Wenn Opfer schweigen


Demo gegen Gewalt an Frauen. Foto: EFE

81% der weiblichen Mordopfer geschlechtsspezifischer Gewalt hatten keine Anzeige erstattet

Madrid – Es gibt staatliche Mechanismen, um die von ihren männlichen Partnern bedrohten Frauen zu schützen. Doch von den 16 in diesem Jahr bereits aufgrund geschlechtsspezifischer Gewalt ermordeten Frauen waren es nur drei, die im Vorfeld Anzeige gegen ihre Peiniger erstattet haben.

Noch nie zuvor seit Einführung der Statistik im Jahr 2006 war dieser Anteil von 81% dermaßen hoch, wenngleich die 60%-Marke nie unterschritten wurde.

Die durch ihre Partner oder Ehemänner gefährdeten Frauen sehen meist aus mehreren Gründen von einer Anzeige ab. Da ist zum einen die Existenzangst – die zu erwartende staatliche Unterstützung beläuft sich auf lediglich 400 Euro im Monat. Zum anderen die Angst vor einem langen juristischen Prozedere, bei dem sie sich infrage gestellt sehen. Und dann ist da noch das zerstörte Selbstvertrauen. Aber es fehlt auch die konkrete Antwort derjenigen, die über ihre Sicherheit wachen sollten.

Die Stellen, die sich um diese Frauen kümmern, forderten stellvertretend gegenüber einer national erscheinenden Zeitung eine spezifische Ausbildung für alle, an die sich die bedrohten Frauen wenden könnten. Und es fehlen andere Wege, um die Bedrohung festzustellen, denn offensichtlich reicht die Möglichkeit der Anzeige nicht aus.

Eine Familienärztin aus Valencia betreibt seit 15 Jahren ein Früherkennungsprogramm. Sie spricht mit ihren Patientinnen über Ernährung, über Schmerzen, aber auch über Gewalt. Der letzte Fall von häuslicher Gewalt, den sie aufdeckte, war eine Frau, die sie wegen einer Blaseninfektion aufgesucht hatte. Mit den Laboruntersuchungen und über Gespräche fand sie heraus, dass die Frau von ihrem Freund regelmäßig vergewaltigt wurde, und sich der Misshandlung noch nicht einmal bewusst war.

Eine auf Misshandlung spezialisierte Anwältin verlangt eine bessere Schulung von Richtern und anderen Beteiligten am Verfahren. Sie kenne keine gefährdete Frau, die bei ihrem Schritt zur Polizei oder zum Gericht nicht Angst gehabt und gezweifelt habe.

Ein Sozialarbeiter aus Sueca bei Valencia, der seit über zehn Jahren mit Opfern von häuslicher Gewalt zusammenarbeitet, und diese bei ihrem Gang zum Gericht begleitet, fordert mehr Sicherheit für diese Frauen. „Sie haben Angst vor einer ungewissen Zukunft. Sie wissen nicht, was mit ihnen passiert, wenn sie öffentlich machen, was ihnen angetan wird.“

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