Madrider Attentäter zu Höchststrafen verurteilt


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Von ETA keine Spur – die Anschläge vom 11. März 2004 wurden von islamistischen Terroristen verübt

Dreieinhalb Jahre nach den blutigen Anschlägen auf vier Madrider Nahverkehrszüge, bei denen 191 Menschen ums Leben kamen und über 1.800 verletzt wurden, ist der Nationale Gerichtshof in dem Mammut-Verfahren gegen 28 angeklagte Verdächtige zu einer Entscheidung gekommen. Viereinhalb Monate nach Beginn des Prozesses, der sich über 57 Sitzungen hinzog, gab der vorsitzende Richter Javier Gómez Bermúdez am 31. Oktober gegen 11.32 Uhr das lang­erwartete Urteil bekannt.

Madrid – Bereits Stunden zuvor hatten sich rund 600 Medienvertreter aus aller Welt vor dem polizeilich streng abgesicherten Gerichtsgebäude versammelt. Sondersendungen in so gut wie allen spanischen Fernsehsendern übertrugen die Urteilsverkündung live.

Die über 600 Seite lange Urteilsbegründung lässt keinen Zweifel mehr: Die Attentate wurden von dem Dschihad zugehörigen islamistischen Terroristen verübt. Sieben der unmittelbaren Täter haben sich am 3. April 2004 im Madrider Stadtteil Leganés in einem Wohngebäude, das von der Polizei bereits umzingelt war, in die Luft gesprengt. Unter ihnen sollen auch die geistigen Urheber der Anschläge gewesen sein. Zwei weitere der Täter, die die Bomben in den vier Nahverkehrszügen deponiert hatten, Jamal Zougam und Otman el Gnaoui, konnten gefasst und angeklagt werden. Sie wurden jetzt wegen des Mordes von 191 Menschen und versuchten Mordes in 1.856 Fällen zu je knapp 43.000 Jahren Gefängnis verurteilt. Das sind die höchsten Freiheitsstrafen, die jemals in Spanien verhängt wurden. Effektiv davon absitzen werden sie allerdings nur 40 Jahre. Der dritte der insgesamt 21Verurteilten, die die höchsten Strafen erhalten haben, ist der ehemalige asturische Bergwerksarbeiter José Emilio Suárez Trashorras, der zu knapp 35.000 Jahren Gefängnis verurteilt wurde (von denen er ebenfalls nur 40 Jahre absitzen muss). Das Gericht hat ihn als für die Ver­-übung der Attentate ausschlaggebenden Zuspieler der unmittelbaren Täter befunden. Trashorras hatte der Terrorzelle den Sprengstoff verschafft, den er von seinem ehemaligen Arbeitsplatz entwendet hatte.

Ein weiterer Hauptangeklagter, der mutmaßliche Chef-Ideologe der Anschläge, Rabei Osman Sayed Ahmed alias „Mohammed der Ägypter“, wurde ebenso wie sieben weitere Angeklagte freigesprochen. Das sorgte insbesondere bei den Opferverbänden für Empörung. In diesem Zusammenhang wurde jedoch meist vergessen die Tatsache zu erwähnen, dass Sayed Ahmed bereits in einem italienischen Gefängnis eine mehrjährige Haftstrafe wegen Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung absitzt.

Endgültiges Aus für die Verschwörungstheorie

Mit dem Urteilsspruch wurden nicht nur 21 der 28 Angeklagten verurteilt. Er bedeutet gleichzeitig auch das endgültige Aus für die seit über drei Jahren von verschiedenen spanischen, der konservativen Opposition zugeneigten Medien und Politikern krampfhaft am Leben gehaltenen Verschwö­rungstheorie, derzufolge die baskische Terrororganisation ETA hinter den Anschlägen stecken sollte. Die damalige konservative Regierung hatte seinerzeit, trotz eindeutiger gegenteiliger Beweise, unbeirrt daran festgehalten, dass sie die ETA hinter den Anschlägen vermutete. Diese „Lüge“ kos­tete sie bei den drei Tage nach den Anschlägen stattfindenden Parlamentswahlen den bereits sicher geglaubten Wahlsieg. In seinem Urteilsspruch schloss der vorsitzende Richter nun unmissverständlich jeglichen Zusammenhang zwischen den Anschlägen und der ETA aus.

Auch entkräftete er sämtliche von den Anwälten der konservativ orientierten Opfervereinigung AVT eingebrachten Beweise, die die Beteiligung der baskischen Terroristen belegen sollte, als völlig aus der Luft gegriffen.

Dennoch lassen die ersten Reaktionen auf politischer Ebene erkennen, dass selbst nach dem Urteil noch lange keine Ruhe einkehren wird, schon gar nicht, weil im März kommenden Jahres wieder Parlamentswahlen anstehen. Während nun also Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero das Urteil ausdrücklich begrüßte, legte die konservative Opposition erneut den Grundstein für weitere Auseinandersetzungen. So erklärte PP-Chef Mariano Rajoy zwar ebenfalls, er begrüße das Urteil, kündigte jedoch bereits im selben Atemzug an, seine Partei werde weitere Untersuchungen über die Hintergründe unterstützen. Das Urteil habe keinen Aufschluss über die ideologischen Urheber der Anschläge gebracht, und dies gelte es in Erfahrung zu bringen. In dieser Anklage schwebt dabei immer unterschwellig die Vermutung mit, es könne doch noch einen gänzlich anderen wirklichen Grund für die grausamsten Attentate in der spanischen Geschichte geben, als islamistische Terroristen, die beispielsweise die spanische Beteiligung am Irak-Krieg rächen wollten.




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