Lindan vergiftet O Porriño


Das Insektizid ist zwar seit Langem verboten, wurde aber vor 60 Jahren tonnenweise und wahllos verstreut und vergiftet heute noch den Boden, das Wasser und die Luft

Das Rathaus von O Porriño Foto: USER ESTEVOAEI

Pontevedra – In der 20.000-Einwohner-Stadt O Porriño in der Provinz Pontevedra (Galicien) erkranken seit Ende vergangen Jahres zunehmend Einwohner. Die vermehrt auftre­-

ten­den Fälle von Nesselausschlag, Bronchitis, Leberproblemen, Übelkeit und Erbrechen oder Schwellungen im Mund- und Halsbereich werden auf das durch Bauarbeiten frei gewordene Lindan zurückgeführt. Das Insektizid wurde vor 60 Jahren tonnenweise im Boden der Ortschaft vergraben. Niemand weiß heute, wo das gesundheitsschädliche Mittel überall unter der Erde liegt.

Die Büchse der Pandora wurde Ende letzten Jahres geöffnet, als bei Straßenausbesserungsarbeiten ein Graben ausgehoben wurde. Dabei entwich weißes Pulver, das dort vor 60 Jahren abgeladen worden war. Die Bauarbeiter und in unmittelbarer Nähe lebenden Einwohner hätten ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen, wie eine Einwohnerin der Zeitung El País mitteilte. Zunehmend klagten die Bürger über Kopfschmerzen, Hustenanfälle, Hautausschläge oder Übelkeit. Obwohl der Graben wieder zugeschüttet wurde, hielten die Erkrankungen und Symptome jedoch an.

Die Gemeinde hat ein Trink- und Konsumverbot des Wassers aus den Brunnen und aus der Gemeindequelle verhängt, nachdem festgestellt wurde, dass ein Großteil der Wasserstellen verseucht war. Bürgermeisterin Eva García erklärte, das Wasser könne noch nicht einmal zum Duschen verwendet und auch das Gemüse aus den Gärten dürfe nicht mehr verzehrt werden.

Während sich die Arbeiten zur Anlegung einer öffentlichen Wasserversorgung hinziehen, erhalten die Bürger Kanister mit Trinkwasser. Alle zwei Tage kommt die Feuerwehr und füllt mobile Wasserspeicher für jeden Haushalt auf.

„Zeltia“

Zwischen 1948 und 1964 stellte das Unternehmen Zeltia in O Porriño Lindan her, einen Halogenkohlenwasserstoff, der als Insektizid oder in Holzschutzmitteln verwendet wurde.

Die Herstellung war sehr ineffizient, und Zeltia entsorgte 90% der Produktion in der Umgebung. Die Bürgervereinigung Antilindano vom Landkreis A Louriña geht davon aus, dass insbesondere in O Porriño, aber auch im benachbarten Mos, mindestens 1.000 Tonnen des gefährlichen und gesundheitsschädlichen Pestizids verteilt wurden.

Heute weiß man, dass Lindan giftig und krebserregend ist. Der chemische Stoff steht sogar im Verdacht, die Parkinson-Krankheit hervorzurufen. Seit Ende der 80er-Jahre ist der Einsatz von Lindan in Deutschland untersagt. Die Herstellung des Stoffes ist seit 1994 in Spanien verboten.

Spätfolgen

Im Jahr 1999 untersuchte die Xunta, die Regionalregierung Galiciens, den Boden in der Nähe der ehemaligen Fabrik. Verseuchte Erde wurde abgetragen, tiefer gelegene Vorkommen wurden eingekapselt. Verdächtige Grundstücke ließ man einzäunen. Und erklärte die Angelegenheit für abgeschlossen.

Doch seit Ende letzten Jahres Straßenarbeiten stattgefunden haben, bei denen das Pulver entweichen konnte, und sich sofort negativ auf die Gesundheit der Einwohner auswirkte, ist das Thema wieder aktuell. Das Schlimmste bei diesem Problem ist, dass niemand weiß, wo überall der Boden verseucht ist.

Nach Angaben der Umweltorganisation Ecologistas en Acción, sind noch weitere Provinzen von dem Skandal betroffen, denn seinerzeit gab es mehrere Fabriken in dieser Gegend. Nicht nur, dass die Hersteller die Überreste wahllos in der Landschaft deponierten, die Mitarbeiter nahmen das Lindan auch mit auf ihre Fincas, weil es sich hervorragend als Belag eignete. Selbst im öffentlichen Bau wurde das Pulver eingesetzt.

Nun haben die Bürger erfahren, dass bereits seit Jahren Analysen und Studien die hohe Lindan-Konzentration in Boden und Wasser nachweisen.

Die Xunta hat die Dekontaminierung des mit Lindan verseuchten Bodens angekündigt. Doch auch wenn die Xunta diese Aktion schnellstens durchführt, wird sämtliches Lindan kaum verschwinden, denn viele Privatleute scheuen die Bekanntmachung von Lindan-Vorkommen auf ihren Grundstücken, weil sie die Kosten für die Sanierung selbst tragen müssten.

Derweil leben viele Bürger in Angst und denken daran, umzuziehen. Viele trauen sich nicht ins Freie, denn auf manchen Straßen riecht es nach Insektiziden.





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