Der Vater hatte die Familie verlassen, die Mutter sich nicht getraut, um Hilfe zu bitten
Mit großer Erschütterung wurde in Spanien die Nachricht über den Tod eines gerade einmal zwei Jahre alten Jungen aufgenommen, der am 24. September in Ponteareas bei Pontevedra an den Folgen von Unterernährung gestorben war. Seine Mutter und seine kleine Schwester liegen mit den gleichen Symptomen noch im Krankenhaus.
Santiago de Compostela – Aarón lebte seit etwa einem Jahr mit seiner Mutter Felisa, 24, und seiner ein Jahr älteren Schwester Rebeca in dem kleinen, galicischen Ort. Der Vater, 28, war wenige Wochen zuvor ausgezogen und arbeitete zum Zeitpunkt der Tragödie als Erntehelfer im weit entfernten Ourense. Die Guardia Civil konnte ihn dort kurz nach dem Tod seines Sohnes festnehmen.
Allem Anschein nach wollte sich das Paar scheiden lassen. Aus bislang noch ungeklärten Gründen, ließ der Vater die Familie nach seinem Auszug jedoch ohne jegliche finanzielle Unterstützung zurück.
Was sich daraufhin in dem kleinen, bescheidenen Mietshaus abspielte, in dem die Mutter mit den beiden Kindern zurückblieb, kann sich niemand so richtig erklären. Anstatt bei Nachbarn oder den Behörden um Hilfe zu bitten, zog sich Felisa mit ihren Kindern noch mehr als bislang zurück. Nachbarn berichteten, dass man sie kaum noch auf der Straße sah, und wenn dann nur zu nächtlicher Stunde. Die Nachbarn waren der Familie schon immer mit einem gewissen Misstrauen begegnet, da sie sich völlig zurückzog, jeden Kontakt vermied. Selbst die Kinder habe man so gut wie nie gesehen.
Dass die Mutter jedoch im Stande sein könnte, aus Angst oder Unfähigkeit, ihre Kinder des Hungers sterben zu lassen, das hätte niemand gedacht. „Sonst hätten wir doch schon längst Sozialdienst und Jugendamt eingeschaltet“, bedauern die Nachbarn. „Und überhaupt, nicht einmal während des Bürgerkrieges musste bei uns jemand Hungers sterben“, verteidigt man sich weiter. Tatsache ist jedoch, dass trotz aller Anzeichen niemand eingriff, niemand wandt sich an die Behörden, als Felisa innerhalb weniger Wochen deutlich abgemagert war, niemand fragte, warum die Kinder das Haus nicht mehr verließen, niemand forschte nach, warum hinter den geschlossenen Fensterläden des Hauses so häufig das Weinen von Kindern zu hören war.
Warten bis es zu spät war
Und so wartete Felisa bis es zu spät war. Am späten Abend des 24. September schleppte sie sich dann endlich mit ihren beiden Kindern in das nahe gelegene Gesundheitszentrum. Doch da war Aarón schon tot. Sie selbst und ihre kleine Tochter wurden mit denselben Symptomen der Unterernährung ins Krankenhaus eingewiesen.
Der Vater muss sich inzwischen wegen unterlassener Hilfeleistung vor Gericht verantworten. Felisa soll nach ihrer Genesung psychologisch betreut werden, und muss sich daraufhin wohl auch der Justiz stellen. Die Vormundschaft für die dreijährige Rebeca wurde den Eltern entzogen.
