» Senfklecks am Teide «


Senf ist gelb und heißt auf Spanisch „mostaza“. In der kanarischen Küche spielt er keine Rolle. Die Montaña Mostaza ist dunkel-rotbraun, und was sie – trotz ihres Namens – mit Senf zu tun hat, erschließt sich nicht von selbst. An der Straße durch den Nationalpark von El Portillo zur Seilbahnstation ist sie der erste der zahlreichen erloschenen Vulkane dieses Gebietes, auf den mit einem eigenen Namensschild hingewiesen wird. Unübersehbar und mit einem breit offenen Krater erhebt sich ihr Kegel unmittelbar links der Straße. Dass die Besucher auf dem kurzen Abschnitt bis hierher schon an drei anderen Vulkanen rechts der Straße vorbeigefahren sind, dürften die wenigsten bemerkt haben. Ihr Erscheinungsbild entspricht einfach nicht dem Typus eines konischen Berges. Vulkan ist nicht gleich Vulkan. Es kommt auf die Art des Ausbruchs und der Lava an. 

Eine Wegspur führt über die rechte Kante des Kraters hinauf zum Gipfel. Man kann ihn in zehn Minuten erreichen. Der Rundblick über die Umgebung lässt uns etwas von dem längst vergangenen Geschehen erkennen, das diese Landschaft formte. Die Hufeisenform des Berges und seine Asymmetrie weisen die Eruption als „strombolianisch“ aus. Aus dem italienischen Vulkan Stromboli tritt immer wieder fließende Lava aus, während gleichzeitig durch den Gasdruck der Lava Glutfontainen hoch in die Luft geschleudert und in kleinere Stücke zerrissen werden. So baut sich um den Krater ein hoher Schlackenwall auf. Da zur Zeit des Ausbruchs der Montaña Mostaza der Nordost-Passat wehte, konnten sich die Schlacken nur an der windabgewandten Seite aufschichten und bildeten das Hufeisen. Unten ist deutlich sichtbar, dass von außen Lava eines anderen Vulkans in den Krater eingedrungen ist und die Lava der Montaña Mostaza dort überdeckt hat. Die fremde Lava ist zerklüftet und stammt von der Montaña de los Corrales jenseits der Straße, die vor gut 7000 Jahren ausgebrochen ist. Deren Alter ist im Gegensatz zu dem unseres Berges bestimmbar. Auf alle Fälle muss er älter sein, sonst befände sich seine Lava nicht unter der des jüngeren Nachbarn. Mit „nur“ 2000 Jahren wesentlich jünger ist die stark zerrissene Lava, die den Fuß unseres Kegels an dessen südlicher Flanke dick überschichtet hat. Ihr Ursprung ist in der Montaña Blanca gut identifizierbar. Bekannt ist die Stelle wegen der vielen Obsidiane, die dort schwarz in der Sonne glänzen. Beim Blick nach Osten in Richtung der Cañadas-Steilwände erkennen wir, wo die Lavaströme von Montaña de los Corrales und Montaña Blanca zum Stillstand gekommen sind. Jenseits davon taucht der ältere Lavastrom der Montaña Mostaza erstmals sichtbar auf. In einem breiten Fächer wandte er sich dem natürlichen Gefälle des Geländes folgend nach Süden, bis er von einem noch älteren Lavastrom gestoppt und aufgestaut wurde. Die nachrückende Lava schob sich in sichelförmigen Wällen zwei bis drei Meter nach oben. Wer einmal eine voll mit Sand beladene Schubkarre sehr steil aufwärts geschoben hat, bekommt vielleicht eine ungefähre Vorstellung der gewaltigen Energien, die hier im Spiel waren. Mit dem noch älteren Lavastrom kommt der Pico del Teide ins Spiel, von dem diese Lava stammt. Bei seinem letzten Ausbruch vor 1200 Jahren überdeckten dunkle basaltische Laven die viel helleren Schichten des „alten“ Teide. Dessen damaliges Aussehen dürfen wir uns etwa so vorstellen, als ob alles, was sich heute oberhalb der Bergstation der Seilbahn erhebt, und alles, was die darunterliegenden Bergflanken schwarz färbt, nicht existierte. In der Tat erschien der Teide vorher aufgrund anderer Lava als heller und niedrigerer Berg. Die Beneahoritas, die Ureinwohner unserer Nachbarinsel La Palma, nannten unsere Insel „Tener Ife“ – „weißer Berg“, vermutlich nicht nur, weil der Teide im Winter verschneit war. Wer zum Refugio de Altavista aufsteigt, überquert im letzten Abschnitt ein etwa 300 m langes Gelände, an dem der „alte Teide“ noch sicht- und hörbar ist. Der hellere Untergrund ist dort wesentlich sanfter und nicht so zerrissen wie die angrenzenden schwarzen Lavarippen des letzten Ausbruchs. Und manchmal klingt der Stein unter unseren Schritten.

Exakt diesen helleren trachyphonolithischen Lavatyp finden wir, wenn wir uns, statt von der Straße aus schnell zum Gipfel zu gelangen, der Montaña Mostaza über den Siete-Cañadas-Weg (Sendero 4) nähern. Ein Ausflug hierher oder noch etwas weiter bis zur Cueva de Diego Hernández beim Risco Verde mit anschließender Rückkehr zum Portillo enthebt uns der Notwendigkeit, den einzigen Bus am Parador erreichen zu müssen, und gibt uns stattdessen reichlich Zeit, die Landschaft zu erkunden. Gelegentlich können wir wohl auch Einzelwanderer oder Gruppen beobachten, wie sie ohne anzuhalten unterwegs sind und die Route als „Schnellweg“ interpretieren. Ob Titsa jemals den Fahrplan ändert, damit die Wanderer hier mehr Zeit haben?

Die alte Teide-Lava ist nicht nur heller als die Basalte der jüngeren Ströme, sie ist auch leichter geflossen und deswegen nicht in große Blöcke zerrissen. Das trug hier zur Bildung großer Ebenen bei. Verstärkt wurde dieser Effekt noch durch eine der letzten Eruptionen der Montaña Blanca, die äußerst explosiv verlief und die ganze Gegend mit einer dicken Schicht aus hellen Bims-Partikeln bedeckte. Vom Sendero 4 aus sehen wir Montaña Mostaza vor dem wesentlich größeren Teide und je nach Standort noch dazwischen die hellere und höhere Montaña Blanca. Die Lava der Montaña Mostaza überragt die Bimsebene um etwa vier Meter. Rechts und deutlich dicker liegen die Laven der Montaña de los Corrales und links im Hintergrund wesentlich mächtiger die erstarrten Ströme der Montaña Blanca.

Rostbraun ist vor allem die Montaña Mostaza und weist auf den Eisengehalt ihrer Lava hin. An ihrer Oberfläche ist sie im Lauf der Jahrtausende oxidiert, verrostet eben. In einen derart gefärbten Senf würde vermutlich niemand seine Wurst tauchen. Senf ist gelb. Und gelb sind auch die nach der Blüte vertrockneten Büsche der Teide-Rauke, von den Einheimischen Hierba Pajonera – Strohkraut genannt. Sie wächst stellenweise dicht an diesem nur etwa 100 m hohen Vulkankegel. Und von ihrer senfgelben Farbe soll sich der Name herleiten.

Michael von Levetzow
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