» Ein Balkon über dem Tal «


So etwa könnte es vor 33.000 Jahren abgelaufen sein: Anfangs hat die Erde leicht gezittert, für Menschen unmerklich. Spinnen mit empfindlicheren Sinnesorganen in ihren Beinen mögen es gespürt haben. Im Laufe von Wochen und Monaten wurden die Stöße stärker. Schließlich lösten sich bei den Beben Gesteinsbrocken aus den steilen Wänden, die im Westen und Osten das Tal umfassen. Möglicherweise gab es am Ende einen dumpfen Knall, als das seit Monaten aufsteigende und sich seinen Weg durch den Untergrund bahnende Magma die Erdoberfläche erreicht hatte. Dann stiegen Feuergarben in den Himmel, und glühende Lava floss ins Tal. Ein neuer Vulkan wurde geboren, einer der mehr als 320, die man heute noch auf Teneriffa zählen kann. Wie viele ungezählt im Untergrund verschüttet liegen, vermag niemand zu schätzen. Fast alle brachen nur ein einziges Mal aus, waren lebhaft, veränderten das Landschaftsbild und starben bald wieder. Im Untergrund unter ihnen kühlte die dort verbliebene Lava ab, wurde fest und versperrte späteren Ausbrüchen den Weg. Oberflächlich geschah das in nur 2 – 3 Wochen, unterirdisch dauerte die Abkühlung noch bis zu Jahrhunderten. Nur in wenigen Vulkanen wie dem Pico del Teide und dem benachbarten, jüngeren Pico V blieben die Aufstiegsschlote lange Perioden aktiv und erlaubten zahlreiche Serien von Ausbrüchen. Noch aktiv, wenn auch im Tiefschlaf, ist auf den Kanaren einzig der Teide.

Schaut man im Orotava-Tal an einem wolkenfreien Tag von der Küste hinauf nach El Portillo und zum dahinter aufragenden Teide, fällt dort die große Lücke im Gebirgskamm auf. Rechts davon, also im Westen, wird sie durch El Cabezón, die oberste Erhebung der Tigaiga-Wand begrenzt, die bis zum Meer hinab reicht und hier die Talgrenze bildet. Links vom Cabezón kommt zunächst keine Erhebung. Dort befindet sich seit Urzeiten der Eingang in die Cañadas del Teide. Hierher zog es, seit die ersten Menschen auf der Insel Fuß fassten, Hirten, Entdecker, Wanderer und Touristen. „Portillo“ bedeutet „Törchen“. Die Lücke endet links mit einem Vulkankegel, der Montaña Guamaso. Auf ihn bezieht sich der einleitende Text über die Eruption.

Bei einem kleinen Parkplatz an der TF-24 beginnt der bequeme Wanderweg Nr. 14 und umrundet den Kegel auf halber Höhe. Eine knappe Stunde einschließlich einiger kleiner Stopps benötigt man dazu. An wolkenlosen Tagen, vor allem morgens, wenn die Luft noch klar ist, hat man hier Panoramablicke vom Feinsten: Der Teide ragt gegenüber und in guter Fotodistanz rund 1.700 m in die Höhe. Seine beiden Begleitvulkane, links die Montaña Blanca und rechts der Pico de Cabras, zeichnen sich deutlich gegen den Himmel ab. Ihre letzten Ausbrüche liegen nur wenige Tausend Jahre zurück, als der Guamaso schon fast 30.000 Jahre still und ganz ordentlich verwittert war. Umrunden wir ihn im Uhrzeigersinn, erblicken wir unter uns im Wald vor und jenseits der Straße den schwach ausgeprägten Barranco del Rayo. Er entstand dadurch, dass dort vor etwa 13.000 Jahren die Lava des Volcán del Portillo die Lava des Guamaso teilweise überfloss. Seitdem ist das Regenwasser gezwungen, genau an dieser Grenzlinie talwärts zu fließen. Aber in 13.000 Jahren wird solch ein Barranco im harten Basalt noch nicht sehr tief ausgegraben, wie man sieht.

Während wir ihn weiter umrunden, wird der Berg rasch zum Balkon hoch über dem breiten Orotava-Tal. Die Küste liegt mehr als 2.100 m tiefer und etwa 11 km entfernt. In östlicher Richtung reicht der Blick bis ins Anaga-Gebirge. Bis dorthin reiht sich in den tieferen Lagen über eine Distanz von 40 km Ortschaft an Ortschaft. Nach Wes­ten begrenzt die Tigaiga-Wand das Panorama. Nur vom Teide-Gipfel sieht man weiter und mehr, allerdings ist die Ferne von dort oben meistens diesiger.

In weitem Bogen geht es durch die Kraterschüssel bzw. das was die Erosion davon übrig ließ. Es ist noch genug, um zu erkennen, dass dieser Krater hufeisenförmig nach Nordosten geöffnet war. Von dort blies, wie so oft, während des Ausbruchs ein kräftiger Nordostpassat und bewirkte Form und Ausrichtung des Kraters. Eigentlich waren es sogar drei Krater; denn am Ende jedes Hufeisenarms befindet sich noch je ein weiterer kleiner Trichter. Es war eine sogenannte strombolianische Eruption, nicht wirklich explosiv, aber doch vehement genug, um fortwährend Bröckchen und Fetzen aus glühender Lava in die Luft zu schleudern, die dann in einiger Entfernung zu Boden prasselten und den Vulkankegel aufschütteten. Da der Passat einen Teil der gegen die Windrichtung ausgestoßenen Partikel in den Krater zurückbeförderte, bildete sich das Hufeisen. Zugleich förderte der Vulkan fließende Lava, die sich talwärts ausbreitete und dessen Untergrund erhöhte. Spätere Ausbrüche anderer Vulkane überdeckten die Guamaso-Lava in tiefer gelegenen Talbereichen, sodass heute nicht mehr erkennbar ist, wie weit sie damals gelangt ist.

Nach Verlassen des Kraters und im weiteren Umrunden des Berges erkennen wir in der Nachbarschaft weitere Vulkankegel. Einige sind etwas älter, andere etwas jünger. Alle liegen sie entlang einer etwa von hier in nordöstlicher Richtung verlaufenden Linie, die nicht von ungefähr einem Dachfirst ähnelt. Tief im Untergrund verläuft in der Erdkruste genau in dieser Richtung eine Spalte, durch die über Millionen von Jahren Magma bis zur Oberfläche aufstieg. Vor allem hier wuchs die Insel in die Höhe, und vor allem hier wurde sie von Zeit zu Zeit so instabil, dass ganze Flankenabschnitte unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrachen und ins Meer stürzten. Solch ein Ereignis führte vor 500.000 Jahren zur Entstehung des Orotavatals. Da nach solch einer Katastrophe aufsteigendes Magma leichter die Erdoberfläche erreichen kann, setzt in diesen Bereichen verstärkte vulkanische Aktivität ein und füllt die Täler nach und nach wieder auf. Müssten wir daher mit Ausbrüchen rechnen? Auf Teneriffa hat der Vulkanismus seinen Höhepunkt längst überschritten, Ausbrüche sind nach Ansicht der Fachleute unwahrscheinlich – vor allem in dieser Gegend. Bisher halten sich die Vulkane an diese Voraussage.

Michael von Levetzow 

Tenerife on Top




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