Prämierte Studenten brüskieren Bildungsminister Wert


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Skandal und Hintergrund

Zwölf von 126 prämierten Hochschulstudenten haben Bildungsminister José Ignacio Wert aus Protest gegen die Zumutungen der Bildungsreform den Gruß verweigert. Anlässlich der Auszeichnung der Jahrgangsbesten des Studienjahres 2009/2010 waren der Minister und die Staatssekretärin für Bildung, Montserrat Gomendio, zugegen, um den Primussen zu gratulieren.

Madrid – Viele der Studienabsolventen trugen die grünen T-Shirts, die zum Symbol des landesweiten Protests gegen das „Gesetz zur Verbesserung der Bildungsqualität“ (Lomce), auch bekannt als das „Wert-Gesetz“, geworden sind. Und 10% von ihnen gingen demonstrativ an den Würdenträgern vorbei und holten nur ihre Urkunden ab. Der Affront gegen Wert verursachte ein Rauschen im Blätterwald ob solcher Dreistigkeit. Der öffentlich-rechtliche Fernsehsender TVE, der sonst immer über die Verleihung der mit 2.200 bis 3.300 Euro dotierten „Premios Nacionales“ für Studienabsolventen berichtet, ließ den Vorfall unter den Tisch fallen und ignorierte die dem Minister öffentlich beigebrachte Demütigung. In Erwartung peinlicher Auftritte wegen der breiten Ablehnung des „Wert-Gesetzes“ in der Bevölkerung hatte man gar nicht erst einen Reporter geschickt und kaufte die entsprechenden Bilder auch im Nachhinein nicht an.

In der renommierten spanischen Tageszeitung El País äußerten sich einige der jungen Träger des „Premio Nacional“ zu der öffentlichen Debatte um die Frage „Unhöflichkeit oder berechtigter Protest?“ Grundtenor: Die Unhöflichkeit liegt aufseiten des Ministers, der mit seinem Gesetz das Anrecht auf Bildung untergräbt.

Die Preisträger der Fachrichtungen Kunstgeschichte und Schöne Künste weisen auf die große Verzögerung von drei Jahren hin, mit der die Auszeichnungen verliehen werden. Die Karriereförderung, die durch diese Anerkennung besonderer Leistungen beabsichtigt ist – sie bewirkt Pluspunkte bei der Bewilligung von Stipendien und bei der Teilnahme an öffentlichen Ausschreibungen -, werde durch die späte Verleihung ausgebremst. Der eine verweigerte aus Solidarität mit den landesweit vielen Hundert „Initiativen zur Verteidigung des Bildungssystems“ den Gruß, der andere ging in seiner Dankesrede auf das Thema ein. Beide stimmen darin überein, dass eine solche Inszenierung des Protests notwendig war, damit die Medien auf das „Platzen der Universitätsblase“ reagieren. Sie bemängeln die geringe Zahl der Stipendien, die massive Streichung befristeter Professorenstellen, den Mangel an neuen Projekten und vor allem die Vernachlässigung der als „unrentabel“ missachteten Geisteswissenschaften.

„El País“ gibt an, zahlreiche Mails von den Preisträgern erhalten zu haben, die bedauern, sich aus Mangel an Mut oder weil sie nicht Bescheid wussten, an der weitgehend spontanen Aktion nicht beteiligt zu haben. Für die Preisträgerin der Fachrichtung Biologie ist es ein unauflösbarer Widerspruch, von Exzellenz in der Bildung zu sprechen und gleichzeitig die humanen und materiellen Ressourcen des Bildungssystems „wegzusparen“. Auch die Chancengleichheit sei in Gefahr. Durch diesen Sparkurs würden bald nur noch Kinder wohlhabender Eltern eine anständige Ausbildung erhalten. Erfolgsgeschichten, wie die der Preisträgerin im Bereich Geologie-Ingenieurwesen, deren Eltern als Putzfrau und Straßenkehrer arbeiten, würden dann nicht mehr möglich sein.




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