Obdachlose bringen Polizei auf die Spur gestohlener historischer Bücher


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Unvollständige Bestandskataloge machen es Langfingern leicht

Die Sache war eigentlich nie aufgefallen. Wie viele andere auch, hat die Bibliothek des Priesterseminars „San Gaudioso de Tarazona“ in Zaragoza, Nordspanien, heute wie damals kein vollständiges Verzeichnis ihres Buchbestandes. Deshalb gab es auch zunächst keine Konsequenzen, als sich ein Dozent für Latein und Griechisch, der in den Achtzigerjahren dort lehrte, ein knappes Dutzend antiquarischer Bücher aus dem 16. bis 19. Jahrhundert aneignete.

Madrid – Später zog der Altsprachler Rafael F.G. zurück in seine Heimat Huelva in Andalusien und nahm auch die historischen Bücher mit. Schon lange schien Gras über die Sache gewachsen zu sein, als nach fast dreißig Jahren doch noch eine Wende eintrat.

Ein obdachloses Paar, er Bulgare, sie Litauerin, das sich schon seit einigen Jahren in den Straßen von Huelva recht und schlecht über Wasser hielt, hatte aus unbekannten Gründen im Haus des Dozenten übernachtet und nach einem Streit mit ihm einige antiquarische Dokumente und ein Buch mitgehen lassen. Diese hatten sie dann dem Provinzmuseum von Huelva zum Kauf angeboten, welches seinerseits, ob der dubiosen Herkunft der historischen Dokumente, die Polizei hinzuzog. Ein Bibliotheksstempel des Priesterseminars in Zaragoza führte zu Nachforschungen in dieser Richtung, und nachdem die Beamten in Erfahrung gebracht hatten, dass zwischen 1980 und 1990 ein Lehrer aus Huelva dort beschäftigt gewesen war, gelang es, den Mann ausfindig zu machen. Bei der Durchsuchung zweier Wohnungen des Dozenten wurden zehn weitere Bücher aus den Jahren 1593 bis 1808 entdeckt und sichergestellt, die möglicherweise ebenfalls aus dem Priesterseminar „San Gaudioso“ stammen.

Die Polizei untersucht nun mithilfe der Verantwortlichen des Seminars, ob Rafael F.G. oder andere Personen die veraltete und unvollständige Katalogisierung der Bibliothek ausgenutzt haben, um noch weitere antike Bücher zu entwenden.

Die Guardia Civil beobachtet in letzter Zeit eine Steigerung von Delikten dieser Art und führt deshalb eine Kampagne durch, die Eigentümer und Verwalter wertvoller Bücher und Dokumente dazu anhalten soll, eine vollständige Katalogisierung ihrer Bestände vorzunehmen, um die Wiederbeschaffung im Fall eines Diebstahls zu erleichtern.




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