» An der Grenze « (Teil 2)


Herques bzw. Erques heißen zwei große Barrancos auf Teneriffa. Mit oder ohne H spielt für die spanische Aussprache keine Rolle; denn Spanier sprechen kein H. Die unterschiedliche Schreibweise dient nur der guten Ordnung halber zur Unterscheidung; denn der Barranco de Erques ohne H befindet sich im Westen der Insel bei Taucho, während der andere im Süden zwischen den Municipios, also den Gemeindegebieten, von Fasnia und Güímar die althergebrachte Grenze bildet. In Größe, Alter und Erscheinungsbild sind sich beide Schluchten gar nicht so unähnlich. Ihr Name leitet sich wahrscheinlich von dem berberischen Wort „erkah“ her, das man ungefähr mit „dunkle Felswand“ übersetzen kann. In der Tat bestehen die steilen Wände beider Schluchten aus Basalt, der normalerweise dunkel erscheint. Genau weiß man das nicht; fest steht aber, dass die kanarischen Ureinwohner zu den Berbervölkern gehörten und auch Berberdialekte sprachen. Nicht nur der Barranco bei Taucho, zu dem es einige Wegbeschreibungen gibt, bietet uns Gelegenheit zu kurzen, aber landschaftlich attraktiven Wanderungen. Das gilt auch für den Barranco de Herques bei Fasnia, zu dem jedoch bisher Wandertipps fehlen. Beide Schluchten sind Naturschutzgebiete und bieten gute und weniger verletzungsträchtige Alternativen zum Barranco de Masca, vor allem für Gelegenheitswanderer, die sich nicht so sehr anstrengen mögen.

Zum Barranco de Herques, der manchmal auch Barranco de Fasnia y Güímar genannt wird, gelangen wir am besten über die TF-28. Die alte Hauptstraße zwischen den beiden Orten schlängelt sich in etwa 500 m Höhe über dem Meer um Bergrücken und durch Tälchen und Einschnitte. Vor dem Bau der Autobahn war sie hier die einzige Verbindungsstraße, und es brauchte früher wegen der zahlreichen Kurven eine ziemliche Weile, um von einem Ort zum anderen zu gelangen. Touristisch ist sie heute eine gemütliche Aussichtsstraße. Von Fasnia kommend wird unser Barranco auf einem Schild angezeigt. Haben wir dann die Brücke überquert und den Tunnel durchfahren, kommt gleich rechts eine asphaltierte Piste, an deren Beginn wir unser Auto parken sollten. Weiter oben wird es für normale Fahrzeuge problematisch; denn nach wenigen Kurven endet der Asphalt, und was dann kommt, verlangt schon einen hochbeinigen allradgetriebenen, kräftigen Offroader. Ohne Leitplanke an der Abbruchkante der Schlucht entlangzufahren, dürfte zudem für Durchschnittsfahrer etwas ungewohnt und die Nerven strapazierend sein. Für Wanderer ist das alles unproblematisch. Als Dreingabe gibt es einen besonderen Panorama-Tiefblick. Unmittelbar an der Kante, wo man am tiefsten schauen kann, ist etwas Vorsicht ratsam; denn der Boden ist dort mit hellem, lockerem Bimsgeröll bedeckt, alles andere als ein sicherer Untergrund.

Der weitere Verlauf der Piste ist nicht mehr so spektakulär. Der helle Bims begleitet uns dort allerdings weiterhin als oberste Bodenschicht. Darunter können wir an den Schluchtwänden von unten nach oben mindestens sieben ziemlich dicke Basaltschichten aus senkrechten dicken Säulen unterscheiden. Jede einzelne Lage stammt von einem eigenen Vulkanausbruch, und jede von ihnen ist noch einmal in ihrer Mitte durch horizontale Risse unterteilt. Glühende Lava wird von oben durch die Luft abgekühlt und von unten durch die älteren, überflossenen Gesteinsschichten. Beim Abkühlen schrumpft die Lava, und von den Grenzflächen her bilden sich senkrecht zur Oberfläche Schrumpfungsrisse. Sie wachsen mit fortschreitender Abkühlung ins Innere des Lavapakets, bis sie schließlich auf die Säulen der Gegenseite treffen. Selten treffen dabei die Risse von oben genau auf die von unten. Deswegen bilden sich dort horizontal verlaufende Querrisse. Auch die große Basaltrose, die man in der westlichen Wand entdecken kann, ist so entstanden.

Die oberen und jüngeren Basalte stammen von Eruptionen an der Cumbre dorsal, als im Gebiet um Izaña Vulkane aktiv waren. Die hellen Bimsauflagen hingegen sind Zeugen starker explosiver Ausbrüche aus dem Bereich der Cañadas und noch jünger. Bims enthält mehr Kieselsäureanteile und ist dadurch heller als der dunkle Basalt. Die Lava, aus der er entstand, enthielt große Mengen fein verteilter Gasbläschen und hätte auf Betrachter wahrscheinlich etwas schaumig gewirkt. Beim Erstarren blieben die Bläschen erhalten. Bims ist deswegen porös und leichter als Wasser. Für die Bauern der Gegend spielt das eine wichtige Rolle. Das größtenteils trocken-warme Klima dieser Zone ist für Nutzpflanzen wenig geeignet. Damit hier etwas gedeiht, muss man es reichlich bewässern … oder den

Ackerboden mit einer dicken Bimsschicht, hier „picón“ genannt, bedecken. Denn auch trockene Luft enthält Wasserdampf, der bei Abkühlung kondensiert. Das geschieht regelmäßig nachts in den Poren der Bimssteinchen. Die Wassermenge genügt, um Weinstöcke oder Kartoffelstauden ausreichend zu versorgen, ohne teures Wasser kaufen zu müssen. Unser weiterer Weg führt zwischen zahlreichen – aufgelassenen und bewirtschafteten – Terrassenfeldern aufwärts, wo wir ausreichend Gelegenheit haben, diese typisch kanarische Anbauweise zu beobachten.

Wo unsere Piste in die nächs­te einmündet, halten wir uns links und nach Durchqueren eines kleinen Barrancos bei einem Bauernhof wieder rechts.  Direkt dahinter kann man entweder geradeaus aufsteigen, bis es bei einem alten Basaltstrom nicht mehr gut weitergeht, oder man nimmt den Abzweig nach links. Dieser führt hinunter in die Talsohle des Barrancos und weiter bis zu einer Wassergalerie. Spektakuläre Panoramen sind inbegriffen. Jenseits davon wird das Gelände schwieriger. Man könnte in der Talsohle auch abwärts gehen. Dann erreicht man den Steilabsturz, bei dem der Weg endet, der unten bei der Straßenbrücke abzweigt. Einen durchgehenden Wanderweg gibt es in dieser Schlucht nicht, nur landschaftlich lohnende Teilstücke. Wer allerdings keine Höhenangst hat, kann hier noch mehr entdecken.

(Fortsetzung folgt.)

Michael von Levetzow

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