Korruptionsskandal bei Adif


Führungskräfte sollen nicht oder schlecht ausgeführte Arbeiten bescheinigt haben

Madrid/Barcelona – Die Guardia Civil hat die Firmenzentralen von Adif, dem öffentlichen Eisenbahninfrastrukturverwalter, sowie die Firmensitze beauftragter Unternehmen und bestimmte Wohnungen durchsucht und 14 Personen festgenommen. Die Ermittler vermuten, dass im Rahmen der Bauarbeiten an Barcelonas zweitem Hauptbahnhof La Sagrera über 80 Millionen Euro abgezweigt wurden.

Der Antikorruptionsstaatsanwalt Emilio Sánchez Ulled wirft den Verantwortlichen des öffentlichen Unternehmens, welches das spanische Schienennetz und die Bahnhöfe betreibt, vor, Arbeiten, die nicht vorgenommen wurden, und Materialien hoher Qualität, für die dann minderwertige eingesetzt wurden, bescheinigt zu haben. Durch die Abnahme nicht existierender Bauarbeiten konnten sich die beauftragten Unternehmen enorme Gewinne zuschreiben. Die Staatsanwaltschaft wirft den Beteiligten Unterschlagung, Vetternwirtschaft und Urkundenfälschung vor.

Staatsanwalt Ulled hat dabei insbesondere zwei ehemals für die sogenannte „Nord-Ost-Linie“, die Hochgeschwindigkeitsstrecke von Barcelona bis an die französische Grenze, verantwortliche Führungskräfte im Visier – den ehemaligen Infrastrukturdirektor Jaime García und seinen Vorgesetzten, den ehemaligen Adif-Direktor Rafael Rodríguez.

Bei den unter Verdacht stehenden Bauarbeiten handelt es sich konkret um den „Sektor Sant Andreu“, den Bahnhof La Sagrera und die Zufahrten. Alle drei Vorhaben hinken zeitlich weit hinter den Plänen her bzw. stehen still. Julio Gómez-Pomar, Staatsekretär für Infrastrukturen, erklärte dieser Tage, aufgrund der Abweichungen zwischen tatsächlichem Baufortschritt und dem auf offiziellen Papieren bescheinigten, seien die Arbeiten am geplanten Mega-Bahnhof La Sagrera sogar bereites 2014 unterbrochen worden.

Die Operation Yogui

Dem jetzigen Skandal liegt die vor zwei Jahren durchgeführte Operation Yogui zugrunde. Damals gelang es den Ermittlern, nachzuweisen, dass die mit dem Bau einer zwei Kilometer langen AVE-Strecke zwischen Trinitat und Sagrera beauftragte Firma diversen Führungskräften von Adif luxuriöse Skireisen nach Amerika und Kanada finanziert hatte. Im Gegenzug sollen diese dem Unternehmen nicht oder minderwertig ausgeführte Arbeiten zertifiziert haben. Im Rahmen der Operation Yogui wurden neun Personen, darunter Rafael Rodríguez, festgenommen. Das Gerichtsverfahren läuft.

Infolge der genannten Operation wurde Rafael Rodríguez von seinem Posten entlassen und eine externe Unternehmensprüfung eingeleitet. Dabei kam zutage, dass die Firma von der Bestechung nicht mit sechs sondern sogar mit 30 Millionen Euro profitiert hatte. Weil dieselben vermutlich bestechlichen Führungskräfte auch für andere Projekte verantwortlich waren, wurde der Ermittlungsradius ausgeweitet – unter anderem auf den Bau des Bahnhofes La Sagrera.

Das Mega-Projekt

Die Einführung des Hochgeschwindigkeitszugs AVE wurde 1988 auf den Weg gebracht, 1992 wurde die erste Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Madrid und Sevilla eingeweiht. Seitdem ist das Netz – ausgehend vom Knotenpunkt Madrid Atocha – stetig ausgeweitet worden. Mit 2.777 Schienenkilometern (Stand: Ende 2015) gilt es aktuell als das ausgedehnteste Hochgeschwindigkeitsnetz Europas. Der AVE benutzt nicht die iberische sondern die interna­tionale Schienenbreite.

Im Jahr 2008 erreichte der AVE Barcelona (Fahrtzeit: 2:38 h). Im Dezember 2010 wurde zum ersten Mal Barcelona mit Paris verbunden, allerdings mit Umstieg in Figueras-Vilafan. Seit dem 9. Januar 2013 pendelt der Hochgeschwindigkeitszug direkt zwischen Barcelona und der französischen Hauptstadt.

Seit seiner Einweihung im Jahr 1979 ist der im Distrikt Sants-Montjuic gelegene „Barcelona Sants“ der Hauptbahnhof von Barcelona. Den zweitgrößten Bahnhof Spaniens, gleich nach Madrid Atocha, passieren jährlich 30 Millionen Fahrgäste. Hier treffen Hochgeschwindigkeit, Fern-, Regional und Umlandverkehr sowie Bus- und Straßenbahnnetz aufeinander.

Im Rahmen der Umwandlung von Barcelonas Distrikten San Andrés und Sant Martí wird in dem dazwischen gelegenen Stadtteil La Sagrera an einem Mega-Bahnhof gearbeitet. „Barcelona La Sagrera“ soll flächenmäßig dem Terminal 1 des Flughafens El Prat entsprechen und den Erfordernissen des zunehmenden lokalen und internationalen Zugverkehrs gerecht werden. Die Eröffnung ist für 2019 vorgesehen. Der Bahnhof soll einmal von 92 Millionen Fahrgästen aller Transportmittel passiert werden können. Veranschlagt wurde das Mega-­Vorhaben mit 590 Millionen Euro.




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