Straßenbahn reist zu den Antipoden


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Málaga vermietet seine Tranvía an Sydney

Not, Krise und notorischer Geldmangel machen Spaniens Gemeinden erfinderisch. Was tun mit einer Straßenbahn, die wegen mangelnder Rentabilität stillgelegt wurde und deren Wartung trotzdem noch 80.000 Euro im Jahr verschlingt.

Málaga – Vor diesem Problem stand die Stadt Vélez-Málaga an der Costa del Sol, als die Entscheidung gefallen war, die 4,5 Kilometer lange Straßenbahnstrecke, welche die Stadt mit dem Küstenort Torre Del Mar verband, mitsamt ihren drei Bahnen im Juni stillzulegen.

Die Lösung ist nun, das besagte zu früh verrentete Vehikel nach Sydney, Australien, zu vermieten. Die Idee ist verblüffend und originell, „exotisch“, wie es ein andalusischer Abgeordneter der Vereinigten Linken (IU) ausdrückt.

Sie stammt von der Herstellerfirma der Bahnwagen, dem baskischen Unternehmen CAF, das mit der größten Stadt Australiens den Vertrag geschlossen hat, 18 Bahnen für 20 Millionen Euro zu liefern. Vier ausrangierte Bahnen aus ihrer eigenen Produktion will die Firma anmieten und als Vorhut nach Sydney schicken, die drei aus Vélez-Málaga und eine aus Linares.

Vélez-Málaga erhält fürs Ausleihen jährlich 200.000 Euro und spart sich obendrein die 80.000 Euro Wartungskosten. Die Reaktionen darauf sind gemischt. Einige Bürger sehen ein, dass die Auslastung zu gering gewesen ist, andere stehen verständnislos vor der Tatsache, dass eine Infrastruktur zunächst für viele Millionen gebaut und dann nicht genutzt wird. Mancher ist verbittert über die harten Einschnitte bei den Sozialleistungen, nachdem zuvor unzählige Millionen in mittlerweile gescheiterte Bau- und Verkehrsprojekte investiert wurden.

Der frühere Bürgermeister Antonio Souviron von der sozialistischen PSOE, der seinerzeit das 32 Millionen Euro teure Projekt durchgeboxt hat, zeigt wenig Verständnis angesichts der Stilllegung. Selbstverständlich fahre die Tranvía Defizite ein, der Nahverkehr sei eine öffentliche Dienstleistung wie das Gesundheitswesen. Die konservative PP, die aktuell die Stadt regiert, glaube eben nicht an die Notwendigkeit öffentlicher Einrichtungen. Der Gipfel sei jedoch, die Bahnen nach Australien zu verschiffen, wenn doch Málaga und Granada ebenfalls diesen Typ Straßenbahn verwenden.

Der Betrieb der Straßenbahnlinie hatte sich zunächst sehr gut angelassen. Nach der Einweihung im Jahr 2006 erfreute sich die Linie zunächst eines guten Zuspruchs, doch dann wurde das Passagieraufkommen immer geringer, und zum Schluss wurden auf der Strecke Verluste von jährlich 1,1 Millionen Euro eingefahren.

Auch andere andalusische Städte haben Probleme mit ihren Straßenbahnen. In Jaen verzögert sich die Einweihung der Tranvía, in die sogar 120 Millionen Euro investiert wurden, und in Málaga streitet man sich mit der Zentralregierung um die Finanzierung der zweiten Bauphase, von der abhängt, ob die Bahn überirdisch oder unterirdisch verlaufen wird.




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