Urteil im Fall „La Manada“ löst spanienweit Proteste aus


In vielen Städten Spaniens gingen die Menschen auf die Straße, um ihre Solidarität mit dem Opfer zu bekunden und gegen das Urteil zu protestieren. Auf vielen Spruchbändern und Schildern war zu lesen „La Manada somos nosotras“ (Das Rudel sind wir). Foto: efe

Vor zwei Jahren war eine junge Frau von fünf Männern vergewaltigt worden. Der Urteilsspruch lautete auf „sexuellen Missbrauch“ und wurde von den Bürgern, Experten und Politikern kritisiert

Madrid – Eine Welle der Empörung ging durch Spanien, insbesondere bei den Frauen, als am 26. April das Urteil im Fall „La Manada“ bekannt gegeben wurde. Die fünf Angeklagten waren nicht wegen „sexuellen Angriffes“ (was in Deutschland der Vergewaltigung entspricht) sondern wegen „sexuellen Missbrauchs“ (in D: sexueller Übergriff) und somit „nur“ zu neun Jahren Haft verurteilt worden.

Am 7. Juli 2016 hatten fünf Freunde, die sich als „La Manada“ (das Rudel) bezeichneten, und zum Tatzeitpunkt zwischen 24 und 27 Jahre alt waren, bei den Festlichkeiten des Volksfestes Sanfermines in Pamplona eine damals 18-Jährige aus Madrid angeblich gewaltlos in einen Hauseingang gezogen. Dort wurde die junge Frau von den fünf muskulösen Männern umringt, und es wurden an ihr, „ohne ihre Zustimmung“, so das Urteil, bis zu sechs Penetrationen vollzogen. Die Männer zeichneten das Geschehen per Handy auf, um sich später in den sozialen Netzwerken mit ihrer Tat zu brüsten. Die Videos wurden in dem Gerichtsverfahren verwendet, sodass die drei Richter des Obersten Gerichtshofes von Navarra während des Verfahrens im November letzten Jahres verfolgen konnten, wie die junge Frau sich den übermächtigen Tätern ergab, die Augen geschlossen hielt und Schmerzensschreie ausstieß. Im Anschluss ließen die Täter ihr Opfer im Hauseingang liegen und nahmen ihr das Mobiltelefon ab. Zwei Tage nach der Tat wurden sie verhaftet und befinden sich seitdem in Haft.

Von Anfang an hatte der Fall landesweit für großes Interesse gesorgt, insbesondere, weil die Frauenbewegung sowie der Widerstand gegen Machismus und häusliche Gewalt erheblich an Bedeutung gewonnen haben. Auch hat das weltweit bekannte Stierrennen, das jedes Jahr viele Ausländer nach Pamplona zieht, wegen der sexuellen Übergriffe einen schlechten Ruf bekommen.

So stand das Oberste Gericht Navarras von Anfang an unter großem Druck. Die Staatsanwaltschaft und die Privatanklage plädierten für eine Verurteilung der fünf Männer wegen „sexuellen Angriffes“ also wegen Vergewaltigung und für eine Haftstrafe von je 20 Jahren. Die Verteidigung forderte Freispruch. Angesichts der Brisanz des Falles ließen sich die Richter sechs Monate Zeit für die Urteilsfindung.

Am 26. April sprach das Gericht die fünf Männer des „sexuellen Missbrauches“ für schuldig und ordnete eine Haftstrafe von je 9 Jahren an, das Höchstmaß liegt bei 10 Jahren. Die Richter führten an, dass das für einen „sexuellen Angriff“ erforderliche Tatbestandsmerkmal der „Gewalt“ bzw. der „Einschüchterung“ hätten nicht nachgewiesen werden können. Im Urteil wird aufgeführt, dass der Oberste Spanische Gerichtshof für das Tatbestandsmerkmal der Gewalt eine körperliche und starke Gewalteinwirkung auf das Opfer fordert, um dessen Willen zu brechen. Eine Einschüchterung sei gegeben, wenn ein empfindliches, zukünftiges und mögliches Übel angedroht werde, um den Willen zu brechen. Und das ist der springende Punkt. Zwar erkannten die Richter an, dass die fünf Männer, die das Opfer einkreisten, eine „überlegene“ Position gegenüber der 18-Jährigen eingenommen hatten, doch handele es sich nicht um eine Einschüchterung im rechtlichen Sinne, so die richterliche Schlussfolgerung.

Das Urteil sorgte, wie eingangs erwähnt, für eine Welle der Empörung. In zahlreichen Städten demonstrierten Tausende Bürger, bezogen Stellung für das Opfer und gegen das „beschämende“ Verhalten der Täter. Die größten Demonstrationen fanden in Madrid mit bis zu 50.000 Teilnehmern und Barcelona mit 6.000 Personen statt. Plakate mit den Aufschriften „Ich glaube dir“ oder „Es ist nicht Missbrauch, es ist Vergewaltigung“ bestimmten das Straßenbild und spiegelten die Verärgerung der Menschen wider.

Selbst Behörden und Parteien stellten das Urteil infrage. Vizepräsidentin Soraya Sáenz de Santamaría erklärte, zwar müsse die Regierung die Justiz respektieren, doch sollten jetzt alle öffentlichen Kräfte die Situation analysieren und sich dafür einsetzen, dass sich solche Verhaltensweisen nicht wiederholten. Pablo Iglesias, Generalsekretär von Podemos, erklärte, bei dem Schuldspruch nur wegen „sexuellen Missbrauches“ handele es sich um eine „sehr schlechte Nachricht“. „Es hat keine Einschüchterung gegeben? Scheinbar soll den Opfern gesagt werden, dass wenn man sich nicht fünf Raufbolden gegenüberstellt, die doppelt so groß sind, und dabei sein Leben riskiert, es sich um keine Vergewaltigung handelt.“

Experten gehen davon aus, dass der Fall vor den Obersten Gerichtshof getragen und dort das Urteil gekippt wird. Doch über die Debatte des Einzelfalles hinaus ist ein großer rechtlicher Missstand an das Tageslicht getreten.




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