Kindesmissbrauch und Kirche


Rund hundert Personen protestierten Anfang Februar vor dem Sitz des Erzbischofs von Tarragona wegen des mutmaßlichen Missbrauchs von Minderjährigen durch Geistliche und dessen Verschleierung durch die Kirche. Foto: efe

Zum ersten Mal soll die Generalstaatsanwaltschaft über sexuelle Übergriffe durch Geistliche zusammenfassend berichten

Madrid – Zum ersten Mal hat das spanische Justizministerium von der Generalstaatsanwaltschaft einen Bericht über die laufenden gerichtlichen Ermittlungen zu Missbrauchsfällen in der Katholischen Kirche angefordert. Bisher hat diese Behörde in ihren Jahresberichten nicht nach dem Umfeld, in welchem Kindesmissbrauch begangen wurde, unterschieden, und es gibt auch keine computergestützten Dateien, in denen diese Angaben erfasst werden. Wie lange die Generalstaatsanwaltschaft unter diesen Umständen brauchen wird, um die Informationen zusammenzustellen, ist unklar. Doch auch dann, wenn der Bericht vorliegt, wird sich kein vollständiges Bild ergeben, da der größte Teil der Übergriffe nie zur Anzeige kommt.

In der von Justizministerin Dolores Delgado unterzeichneten Anforderung heißt es, die Presseberichte über bisher unbekannte Fälle sexuellen Missbrauchs durch Geistliche hätten in der Bevölkerung erhebliche Empörung sowie einen entschiedenen Ruf nach dem Eingreifen der Regierung ausgelöst.

Schon seit einigen Monaten ist das Thema in der öffentlichen Diskussion, und es tritt offen zutage, dass kirchliche Autoritäten diejenigen Fälle, von denen sie Kenntnis haben oder die gar in einem kircheninternen Verfahren verhandelt wurden, jahrzehntelang verschwiegen und verschleiert haben. In den vergangenen drei Dekaden wurden lediglich dreißig Geistliche durch spanische Gerichte wegen eines solchen Delikts verurteilt. Allein die überregionale Tageszeitung El País hat in der letzten Zeit über zwanzig Missbrauchsopfer ausfindig gemacht, deren Fälle die Katholische Kirche zu verschleiern versuchte und in denen sie gegen Gesetze oder gegen das Kirchenrecht verstoßen hat. Zurzeit weigert sich die Führung der Katholischen Kirche in Spanien, ähnlich wie auch in anderen Ländern, die zurückliegenden Fälle neu aufzurollen. Papst Franziskus hat für den 21. bis 24. Februar ein Treffen der Präsidenten aller Bischofskonferenzen der Welt anberaumt, um das Problem zu besprechen. Diese sollen nach dem Wunsch des Papstes zuvor mit den Opfern zusammentreffen. Die Spanische Bischofkonferenz hat bisher jedoch keinen Kontakt zu den Betroffenen aufgenommen und hüllt sich in Schweigen.

Übergriffe gegen Nonnen

Um der Krise Herr zu werden, in der sich die Katholische Kirche befindet, wird es nicht ausreichen, sich mit dem Missbrauch Minderjähriger zu beschäftigen. Abgesehen von den Hunderten von Fällen, die Rom erreichen, ist der Papst auch mit dem historischen Problem des Missbrauchs von Nonnen durch Priester und Bischöfe konfrontiert. Auf seinem Rückflug aus den Arabischen Emiraten räumte Franziskus ein: „Dies ist nicht etwas, das alle tun, doch es gibt Geistliche und Bischöfe, die dies getan haben und auch noch immer tun.“ Bemüht, das Phänomen, ebenso wie den Kindesmissbrauch, in einen historischen Zusammenhang zu stellen, fuhr er fort: „Die Erniedrigung und Misshandlung der Frauen ist ein Problem. Ich würde sagen, dass die Menschheit noch nicht reif ist. Die Frau ist zweiter Klasse.“




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