Mein Besuch beim toten Diktator


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Selbstversuch Spanien

Der beliebte Reisejournalist Andreas Drouve berichtet aus seiner Wahlheimat. Spanische Momentaufnahmen, satirisch verdichtete Essays, skurrile Geschichten und Reportagen. Er schreckt vor keinem Tabu zurück und ist niemandem verpflichtet, keinem Stierzuchtbetrieb, keiner Partei, keiner Fluglinie, nicht einmal dem guten Geschmack. Was als Online-Kolumne begann (www.selbstversuch-spanien.de), erscheint im April 2012 als reich bebilderter Farbband: „Selbstversuch Spanien. Was mir in 52 Wochen alles vor die Hörner geriet“. Seien Sie dabei, wenn Spaniens Wirklichkeit die Klischees übertrifft!

Wie eine unverblümte Verherrlichung des Faschismus die Zeiten überdauert hat, ist mir ein Rätsel, doch Spanien zeigt sich bei der Bewältigung seiner Vergangenheit relativ schmerzfrei

Mein Besuch beim toten Diktator

»Heil, Franco! Werter Altdiktator, ich möchte Ihnen herzlichst zum anstehenden 20. November gratulieren, dem Tag Ihres Todes, denn der war zweifellos der beste in Ihrem Dasein. Zu Lebzeiten umgaben Sie sich mit dem Ruf des Generalísimo, des ›großen Generals‹, und des ›Führers‹, Caudillo, obgleich der Weltruhm anderer Führergestalten für Sie unerreicht blieb. Ganz so viele Unschuldige wanderten während der unnützen Jahrzehnte Ihres Wirkens nicht ins Grab, nun stehe ich an Ihrem, verachtungsvoll, A. D.«

Diesen Kurzbrief hätte ich gerne vor Ort deponiert, doch in der Kirche, in der Francisco Franco ruht, gab es leider kein Kästchen für fromme Wünsche und Gebetsanliegen. Was schreibe ich: Kirche? Nein, Kirche ist untertrieben. Wer solange an der Spitze eines Staates gestanden hatte – begonnen mit dem Spanischen Bürgerkrieg 1936-39 und geendet 1975 unter Medizinschläuchen als knapp 83-jähriger Bettnässer –, durfte sich bei der letzten Ruhe nicht mit einem landläufigen Gotteshaus zufrieden geben.

Einen treffenden Rahmen bot in der Sierra de Guadarrama die Basilika des »Nationalmonuments des Heiligen Kreuzes des Tals der Gefallenen«, Monumento Nacional de la Santa Cruz del Valle de los Caídos. Besuchern mit dem Herz am rechten Fleck schlägt selbiges heute noch höher, denn nicht nur Franco liegt dort begraben, sondern auch José Antonio Primo de Rivera (1903-36), der Gründer der faschistischen Falange Española, eine Partei, die vorsah, die alte Weltmacht Spanien erneut auf Vordermann zu bringen, dem Katholizismus ein Maximum an Einfluss zu garantieren und die »eine grenzenlose Bewunderung militärischer Werte« pflegte, so die Historiker Walther L. Ber­­necker und Horst Pietschmann in ihrem Standardwerk »Geschichte Spaniens«.

1940 von Franco selbst dekretiert und 1959 eingeweiht, stand hinter dem Valle de los Caídos – so die gängige Kurzform – der Gedanke, ein Memorial für die Gefallenen des Bürgerkrieges zu errichten. Natürlich für jene Kämpfer, die auf rechter Vaterlandsseite den Tod gefunden hatten, wofür von links Heerscharen an überlebenden »politischen Gefangenen« zur Zwangsarbeit herangezogen wurden. Nichts war zu teuer, nichts konnte gigantisch genug werden: die Basilika, die Bogenvorbauten, die granitenen Freitreppen, die für den zackigen Stiefelaufmarsch geeigneten Esplanaden und das 150 Meter hohe »Heilige Kreuz« samt symbolisierten Kardinaltugenden an der Basis, darunter ein Sinnbild der Gerechtigkeit. Wem das bereits abnorm vorkommt, der hat noch nicht die Benediktiner des hiesigen Klosters gesehen, die im überkuppelten Altarraum beim Franco-Grab unverändert Messe feiern und wie Gralshüter wirken …

Die waldreiche Bergidylle und Spaniens größtes ideologisches Schandmal eint ein surrealer Bund aus Natur und Architektur. Das Areal sei ein »Symbol des Friedens«, höhnt es ernsthaft von einer Infotafel. Um die Kluft der vormaligen Kriegsgegner zu kaschieren, wurden im »Tal der Gefallenen« außer Nationalisten letztlich auch Reste von Republik­anhängern beigesetzt. Über 33.000 Menschen lagern, teils unidentifiziert und durchmischt, in den Ossarien.

Eine Fahrstunde nordwestlich von Madrid habe ich die kilometerlange Straße ins Valle de los Caídos erreicht, die Eingangskontrolle passiert, aus der Ferne das kolossale Kreuz hoch über dem Eingang zur Basilika ausgemacht. Befremdet durchstreife ich nun deren Inneres, tief in den Fels getrieben, einer Riesenröhre gleich, über 260 Meter lang, aufreizend großspurig, streng, flankiert von Kapellen, Alabasterreliefs, Wandteppichen, Engelsskulpturen, Leuchtern. Auf dem schwarzen Marmorboden reflektieren die Lichter, der Zugang zur Sakristei wirkt düster wie die gesamte Geschichte.

Nach Ende der Zeremonie der Benediktiner, die sich heute vor einem verlorenen Häuflein abgespielt hat, trete ich nah an die Ruhestätten heran. Primo de Rivera gibt sich wie ein vertrauter Duzkamerad. »José Antonio«, nichts weiter als die Vornamen stehen auf seiner Bodengrabplatte. »Nach ihm sind in den Vierziger und Fünfziger Jahren viele Jungen in Spanien benannt worden«, raunt mir auf einmal ein älterer Mann zu, ehe er »Es ist einfach wunderbar hier« flüstert, allerdings mehr zu sich selbst. Auf José Antonios Grab liegt gleichermaßen ein frisches Blumengebinde wie auf jenem von Franco. Dass beide justament am 20. November das Jenseits betraten, mag als ironisches Detail der Historie durchgehen, doch dass beide Namensgeber dubioser Stiftungen sind, die wie selbstverständlich durch Spaniens Gesellschaft geistern, lässt auf Einflüsse Ewiggestriger im Hier und Heute schließen.

Die Wachleute sind außer Sicht, Film- und Fotoaufnahmen streng untersagt. Diese Kombination fordert heraus, sich mit ein paar fotografischen Hüftschüssen zu verabschieden und in stiller Zweisamkeit mit Franco zu zeigen, was man von Verboten in Gegenwart eines verblichenen Tyrannen und Menschenschinders hält.

Wie das Valle de los Caídos als gewichtiges Stück Faschismusverherrlichung und ureigenes Denkmal der Bürgerkriegssieger die Zeiten überdauert hat, bleibt mir ein Rätsel, doch Spanien zeigt sich bei der Bewältigung seiner Vergangenheit vergleichsweise schmerzfrei. »Mir persönlich ist das egal, und so geht es vielen Spaniern«, urteilt meine spanische Frau zur Grabstätte Francos und erklärt das Thema für abgehakt.

In Madrid gibt es zwar eine »Vereinigung zur Wiedergewinnung der Historischen Erinnerung«, Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica, die das Memorial als Zynismus gegenüber der Opfer des Franquismo anprangert und sein Ende herbeisehnt, und es haben sich vereinzelte Stimmen dafür stark gemacht, das Gelände in eine Gedenkstätte zu verwandeln und den Diktator auf ewig aus seinem Mausoleum zu verbannen, doch bislang hat es am Ende immer geheißen: Franco bleibt da, wo er ist, basta. Dabei würde den alten Knochen ein wenig frische Luft sicher gut tun.

P.S.: Jesús, mein Schwiegervater, hat zwischenzeitlich ein Verkaufsangebot jahrzehntealter Weinflaschen aus der Rioja ins Internet gestellt. Zu seinen Schätzen zählen Sammlerstücke der »Bodegas Franco-Españolas«, was – in diesem Zusammenhang auch für Spanier deutlich – »Französisch-Spanische Weinkellereien« bedeutet. Gleichwohl erreichte Jesús die Anfrage eines Interessenten, der eine Abnahme in Aussicht stellte, vorausgesetzt, das Konterfei von Franco sei klar und deutlich auf den Flaschenetiketten zu sehen.

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