Wenn dem König der Kragen platzt


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„Warum hältst Du nicht einfach den Mund?“

Bis zur Abschluss-Sitzung am 10. November war alles auf dem 18. Iberoamerikanischen Gipfeltreffen in Santiago de Chile normal verlaufen. Dann kam es jedoch zu einem Eklat, den bis dato in Spanien niemand für möglich gehalten hätte.

Santiago de Chile – Denn ausgerechnet König Juan Carlos, der zusammen mit Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero und weiteren Spitzenmitgliedern der spanischen Regierung an dem Treffen teilgenommen hatte, verlor die Beherrschung. Allerdings mit Recht, so befindet zumindest ein Großteil der spanischen Einwohner, die ihren König nun noch mehr schätzen.

Ausgelöst wurde der Eklat von Hugo Chávez, dem polemischen linksnationalistischen Präsidenten Venezuelas. Der für seine verbalen Ausuferungen bekannte und äußerst umstrittene Präsident bezeichnete Spaniens konservativen Ex-Regierungschef José María Aznar als „Faschisten“ und beschuldigte ihn, zusammen mit spanischen Unternehmern 2002 einen Putschversuch gegen ihn unterstützt zu haben. Das konnte Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero so nicht hinnehmen. Er forderte Chávez auf, Respekt zu beweisen und diese beleidigenden Äußerungen gegen einen „demokratisch gewählten Regierungschef“ zurückzunehmen. Dabei wurde er mehrmals von dem aufrührerischen Chávez unterbrochen.

„Por qué no te callas?“

Das ging solange, bis König Juan Carlos, der genau neben seinem Regierungschef saß, der Geduldsfaden riss. „Warum hältst du nicht einfach den Mund“, rief er dem meuternden Präsidenten sichtlich genervt zu. Gastgeberin Michelle Bachelet blieb nichts anderes übrig, als um Ruhe zu bitten. Als jedoch direkt danach sich der linke nicaraguanische Präsident Daniel Ortega ebenfalls gegen die Spanier aussprach, die er als „kolonialistische Ausbeuter“ bezeichnete, hatte der spanische Monarch endgültig genug. Ohne Rücksicht auf Protokoll oder sonstige Vorschriften erhob er sich und verließ aus Protest den Saal. Erst nachdem er unter vier Augen mit Bachelet gesprochen hatte, ließ er sich dazu überreden, wieder zu dem Treffen zurückzukehren.

Ungeahnte Folgen

Obwohl die Abschluss-Sitzung im Übrigen relativ friedlich verlief, ist die Episode   sowohl in Spanien als auch in ganz Lateinamerika noch längst nicht vergessen. Wäh­rend sich König Juan Carlos verbaler Ausbruch „Por qué no te callas?“ („Warum hältst du nicht einfach deinen Mund“) in Spanien in kürzester Zeit zu einem der meist zitierten Sätze und beliebtestem Klingelton mauserte, hatte der Vorfall auch auf weit ernsterer Ebene ungeahnte Folgen. Am nächsten Tag erhielt Regierungs­chef José Luis Rodríguez Zapatero nämlich einen Anruf von seinem Vorgänger, der zwar wahrlich nicht zu seinen engsten Freunden gehört, den er jedoch dennoch so deutlich auf dem Gipfel verteidigt hatte. Aznar bedankte sich dabei persönlich für seinen Einsatz. Zapatero muss dabei großzügig darüber hinweg gesehen haben, wie gerne der ehemalige konservative Ministerpräsident in den letzten Jahren insbesondere im Ausland gegen die sozialistische Regierung sowie Zapatero selbst gewettert und dabei sämtliche Regeln der Loyalität außer Acht gelassen hatte.

Nicht ganz so dankbar zeigte sich hingegen die konservative Opposition. Man müsse augenblicklich den spanischen Botschafter aus Venezuela zurückbeordern, derartige Beleidigungen dürfe man nicht hinnehmen, lauteten einige der Punkte auf der Beschwerdelis­te der Konservativen. Ganz abgesehen davon sei der Vorfall letztendlich Ergebnis der „gefährlichen Freundschaften“, die die Regierung mit einigen umstrittenen Regierungs- und Staatschefs in Lateinamerika unterhalte.

Venezuela will Beziehungen „überprüfen“

Währenddessen wetterte Venezuelas Präsident, weit davon entfernt, Reue zu zeigen, munter weiter gegen Spanien. Ja,  seine Anschuldigungen machten jetzt selbst vor König Juan Carlos nicht mehr Halt. Der Monarch habe doch sicher auch von dem Putschversuch gewusst, teilte er den Medien unter anderem mit, wobei sein Ton von Tag zu Tag schärfer wurde.

Fast eine Woche nach dem Vorfall in Santiago de Chile erklärte Chávez gar, die weiteren Beziehungen zu Madrid müss­ten einer grundlegenden „Überprüfung“ unterzogen werden. Auch würden die spanischen Unternehmen in Venezuela künftig genauer unter die Lupe genommen. Vor allem aber erwarte er eine „Entschuldigung“ vom König für seinen „Ausbruch“.

Die spanische Regierung setzt trotz allem darauf, die Spannung möglichst schnell wieder abzuschwächen und keine größere Sache aus dem Eklat werden zu lassen.




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