Ein Deutscher in der Wüste


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Naturführer Fuerteventura

Wobei – wenn man mit Dr. Stephan Scholz, dem technischen Leiter des Botanischen Gartens auf Fuerteventura spricht, ist die Insel mitnichten eine Wüste, sondern Fundus eines einzigartigen Artenreichtums.

Dr. Stephan Scholz ist Spezialist für einheimische Flora der Kanaren, seine Dissertation über die Vegetation der Halbinsel Jandía im Süden Fuerteventuras, die er im März 2012 an der Universität La Laguna vorlegte, erhielt die Bewertung „Cum Laude” (mit Auszeichnung). 

1954 wurde Stephan Scholz in Berlin geboren, sechs Jahre später wanderte seine Familie nach Teneriffa aus. Er absolvierte sein Biologiestudium mit Schwerpunkt Botanik an der Universität La Laguna und lebt seit 1986 auf Fuerteventura. 

Seitdem arbeitete er Management-Pläne für verschiedene Naturschutzgebiete der Insel aus, führte botanische Kartierungen und Bestandsaufnahmen durch, entwickelte Schutzpläne für gefährdete Pflanzenarten und erstellte Gutachten für Privatpersonen, Gemeinden und das Cabildo. 

2002 wurde er Leiter des Kakteen- und Sukkulentengartens im Oasis Park Fuerteventura, 2010 berief man ihn zum Berater für den Botanischen Garten, ein Jahr später zu dessen technischem Leiter. Seine Arbeit beschreibt er als die Fortsetzung seiner Tätigkeiten in den Jahren zuvor, denn zu seinen wichtigsten Aufgaben gehört der Aufbau des „Reserva de Plantas Autóctonas“ (Reservat für einheimische Pflanzen). Hierbei handelt es sich um ein fünf Hektar großes Areal im Botanischen Garten, in dem fast ausschließlich Pflanzen der Kanaren, hauptsächlich aus Fuerteventura, wachsen. Der Fokus des Biologen ist auf den Erhalt gefährdeter Arten sowie auf Umwelterziehung und Forschung gerichtet, wobei ihm seine langjährigen Erfahrungen mit den einheimischen Pflanzen, inklusive deren Pflege und Vermehrung, zugute kommen. 

Neben dem enormen Arbeitspensum, das die Leitung des Botanischen Gartens mit sich bringt, veröffentlicht Dr. Scholz zudem mit schöner Regelmäßigkeit Publikationen, meist – wie sollte es anders sein – über endemische Pflanzen auf Fuerteventura.

Sein neuestes Buchprojekt ist etwas anders geartet, denn es richtet sich weniger an eine spezialisierte Leserschaft als vielmehr an interessierte Naturentdecker. Es ist ein Naturführer über den Süden Fuerteventuras mit dem Titel Guía de la Naturaleza de Pájara, den er zusammen mit dem Geografen, Naturforscher, Autor, Journalisten und Umweltschützer César Javier Palacios geschrieben hat. 

Obwohl es eine ganze Reihe mehr oder weniger interessant zu lesender Bücher über die Kanarischen Inseln gibt, kann man dieses Buch getrost außergewöhnlich nennen – und das nicht nur, weil es der erste Naturführer Fuerteventuras überhaupt ist. 

Auftraggeber war die Gemeinde Pájara, die mit 400 Quadratkilometern nicht nur die größte der Kanaren ist, sondern auch eine, die rund 96 Prozent dieser Fläche unter Naturschutz gestellt hat. Der Grund sind ihr Natur- und Artenreichtum, der in seiner Zusammensetzung einzigartig ist.

Hier lassen sich neben Überresten ausgestorbener Wälder einzigartige Pflanzen finden, von denen weltweit nur noch wenige Exemplare existieren, es gibt seltsame Insekten prähistorischer Anmutung, Wüstenvögel, pflanzliche Igel, Sahara- und Nebelwaldblumen, Schneckenteppiche und Meerestrauben, Mäuse im Krieg und befreite Sklaven, Bäume die weinen und solche die Milch geben, Felsen, älter als die Insel selbst, Flüsse aus Sand und Seen aus Meer, Dünen, auferstandene Strände, schlafende Vulkane und Überbleibsel von Tsunamis.  

Diese Vielfalt, dem oberflächlichen Blick verschlossen, lässt sich nun dank des Naturführers entdecken. Grandiose Bilder, kurze, informative, interessante Texte und – was bei vielen Büchern dieser Art leider auch zu selten der Fall ist – eine leserfreundliche Gestaltung, machen Lust auf Erkundungstouren. 

Obwohl sich der Inhalt auf die neun wichtigen Naturareale der Gemeinde Pájara bezieht, kann er für Fuerteventura im Allgemeinen stehen. Geologie, Pflanzen- und Tierwelt werden ebenso beschrieben wie der menschliche Einfluss, die Nutzung und – soweit vorhanden – die Paläontologie dieser Gebiete. 

Darüber hinaus erzählt das Buch von der über 2000 Jahre alten menschlichen Besiedlung der Insel, vom Kampf vieler Generationen Männer und Frauen, dieses wilde Stück Natur zu formen. Sowohl die Kultur der Ureinwohner als auch die Geschichte der Landwirtschaft, wie Anbauweisen, Wassergewinnung oder Ziegenhaltung werden sowohl den Inselbewohnern als auch den Besuchern nahegebracht.

Der eigentliche Clou dieses umfangreichen und ausführlichen Naturführers sind jedoch die mit Texten und Bildern beschriebenen Wanderrouten durch die verschiedenen Naturgebiete des Südens. So kann jeder deren Vielfalt auf eigene Faust entdecken und erkunden. 

Von Heike Bludau




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