Virtuelle Entführungen – Das Spiel mit der Angst

Ein Polizist bei der Recherche im Netz Foto: EFE

Polizei warnt vor erneuter Welle von Telefonbetrug

Madrid – „Entweder bezahlst du, oder wir schicken dir ein Video, auf dem du sehen wirst, wie wir deiner Tochter den Finger abschneiden.“ Anfang dieses Jahres erhielt eine 69-jährige Frau aus Madrid den Anruf eines mit ausländischem Akzent sprechenden Mannes, der ihr versicherte, ihre Tochter entführt zu haben und ihr androhte, sie würde sie nur lebend wiedersehen, wenn sie so schnell wie möglich eine bestimmte Geldsumme bezahlte. Durch seine fortwährende Androhung von Gewalt gelang es dem Anrufer, die Frau dazu zu bewegen, während sie mit ihm am Telefon sprach, in eine Bankfiliale zu gehen, um Geld abzuheben. In letzter Sekunde konnte die Polizei in diesem Fall verhindern, dass sie die geforderte Summe überwies, denn der Ehemann der Frau hatte mittlerweile über die Notrufnummer 091 Alarm geschlagen und durch einen Anruf festgestellt, dass die angeblich entführte Tochter wohlbehalten an ihrem Arbeitsplatz war und von nichts wusste.
Es handelt sich hierbei um den bislang letzten bekannten Fall der sogenannten „Virtuellen Entführungen“, einer Telefonbetrugs-Masche, bei der die Täter meist völlig willkürlich gewählte Festnetznummern in Spanien anrufen und der Person, die abhebt, versuchen weiszumachen, sie hätten einen Familienangehörigen in ihrer Gewalt und würden ihn nur gegen eine schnelle Zahlung von Lösegeld wieder lebend freilassen. Sie beginnen mit einer Forderung in Höhe von 10.000 Euro, sind jedoch meist schnell bereit, den Betrag signifikant zu reduzieren. Am Ende geht es häufig „nur“ noch um etwa 500 Euro.

In den letzten fünf Jahren wurden nach Angaben der Kriminalitätsstatistik des Innenministeriums in Spanien 1.474 Anzeigen im Zusammenhang mit dieser betrügerischen Masche erstattet. Etwa die Hälfte davon – 765, um ganz genau zu sein – ereigneten sich 2016. Allein im Juni dieses Jahres wurden 107 Fälle der Polizei gemeldet. Das sind fast vier Anzeigen pro Tag. Obwohl die Vorfälle ab dem Zeitpunkt sanken – 2018 waren es nur noch 104 Betrugsfälle im ganzen Jahr – zeichnete sich im vergangenen Jahr mit 136 Anzeigen wieder ein leichter Anstieg dieser Masche ab. Nach polizeilichen Angaben konnten in den vergangenen fünf Jahren nur 17 Personen in dem Zusammenhang verhaftet oder Nachforschungen gegen sie angestellt werden.
Das alles sind allerdings nur die offiziellen Zahlen, denn die Polizei geht davon aus, dass die Dunkelziffer weit höher liegt. Juan Alcolea, Oberinspektor und Leiter der Abteilung für Entführungen und Erpressungen der Nationalpolizei, erklärte in diesem Zusammenhang. „Diese Art von Betrügereien haben eine hohe Dunkelziffer, da viele der Opfer zwar nicht zahlen, aber auch keine Anzeige erstatten.“ Es sei bei diesen Fällen sehr schwer, die Täter ausfindig zu machen, da sie meist nicht von Spanien aus, sondern von einem südamerikanischen Land agieren. Viele der Anrufe, die nachverfolgt werden konnten, kamen aus Chile. Es handle sich dabei häufig um Häftlinge, denen es gelungen war, an ein Handy zu kommen. Vom Gefängnis aus riefen sie Zufallsnummern in Spanien an, um ihr perfides Spiel mit der Angst zu betreiben. Dass sie die Nummern tatsächlich zufällig aussuchten, zeigt sich unter anderem daran, dass einige dieser erpresserischen Anrufe in der Parteizentrale der Volkspartei oder einem Büro der Sozialversicherung eingingen. Alcolea versichert, dass inzwischen eine Zusammenarbeit mit den Kollegen in Chile in die Wege geleitet wird, um den Tätern auf die Spur zu kommen. Außerdem wird versucht, die Banken und sogenannten Call Shops, die häufig auch über einen unkomplizierten Geldüberweisungsservice verfügen, zur Mitarbeit zu bewegen. Sollte ihnen ein Kunde auffallen, der ihnen nervös erschien und versuchte, während er telefoniert, Geld abzuheben oder zu überweisen, sollten die Angestellten umgehend die Polizei informieren.
Auch wird in diesem Zusammenhang erneut auf die Gefahr hingewiesen, empfindliche persönliche Daten auf Sozialen Netzwerken zu veröffentlichen, da die Täter das häufig nutzen, um ihren Betrug besonders glaubhaft wirken zu lassen.

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