Santa Cruz wird die Raffinerie los


Die Ankündigung des Weggangs der Raffinerie eröffnet der Hauptstadt neue Wachstumsmöglichkeiten. Foto: moisés pérez

Ein Abkommen zwischen Cepsa und der Stadtverwaltung kündigt den Wandel dieses Stadtgebiets an

Teneriffa – Santa Cruz ohne die „Refinería“? Kaum vorstellbar. Seit 1930 – damals noch am Rande der Stadt, inzwischen mittendrin – betreibt das spanische Erdölunternehmen Compañía Española de Petróleos, Cepsa, in Santa Cruz die Erdölraffinerie; sie war übrigens die erste Raffinerie Spaniens! Mit seinen Tanks und Fackelanlagen prägte der Industriebetrieb lange das Bild der Stadt bei der Einfahrt über die Autobahn, und auch der „Geruch nach Refinería“ war den Bewohnern und Besuchern von Santa Cruz je nach Windrichtung gut bekannt. Die Erdölraffinierung wurde von Cepsa in Santa Cruz bereits vor vier Jahren eingestellt, und damit rückte der lange gehegte Wunsch der Stadtverwaltung, eines Tages über das ausgedehnte Gelände der Raffinerie verfügen zu können, näher.

Nun ist es offiziell. Am 26. Juni unterzeichneten Cepsa-CEO Pedro Miró und Santa Cruz‘ Bürgermeister José Manuel Bermúdez ein Abkommen, mit dem sich das Erdölunternehmen gemeinsam mit der Stadt und mit Unterstützung der Regionalregierung und der Inselverwaltung dazu verpflichtet, an dem zukunftsweisenden Projekt für eine neue, umweltfreundlichere Stadt mitzuwirken. „Santa Cruz Verde 2030“ nennt sich dieses Projekt, das die Verwandlung des Stadtteils, in dem die Raffinerie liegt, vorsieht. Die Stadt wird auf diese Weise eine Fläche von 573.000 Quadratmetern – was der Größe von 80 Fußballfeldern entspricht – gewinnen.

Der Unterzeichnung des Abkommens zwischen Pedro Miró (l.) und José Manuel Bermúdez wohnten Carlos Alonso und Fernando Clavijo (1. u. 2. v.l.) bei. Foto: Ayto. SC

Bei der Unterzeichnung des geradezu historischen Abkommens waren auch der Präsident des Cabildos, Carlos Alonso, und der kanarische Regierungschef Fernando Clavijo dabei.

Der Wandel der Stadt in diesem Gebiet soll sich in einem langfristigen Zeitrahmen bis zum Jahr 2030 vollziehen, wie Bürgermeister Bermúdez bestätigte. „Heute starten wir ein Projekt, das eine einzigartige Gelegenheit zur räumlichen Expansion der Stadt darstellt und 2030 vollendet sein wird“, erklärte er. Es werde, so der Bürgermeister, ein besonderes städtisches Regenerierungsmodell sein, denn erstmals wird das Industriegelände einer Raffinerie von einer Stadt übernommen, um Grünflächen, öffentliche Einrichtungen und Wohnungsraum zu gewinnen. „Dieses Abkommen öffnet uns die Tür zu einem neuen grüneren, nachhaltigeren und effizienteren Santa Cruz“, erklärte der Bürgermeister weiter.

Pedro Miró erklärte seinerseits, dass diese Allianz auch für Cepsa von großer Bedeutung sei. „Heute ist für Cepsa ein großer Tag, denn unsere Wurzeln als Raffinierie-Unternehmen liegen in Santa Cruz, und die Kanarischen Inseln haben auch eine wichtige Position in unserer Unternehmensstrategie Cepsa 2030“. Miró räumte ein, dass der Betrieb der Raffinerie heute so gut wir unmöglich ist. Seit die kanarische Regierung 2014 den Plan für Luftqualität verabschiedet hat, der die Grenze für Schwefeldioxidemissionen um 29% senkte, steht der Betrieb der Raffinerie still. Dennoch will Cepsa seine Position auf den Kanaren als Erdölunternehmen bzw. -lieferant weiter halten.

Eine neue großzügige Grünzone für die Stadt

Zu den Zielen des Abkommens gehört unter anderem die Öffnung zum Meer, in dem ein fließender Übergang von dem frei gewordenen Gelände zum Palmetum und zum Parque Marítimo stattfindet. An diesem Küstenpunkt soll eine neue Bade­-

stelle bzw. ein Strand angelegt werden; ein Sporthafen ist ebenfalls geplant sowie die Verlängerung des Fuß- und Radwegs bis Añaza.

Eine neue Stadtzufahrt aus südlicher Richtung soll für einen reibungslosen Verkehrsfluss sorgen, und ein Umsteigebahnhof für öffentliche Ver­kehrs­mittel wird so konzipiert, dass er für die Zugstrecke, die einmal in den Süden der Insel führen soll, einsatzfähig ist.

Ein Großteil der frei werdenden Fläche – zwei Drittel – soll für die Schaffung von Grünflächen genutzt werden, laut Bürgermeister Bermúdez werden 67% der Fläche für öffentliche Anlagen reserviert. Auf dem übrigen Gelände sollen Einrichtungen wie Schulen, Gesundheitszentren und andere öffentliche Einrichtungen Platz finden. Ein Teil des Geländes wird im Rahmen der städtebaulichen Vorschriften für sozialen Wohnungsraum reserviert.

Sämtliche Gebäude, die in diesem neu gewonnenen Stadtteil gebaut werden, sollen durch Nachhaltigkeit gekennzeichnet sein und mit Erneuerbaren Energien versorgt werden.

Besorgnis in der Belegschaft

Der Sprecher des Syndikats USO, Salvador Fumero, erklärte der Zeitung „La Opinión de Tenerife“ nach Bekanntwerden des Abkommens zwischen Cepsa und der Stadt Santa Cruz, die Nachricht vom Verschwinden der Raffinerie aus der Stadt habe die Belegschaft wie ein Schlag getroffen. Am selben Tag seien die Mitarbeiter über die Pläne informiert worden, und unter den rund 200 Beschäftigten herrsche nun Besorgnis und Unsicherheit. Es sei ihnen zwar gesagt worden, dass es sich um einen langfristigen Prozess handele und zunächst Untersuchungen durchgeführt werden müssen, um die Nutzung des Geländes und die Bodenbelastung durch Ablagerungen der Raffinerie festzustellen. Es liege  nahe, dass die Mitarbeiter im Zuge der endgültigen Schließung der Raffinerie von anderen Cepsa-Anlagen übernommen werden, aber viele von ihnen können aus familiären Gründen die Insel nicht verlassen. Für sie würde die Schließung der Raffinerie den Verlust ihres Arbeitsplatzes bedeuten. „Wir sind zum Tode verurteilt, wissen nur noch nicht, wie und wann“, sagte Salvador Fumero.

Um auf ihre Lage aufmerksam zu machen, schließen die Angestellten von Cepsa in Santa Cruz eine Mobilisierung nicht aus.




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