Wohnungen für Obdachlose


Vize-Bürgermeisterin Zaida González und der Stadtrat für soziale Betreuung, Óscar García, besichtigten eine der „Housing First“-Wohnungen in Santa Cruz. Foto: Ayto SC de Tenerife

Santa Cruz geht mit dem Projekt „Housing First“ neue Wege

Teneriffa – Das Projekt „Housing First“, das Obdachlosen den Weg zurück in ein normales Leben ebnen soll, indem es ihnen zuerst wieder eine eigene Wohnung verschafft, nimmt in Santa Cruz Gestalt an. Die Stadt hat zehn Wohnungen in verschiedenen Ortsteilen angemietet und hergerichtet, um ebenso viele Menschen ohne festen Wohnsitz von der Straße zu holen. Die ersten sechs Frauen und Männer sind schon eingezogen. Weitere vier sollen in den kommenden Wochen ebenfalls eine Wohnung erhalten.

Klein aber zweckmäßig sind die Wohnungen, die ihren Bewohnern nach Jahren auf der Straße wieder ein Gefühl von Privatheit, Sicherheit und Selbstbestimmung geben. Foto: Ayto SC de Tenerife

Die stellvertretende Bürgermeisterin Zaida González und der Stadtrat für soziale Betreuung, Óscar García, haben gemeinsam eine der Wohnungen des Projekts in Santa María del Mar besucht, in der nun der 58-jährige Manuel wohnt. Er war 19 Jahre lang obdachlos und lebte zuletzt in einer Höhle am Barranco Los Pocitos in Añaza, zusammen mit seiner Podenco-Hündin, zwei Frettchen und einem Vogel. Seine Tiere sind mit ihm in die Wohnung gezogen. Ein Team von Sozialarbeitern arbeitet mit ihm und den anderen Teilnehmern an wichtigen Aspekten der Rückkehr ins bürgerliche Leben, wie dem Umgang mit den Wohnungsnachbarn, Gesundheitsfragen, Anträge auf Unterstützung, Arbeitssuche oder der Stärkung der familiären Beziehungen. Ein wichtiger Teil des Konzeptes „Housing First“ ist dabei, die ehemaligen Obdachlosen nicht wie Sozialfälle, sondern wie normale Mieter zu behandeln, die sich verpflichtet haben, 30% ihrer Einkünfte für die Wohnungsmiete aufzuwenden, den Rest trägt die Stadt.

Zaida González hob die enorme Anstrengung hervor, die das Ayuntamiento von Santa Cruz unternehme, um die Obdachlosigkeit zu bekämpfen. Außer dem innovativen Housing First-Programm unterhalte die Stadt eine Obdachlosenherberge, die einzige der ganzen Insel, und stelle verschiedene Mittel für Jugendliche, Mütter und Familien zur Verfügung, außerdem Zuschüsse zu den Wohnungskosten. Alles in allem, helfe Santa Cruz mehr als 800 Familien dabei, in einer eigenen Wohnung zu leben. Es wäre sehr gut, fügte sie hinzu, wenn andere Institutionen dies unterstützen oder diesem Beispiel folgen würden. Das Housing First-Programm mit Kosten von rund 700.000 Euro für vier Jahre sei durch die gemeinsame Finanzierung des Sozialministeriums und der Stadt Santa Cruz ermöglicht worden.

Óscar García erklärte, das Programm ermögliche den am stärksten gefährdeten Wohnungslosen ein eigenes Heim mit konstanter Unterstützung durch Sozialarbeiter aus gemeinnützigen Organisationen und von staatlichen Stellen. Es biete ein dauerhaftes Heim, nicht nur eine Übergangslösung für ein paar Monate. Ein Heim in einer normalen Umgebung, wo jeder andere auch wohnen könnte. So tauche der ehemalige Wohnungslose in ein normales Alltagsleben ein, wo er nicht stigmatisiert, sondern seine soziale Eingliederung gefördert werde.

Das Konzept Housing First wurde vor 25 Jahren in den USA entwickelt und seitdem von verschiedenen Ländern wie Kanada und Finnland übernommen. In Spanien gibt es mittlerweile Initiativen in Barcelona, Madrid, Málaga, Zaragoza und Sevilla sowie in Arona und Santa Cruz auf Teneriffa.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Nutznießer der Housing First-Programme schon innerhalb der ersten sechs Monate große Fortschritte erzielen: 15% bauen wieder eine Beziehung zu ihren Familien auf, und 25% intensivieren den noch bestehenden familiären Kontakt; die Zahl derer, die Schmähungen und Bedrohungen ausgesetzt sind, fällt innerhalb eines halben Jahres von 35% auf 7%; von durchschnittlich 18%, die sich ständiger Diskriminierung ausgesetzt sehen, bleiben nach diesem Zeitraum nur noch 3% übrig; sind es anfangs durchschnittlich 53%, die es gewöhnt sind, an einigen Tagen nichts zu essen zu haben, sind es nach sechs Monaten nur noch 14%, und nicht zuletzt sinkt die Zahl derer, die sich von einem Gefühl großer Einsamkeit gepeinigt fühlen, in nur einem halben Jahr von 26% auf 11%.




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