Wandern und Entdecken

© Cabildo Tenerife, Freepic

Altes Land, alte Wege

„Bandas del Sur“ heißt keine Musikkapelle aus dem Süden unserer Insel, auch wenn die üblichen spanisch-deutschen Wörterbücher uns dies als ers-ten Übersetzungsvorschlag nahelegen. Ebenso wenig geht es um eine (Gauner-)Bande oder ein Ordensband. Selbst das Diccionario der Königlich Spanischen Akademie der Sprache kennt zwar noch mehr Verwendungen des Wortes „banda“, aber die tatsächliche Bedeutung dieses typisch kanarischen Begriffs ist nicht dabei. „Banda“ bedeutet im hiesigen Dialekt „Seite“ oder „Abdachung“ einer Insel, was das offizielle Spanisch mit „vertiente“ bezeichnet. Es geht also um die Südabdachung der Insel, die im Gegensatz zu ihrem steilen nördlichen Gegenstück nur selten richtig grün erscheint, dafür aber weniger schnell ansteigt. Für das Wandern ist Letzteres gar nicht so unwillkommen. Das heißere Klima, dem die dortige Landschaft ihren etwas abweisenden Charakter verdankt, sollte man bei der Tourenplanung aber immer mit einrechnen. Deshalb bieten sich vor allem die gemäßigteren Wintermonate für Ausflüge in die Bandas del Sur an. Ein gut markiertes Wegenetz, das man allerdings in der Wanderliteratur vergeblich sucht, lädt in dieser Zeit bis ins Frühjahr dazu ein.

Die Bandas del Sur mögen unwirtlich und abweisend erscheinen, sie sind aber unzweifelhaft altes Kulturland, das schon von den Guanchen in vorspanischer Zeit genutzt und verändert worden ist. Der Begriff „Kulturland“ kennzeichnet nicht nur Regionen mit einstigem oder aktuellem Ackerbau, sondern umfasst alle durch menschliche Aktivitäten geschaffenen Landschaften. Auch wenn sie etwas Ackerbau betrieben, waren die Guanchen in erster Linie ein Hirtenvolk mit halbnomadischer Lebensweise. Die Winter verbrachten sie in Küstennähe und ergänzten ihre Nahrung durch Meeresfrüchte. Ob sie in diesen Wochen wanderten, ist unbekannt. Wenn ihre Herden das winterliche Grün abgeweidet hatten, brachen sie in die Berge auf und zogen in die höher gelegenen Weidegründe. Wurde es im Hochgebirge wieder kälter, kehrten sie mit den Herden im Herbst in die wärmeren Tieflagen zurück. So ging das 1500 Jahre bis zur Inbesitznahme der Insel durch die Spanier, deren Hirten diese Lebensweise übernahmen und fortsetzten, bis das Wanderhirtenwesen 1954 mit der Gründung des Nationalparks und zum Schutz von dessen durch 2000-jährige Beweidung massiv geschädigter Pflanzenwelt verboten wurde.
Auch die Gebiete zwischen den Sommer- und den Winterweiden waren von diesen Veränderungen betroffen. Selbst wenn dort heutzutage nur selten Herden weiden und die Äcker weitgehend ins Tiefland verlegt worden sind, die Spuren der wandernden Herden sind unübersehbar. Ein erheblicher Teil der hier wachsenden Sträucher ist giftig und wird von Ziegen und Schafen gemieden. Bei der Futtersuche bedienten sich die Tiere zu allen Zeiten der essbaren Pflanzen, deren Zahl sich dadurch stetig verringerte. Wahrscheinlich sind manche Pflanzenarten, von denen wir heute gar nichts wissen (können), unter der Beweidung ausgestorben. Zurück blieben die Giftigen und Ungenießbaren und prägen das heutige Landschaftsbild noch auf sehr lange Zeit.
Wir könnten beispielsweise von San Miguel de Abona nach Aldea Blanca hinunterlaufen und dabei große Abschnitte des Camino Real del Sur mit seinem streckenweise noch gut erhaltenen Steinpflaster nutzen. Beginnen wir beim Museum Casa del Capitán, gibt es gute Chancen, einen Parkplatz zu finden. Das Museum informiert über die alte bäuerliche Kultur und ist nur werktags vormittags ab 9:00 h geöffnet. Kommt man zeitig, bleibt genug Zeit für eine Besichtigung; denn die Wanderung dauert nur 3 – 4 Stunden und führt überwiegend bergab. Etwa 380 m beträgt die Höhendifferenz zwischen Ausgangs- und Endpunkt. Tatsächlich steigen wir aber insgesamt gut 600 m ab. Es gibt also zwischendurch einige kurze Anstiege.
Mächtige Pakete von hellem Bimsstein prägen das Land. Sie sind Zeugen zahlreicher explosiver Eruptionen eines großen Vulkans. Sein Krater befand sich etwa dort, wo sich heute der Pico del Teide erhebt. Die Bandas del Sur bis hinauf zu den Steilwänden der Cañadas waren die Südseite des alten Vulkans. An manchen Stellen stehen darauf kleinere Vulkane, deren Lava gelegentlich die Bimsdecken bedeckt. Wir werden unterwegs einige von ihnen sehen: Vor allem La Centinela, an deren Spitze man ein großes Aussichtsrestaurant gebaut hat, das mangels Interesse nie in Betrieb ging, und den Roque de la Jama, dessen markante und weithin sichtbare Felsspitze sogar die Reisenden am Flughafen begrüßt. Helle Mauern aus Bims weisen auf die leichte Bearbeitbarkeit dieses Gesteins hin. In einem stillgelegten Steinbruch am Ortsende von San Miguel ist erkennbar, wie er abgebaut wurde. Seiner hellen Farbe verdankt unser Ziel, Aldea Blanca (Weißes Dorf), seinen Namen.
Zwei einst wichtige Wasserquellen, die Fuente de Tamaide und die Fuente de La Hoya liegen am Weg. Obwohl sie heute meistens trocken sind, gaben sie früher reichlich Wasser und waren einer der Gründe für die Errichtung der kleinen Siedlung La Hoya. „La Hoya“ bedeutet „die Grube“. Der Name erklärt sich aus der Lage des Örtchens, das auf fast allen Seiten von Hügeln umgeben und vom Meer unsichtbar ist, ein wichtiger Schutz vor Seeräubern und Sklavenjägern. Kein Wunder, dass dies die älteste Siedlung auf dem Gebiet von San Miguel ist. Vor allem an der Fuente de Tamaide trafen sich die Dorfleute mit vorbeiziehenden Hirten, die dort ihre Herden tränkten und bei einem kleinen Plausch Neuigkeiten austauschten. Da es in den Häusern kein fließendes Wasser gab, wuschen die Frauen hier auch die Wäsche und trugen frisches Wasser in ihre Häuser.
In Aldea Blanca können wir gegen 15:00 h den einzigen Bus nach San Miguel erreichen.

Michael von Levetzow
Tenerife on Top

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