Wirtschaftsprognosen verprellen die Regierung


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Mehr Verantwortungsbewusstsein von der Europäischen Zentralbank gefordert

Obwohl die spanische Regierung alles daransetzt, die internationale Wirtschafts- und Finanzkrise und ihre Folgen für Spanien möglichst im Hintergrund des Interesses der Öffentlichkeit zu halten, wird es ihr von verschiedenen Seiten äußerst schwergemacht.

Madrid – Die letzten beiden Negativmeldungen über die wirtschaftliche Entwicklung in Spanien kamen von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet.

Nach Angaben der OECD ist die Entwicklung der spanischen Wirtschaft bis mindes­tens 2010 sehr geschwächt. Die letzte Prognose über das spanische Wirtschaftwachstum, das bei 2,5% in diesem Jahr und bei 2,4% im nächsten Jahr liegen sollte, korrigierte die Organisation Anfang Juni auf 1,6% bzw. 1,1% drastisch nach unten. Damit würde das spanische Wirtschaftswachstum zum ersten Mal seit etwa zehn Jahren unter dem Durchschnitt der Euro-Zone liegen (1,7% und 1,4%) und der OECD-Mitgliedsstaaten (1,8% und 1,7%). Die OECD-Experten sehen die Auswirkungen des rückläufigen Immobilienmarktes auf die spanische Binnennachfrage als eine der Hauptursachen. Außerdem wird befürchtet, dass der Arbeitsplatzverlust in der Baubranche die Arbeitslosenquote in diesem Jahr auf 9,7% und im nächsten sogar auf 10,7% steigen lassen könnte. Die Inflation setzen die OECD-Prognosen mit 4,6% in diesem Jahr immerhin einen Punkt über dem Durchschnitt der Euro-Zone an, prophezeien aber für das kommende Jahr einen Rückgang auf 3%.

Die zweite Negativmeldung war zwar nicht direkt gegen Spanien gerichtet. Dennoch sorgte sie für einiges Aufsehen und scharfe Kritik. Die Rede ist von der Ankündigung einer bereits im Juli bevorstehenden EZB-Zinserhöhung im Euro-Raum. EZB-Chef Trichet erntete für diese ungewöhnlich deutliche und „voreilige“ Äußerung scharfe Kritik von Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero und Wirtschafts- und Finanzminister Pedro Solbes, die beide eine weitere Verschlechterung der spanischen Wirtschaft aufgrund der angekündigten Zins­erhöhung befürchten. Zapatero warf Trichet unter anderem vor, mit seiner Ankündigung indirekt auch den jüngsten Rekordpreis beim Öl mitverursacht zu haben. „Ich würde Herrn Trichet empfehlen, ein wenig vorsichtiger zu sein“, erklärte der spanische Regierungschef wörtlich gegenüber der Presseagentur „Europa Press“. „Wir alle respektieren die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank, wir alle erwarten aber auch, dass sie sich verantwortungsvoll verhält.“




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