Streifzüge – ein Museum erzählt: Die Necochea-Mumien


Die Necochea-Mumien im MUNA (links die weibliche)

Museen gibt es viele. Auch auf den Kanaren. Die meisten haben etwas Besonderes. Das Museo de Naturaleza y Arqueología (MUNA) in Santa Cruz de Tenerife ist einzigartig und mehr als nur einen Besuch wert. In einer Artikelserie stellen wir es vor und erklären seine Ausstellungen.

Standort: Zweite Etage, Arqueología, Área 3.2 – El mundo funerario

Mumien reisen nicht. Normalerweise. Obwohl, genau betrachtet, einstmals die verstorbenen Ureinwohner Teneriffas auf der Insel gewisse Wegstre­cken befördert wurden. Zuerst zu dem Ort, an dem die Leiche zu einer Mumie bearbeitet wurde. Oftmals lagen diese Plätze im Hochgebirge der Insel; denn die dortige meistens trockene Luft begünstigte die Mumifizierung. Deren wichtigs­ter Prozess war das Trocknen des toten Körpers. Danach wurde die Mumie in Tierfelle eingehüllt, auf ein Totenbrett gebunden und in die Bestattungshöhle transportiert. Zwei Beispiele solcher Totenbretter sind an anderen Stellen des Museums ausgestellt. Zwei der hier ausgestellten Mumien hatten allerdings schon eine lange und weite Reise hinter sich, bevor sie der aktuellen archäologischen Sammlung hinzugefügt werden konnten. Ursprünglich befanden sie sich zusammen mit wenigstens vier weiteren Guanchenmumien sowie diversen Mumienteilen und archäologischen Fundstücken in Tacoronte in der privaten Sammlung Casilda. Nach dem Tod ihres Sammlers und Besitzers wurden sie 1889 mit weiteren Teilen der Sammlung nach Argentinien verkauft und gelangten schließlich in das Museum der Stadt Necochea. 104 Jahre später kamen sie auf Initiative der Anthropologen des MUNA wieder nach Teneriffa zurück.

Sie waren nicht die einzigen Guanchenmumien, die damals nach Übersee verkauft worden waren. Aber nur von ganz wenigen ist der Verbleib bekannt. Eine gut erhaltene befindet sich in der anthropologischen Sammlung der Universität Göttingen, eine weitere in der Sammlung der Universität von Cambridge. Als am besten erhalten überhaupt gilt der konservierte Leichnam eines 30 – 40-jährigen Mannes im Archäologischen Nationalmuseum in Madrid. Seine Rückgabe nach Teneriffa wird seit 1976 verlangt. Dem Verlangen hat das Abgeordnetenhaus in Madrid 2010 zugestimmt und nur zwei Jahre später das Ersuchen wieder zurückgewiesen. Die besterhaltene Guanchenmumie müsse vor zu erwartenden Transportschäden geschützt werden. Somit verbleibt sie weiterhin in Madrid.

Die beiden Necochea-Mumien hingegen haben den viel längeren Transport von Argentinien gut überstanden und wurden inzwischen mit modernen Methoden untersucht. Dabei gaben sie einige ihrer Geheimnisse preis. Es handelt sich um eine im Alter von 20 – 24 Jahren verstorbene Frau und einen zum Zeitpunkt seines Todes etwa 25 – 29 Jahre alten Mann. Wahrscheinlich lebten sie in der Gegend von Tacoronte und La Orotava.

Die mumifizierte Frau war mit einer Körpergröße von nur 137 cm erstaunlich klein, schließlich erreichten Guanchenfrauen durchschnittlich 159 cm und waren somit etwa 20 cm größer. Ihre Zähne weisen deutliche Zeichen einer Mangelernährung auf, möglicherweise war sie aber während ihrer Kindheit und Jugend oft krank. Jedenfalls erreichte sie nicht einmal das im Menceyato (Fürstentum) von Tacoronte übliche Durchschnittsalter von 27 Jahren. Über ihre Todesursache wissen wir nichts.

Der Necochea-Mann wurde wenige Jahre älter und starb etwa im Durchschnittsalter seiner Region. Mit 173 cm Körpergröße lag er knapp über der durchschnittlichen Größe der Guanchenmänner seiner Zeit. In seiner Leibeshöhle haben sich die Reste der inneren Organe gut erhalten. Auf Röntgenbildern zeigten sich bei ihm Reste von Pflanzenteilen, die bei der Mumifizierung benutzt wurden. Es fanden sich nur geringe Spuren während seiner Jugendzeit überstandener Hungerperioden. Den Spurenelementen in seinen Zähnen zufolge aß er die typische Guanchennahrung. Seine Zähne waren gesund und wenig abgekaut. Möglicherweise starb er an einem Knochentumor oder einer Knochenentzündung im Bereich der linken Schläfe, die keine Zeichen einer Heilung aufweist. Ungewöhnlich sind bei ihm die untergeschlagenen Unterschenkel. Diese Stellung wurde erst nach seinem Tod herbeigeführt. Der Grund dafür ist unbekannt.

Michael von Levetzow

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Museo de Naturaleza y Arqueología, C/ Fuente Morales, Santa Cruz.

Geöffnet: Di.-Sa. 9.00-20.00 Uhr; So., Mo. u. Feiertage 10.00-17.00 Uhr.

Eintrittspreise: 5 € (Residenten 3 €); Senioren ab 65 Jahre 3,50 € (Residenten 2,50 €); Kinder unter 8 Jahren frei. Freier Eintritt jeden Fr. u. Sa. 16.00 – 20.00 Uhr (falls Feiertag 13.00 – 17.00 Uhr)

Jeden Mittwoch 11.00 Uhr Führung in deutscher Sprache (ohne Aufpreis). Museums-WiFi auf Deutsch.

museosdetenerife.org





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