde er dafür etwas bearbeitet. Das wäre ungewöhnlich genug. Was die Archäologen regelrecht elektrisierte, waren drei in den Stein geritzte Symbole, die man gut als Buchstaben des libysch-berberischen Alphabets erkennen konnte. Sie bedeuteten z, n und t. Sensationell war nicht nur die Erkenntnis, dass es in den altkanarischen Kulturen Schriftzeichen gab, sie wiesen auch auf einen möglichen Ursprung der Ureinwohner unter den Berbervölkern Nordafrikas hin. Bis zum damaligen Zeitpunkt gab es keine gesicherten Hinweise zur tatsächlichen Herkunft der Alt-Kanarier, sondern nur Legenden. Es dauerte noch einige Jahre, bis molekulargenetische Befunde ebenfalls die Herkunft der Ureinwohner bestätigten. Seitdem ist die Echtheit des Steins unbestritten.

Das libysch-berberische Alphabet kennt keine Vokale, eine Gemeinsamkeit mit den ägyptischen Hieroglyphen und der hebräischen Schrift. Das Lesen solcher Schriftzeichen ist daher nicht ganz einfach, vor allem dann, wenn es sich nur um ein einzelnes Wort und keinen längeren Text handelt. Sprachwissenschaftler fügen meistens ein a, seltener ein e zwischen den Konsonanten ein. Somit ergeben die drei Symbole das Wort Zanata. So hieß in vorchristlicher Zeit, in der Epoche der ersten Besiedlung unserer Inseln, ein großes Berbervolk auf dem Gebiet des heutigen Tunesien, das später seine Wohngebiete ins heutige Marokko verlegte. Gut möglich, aber mangels schriftlicher Überlieferung nicht beweisbar, dass es einen Zusammenhang zwischen diesem Volk und den ersten Besiedlern Teneriffas gab. Auf alle Fälle zeigt der Stein, dass zumindest einige Guanchen schreiben konnten. Ob ihre Kultur deswegen als Hochkultur angesehen werden sollte, erscheint fraglich.

(Fortsetzung folgt. Nächstes Thema: Höhlenbewohner und Häuslebauer)

Michael von Levetzow

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Museo de la Naturaleza y del Hombre, C/ Fuente Morales, Santa Cruz.

Geöffnet: Di.-Sa. 9 – 20 Uhr; So., Mo. u. Feiertage 10 – 17 Uhr.

Eintrittspreise: 5 € (Residenten 3 €); Senioren ab 65 Jahre 3,50 € (Residenten 2,50 €); Kinder unter 8 Jahren frei. Freier Eintritt jeden Fr. u. Sa. 16.00 – 20.00 Uhr (falls Feiertag 13.00 – 17.00 Uhr)

Jeden Mittwoch 11.00 Uhr Führung in deutscher Sprache (ohne Aufpreis). Museums-WiFi auf Deutsch.

museosdetenerife.org

 





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