Kollateral-Opfer häuslicher Gewalt


Die Kriminalpolizei untersucht den Tatort in Valga, Pontevedra, wo ein Mann am Morgen des 16. September 2019 seine Ex-Frau sowie deren Mutter und Schwester vor den Augen seiner 4- und 7-jährigen Söhne erschoss. Foto: EFE

Familienmitglieder, die stellvertretend für die Zielperson getötet werden, zählen offiziell nicht als Opfer familiärer Gewalt

Madrid – „Violencia de Género“ ist der Begriff, mit dem in Spanien die Gewaltausübung oder gar Tötung von Frauen durch ihre Lebenspartner oder Ex-Lebenspartner bezeichnet wird: Geschlechtsspezifische Gewalt. Das Schicksal von Familienangehörigen und Freunden, die anstelle des eigentlichen Ziels der Aggression oder mit ihm zusammen getötet werden, bleibt jedoch in den amtlichen Statistiken bisher unberücksichtigt.

Diese Kollateral-Opfer häuslicher Gewalt, Kinder, Geschwister, Eltern und Lebenspartner, die ihr Leben im Zuge einer Beziehungstat verlieren, wurden bisher nicht zu den Opfern der „Violencia de Género“ gezählt.

In Spanien wird seit dem Jahr 2003 eine Statistik über diejenigen Todesopfer geführt, welche von ihren Partnern oder Ex-Partnern getötet wurden. Ab 2013 werden auch die Kinder gezählt, die im Zuge geschlechtsspezifisch motivierter Anschläge ums Leben kamen.

Der „Staatspakt gegen die Violencia de Género“, der 2017 verabschiedet wurde, sieht vor, auch die indirekten Opfer sichtbar zu machen, zu denen Familienangehörige und Freunde der betroffenen Frauen gehören, „um das reale Ausmaß des Problems erkennbar“ werden zu lassen. Doch diese Zählung ist bisher noch nicht in die Tat umgesetzt worden, und so werden auch die indirekten Opfer von Beziehungsgewalt der letzten Monate nicht als Opfer von Beziehungstaten verbucht werden.

Dazu gehören drei Frauen aus Aranjuez. Im Juni 2019 erschoss der 38-jährige Juan Mendoza mit einem Jagdgewehr seines Bruders seine beiden Schwägerinnen und seine Schwiegermutter, weil er es nicht verwinden konnte, dass seine Frau Celeste, mit der er fünf Kinder und zwei Enkel hat, ihn verlassen hatte, um mit seinem Schwager, dem Ehemann seiner Schwester, zu leben. Im Zuge dieser Tat könnte es noch zu weiteren Gewaltverbrechen kommen, da die Familie der Opfer der Familie des Täters, beides Gitano-Großfamilien, Rache angekündigt hat. Alle Verwandten des Täters haben die Stadt Aranjuez kurz nach den Morden verlassen.

Und auch die Schwägerin und Schwiegermutter von Luis Abet werden nicht diesem Spektrum von Gewalttaten zugeordnet. Sie starben am 16. September gemeinsam mit der Mutter seiner Kinder, Sandra Boquete Jamardo, vor dem ehemals gemeinsamen Haus im Dorf Valga. Die beiden 4- und 7-jährigen Söhne saßen bereits im Auto, um von Großmutter und Tante zur Schule gefahren zu werden, während Sandra Boquete sich auf den Weg zur Arbeit machen wollte. Abet erschoss zuerst seine Ex-Frau und dann auch ihre Mutter und Schwester.

Seit dem Jahr 2003 sind nach offiziellen Zahlen 1.016 Frauen durch geschlechtsspezifische Gewalt ums Leben gekommen, 257 Kinder wurden dadurch zu Waisen, und dreißig Kinder wurden durch ihre Väter oder die Lebenspartner ihrer Mutter getötet. Wie viele weitere Tote es im Lebensumfeld von durch geschlechtsspezifische Gewalt betroffenen Frauen gegeben hat, ist statistisch nicht erfasst.

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