Straßenschlachten im Immigranten-Ghetto


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Auslöser für die Ausschreitungen in Roquetas de Mar war der gewaltsame Tod eines Senegalesen

Roquetas de Mar, auch nur Roquetas genannt, ist ein beschaulicher Küstenort an der südöstlichen Spitze der iberischen Halbinsel, ca. 30 km westlich der andalusischen Stadt Almería. Das milde Klima, das ganzjährig von den Azoren bestimmt wird, zieht nicht nur im Sommer jährlich Tausende von Urlaubern aus den großen Städten oder dem Ausland an.

Vor allem bei Deutschen und Briten ist der Badeort in den letzten Jahren auch immer beliebter als neue Heimat, zumindest aber zum zweiten Wohnsitz geworden.

Das ist die eine, die dem Anschein nach freundliche Seite von Roquetas, doch es gibt noch eine ganz andere, eine weitaus traurigere, die bislang im Verborgenen geblieben ist, nun aber mit umso viel mehr Vehemenz zutage trat. In dem freundlichen Städtchen wohnen nämlich nicht nur zahlreiche zahlungskräftige, finanziell unabhängige und somit gern gesehene EU-Bürger, die im warmen Süden einen geruhsamen Lebensabend verbringen wollen. In den letzten Jahren haben auch immer mehr Immigranten in einem Viertel am Rande des Ortes Unterschlupf gefunden, angelockt von den Tausenden von Hektar landwirtschaftlicher Anbaufläche, die Aussicht auf Arbeit versprechen.

„Las 200 Viviendas“, die „200 Wohnungen“, wird der Stadtteil genannt, der in den 1970er Jahren gebaut wurde, um 200 Arbeiterfamilien unterzubringen. 30 Jahre später leben hier gut 8.000 Menschen aus aller Herren Länder, vor allem aber aus Rumänien und Afrika. Wer über legale Papiere verfügt, kann sich glücklich schätzen. In Armut und unter mehr als schwierigen, extrem beengten Bedingungen leben sie jedoch alle. Arbeit finden sie, wenn überhaupt, meist nur als Erntearbeiter.

Bis zum 7. September war das „aus sozialen und wirtschaftlichen Gründen entstandene Ghetto“ kein Thema, zumindest nicht in den spanischen Medien. Und selbst der an diesem Tag in dem Viertel stattgefundene Mord an einem 28-jährigen Senegalesen wäre selbst der lokalen Presse sicher nicht mehr wert gewesen, als eine kleine einspaltige Meldung. Doch auf den Mord folgten sieben Stunden gewalttätiger Ausschreitungen in den Straßen des Viertels, die die Polizei in Atem hielten und die Öffentlichkeit und die Behörden aufrüttelten. Wohnungen, Mülleimer und Fahrzeuge wurden angezündet, Straßenbarrikaden errichtet und die anrückenden Sicherheitskräfte und Feuerwehrleute tätlich angegriffen. Mindestens fünf Menschen, darunter drei Polizisten sollen verletzt worden sein. Urheber der Straßenschlachten waren Freunde des Ermordeten.

Bis heute wird gerätselt, was genau die Ursache für die Aufstände war. NGO-Organisationen und die in die Krawalle selbst involvierten Afrikaner dementieren vehement rassistische Gründe. Zwar gilt ein spanischer Roma als mutmaßlicher Mörder, doch sei die unterschiedliche Nationalität nicht Grund für die Gewalttat gewesen. Offiziell wird hinter dem Mord eine Drogengeschichte vermutet, Freunde des Ermordeten hingegen behaupten, er habe einen Streit schlichten wollen und sei dabei selbst Opfer geworden. „Wir sind nicht nach Spanien gekommen, um Ärger zu machen, wir wollen hier in Ruhe leben und arbeiten, um unserer Familie helfen zu können“, erklären mehrere der Stra­ßenkämpfer am nächsten Tag auch sichtlich geknickt Journalisten gegenüber. Doch in der folgenden Nacht gingen die Krawalle erneut los. Nach Angaben der Ausländerhilfsorganisation „Almería Acoge“ sind die prekären Lebensumstände und schlechten Zukunftsperspektiven in dem heruntergekommenen und von den Be­hörden vernachlässigten Viertel für die Gewaltausbrüche verantwortlich.

Die Behörden und Sicherheitskräfte stehen weiterhin in Alarmbereitschaft. In der nahe gelegenen Ortschaft El Elejido war es vor acht Jahren zu heftigen, ausländerfeindlichen Ausschreitungen gekommen, als ein Marokkaner ein spanisches Mädchen ermordet hatte. Hunderte erboster Einheimischer machten daraufhin regelrecht Jagd auf Immigranten.




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