Kein Ersatz für Milliardenschäden


Anlässlich des schlechten Krisenmanagements der Politik entstand die Bürger- und Protestbewegung „Nunca Máis“ (Niemals wieder). Archivfoto: EFE

15 Jahre sind seit der „Prestige“-Katastrophe vergangen

Santiago de Compostela – Fünfzehn Jahre nach einer der größten Umweltkatastrophen Europas, der von dem maroden Tanker „Prestige“ ausgelösten Ölpest an den Küsten Galiciens, wurde jetzt Bilanz gezogen: Bislang ist kein einziger Euro an Entschädigung gezahlt worden, und die Aussichten, dass jemals Ersatz für die Milliardenschäden geleistet wird, sind mehr als gering.

Am 19. November 2002 brach der Tanker „Prestige“ 437 km vor der galicischen Küste in zwei Teile. Rund 63.000 Tonnen Rohöl flossen ins Meer und lösten eine Umweltkatastrophe aus. ArchivFoto: EFE

Am 13. November 2002 hatte der Kapitän des mit 77.000 Tonnen Rohöl schlechtester Qualität beladenen Tankers „Prestige“ aufgrund eines Risses im Rumpf, der höchstwahrscheinlich auf den schlechten Zustand des Schiffes zurückzuführen war, Alarm geschlagen. In den Folgetagen wurde der Tanker so weit wie möglich von der Küste weggeschleppt, bis die „Prestige“ am 19. November 243 Seemeilen bzw. 437 Kilometer vor der Küste Galiciens in zwei Teile zerbrach und sank. Insgesamt flossen rund 63.000 Tonnen Rohöl ins Meer und verpesteten die Nordküste der Iberischen Halbinsel bis hinauf nach Frankreich. Rund 2.000 km Küstenlinie waren betroffen. Die Umweltkatastrophe kostete Meerestiere und Seevögel das Leben. Knapp ein Jahr lang säuberten über 100.000 Freiwillige und Fischer die Strände, Flussmündungen und Klippen.

Die Katastrophe hatte bemerkenswerte sozialpolitische Auswirkungen: Zum ersten Mal in der demokratischen Geschichte Spaniens wurde eine Bürgerbewegung – „Nunca Máis“ (Niemals wieder) – gegründet, die der von der Partido Popular geführten Zentral- und Regionalregierung einen schlech­ten Umgang mit der Katastrophe vorwarf. Das Umweltdesaster war nämlich lange Zeit von den leitenden Politikern heruntergespielt worden. Von „Unfall“ und „Ölfäden“ war die Rede, die Politiker vermieden nach Ansicht der Bevölkerung viel zu lange die Worte „Katastrophe“ und „Ölpest“. Auch wurde ihnen Beeinflussung der Medienberichterstattung und Desinteresse vorgeworfen. Doch für am verwerflichsten hielten die Bürger das schlechte Krisenmanagement: Zu Beginn der Krise wurden kaum Schiffe entsandt, bei der Bekämpfung der Ölpest mangelte es an Organisation, Koordination, Mitteln und Einsatz. Der Großteil der Säuberungsarbeiten wurde von Tausenden von Freiwilligen durchgeführt. Trotz allem blieb für die meisten Politiker ihr Missmanagement ohne politische noch juristische Folgen.

Nun jährte sich die Katastrophe zum 15. Mal. Ein geeigneter Moment, um Bilanz zu ziehen.

Die damals entstandenen Schäden können niemals genau beziffert werden, doch die Staatsanwaltschaft schätzt die Höhe auf 4,3 Milliarden Euro – von denen bislang nicht ein einziger Euro zurückgezahlt worden ist. Zwar hat das Nationale Strafgericht den Kapitän Apostolos Mangouras wegen eines Umweltdelikts verurteilt, mit den Entschädigungszahlungen jedoch den Versicherer London P&I Club belegt. Dessen Police wiederum deckt jedoch nur 900 Millionen Euro ab.

Dieser Tage wird das Nationale Strafgericht die detaillierte Aufstellung der Schäden abschließen und den Versuch starten, bei dem englischen Versicherungsunternehmen zumin­-

dest einen Teil der Milliardenschäden einzutreiben. Experten halten dieses Vorhaben jedoch aufgrund des britischen Rechts für ein schwieriges Unterfangen. In Großbritannien werden die Versicherer geschützt. Staatsanwalt Álvaro García Ortiz erklärte vor einigen Monaten, in Großbritannien müssten die Versicherer nur eintreten, wenn der Versicherte auch seinen Beitrag geleistet habe. Bei den Versicherungsnehmern handelt es sich jedoch um ein Netz aus teilweise unsichtbaren Unternehmen, die kaum angreifbar sind.

Doch rückblickend lässt sich auch feststellen, dass die Katastrophe den unangefochtenen Status Quo der damals führenden PP-Politiker José María Aznar und Manuel Fraga zum ersten Mal ins Wanken brachte. Auch wurde den fassungslosen Seeleuten, Umweltschützern, Freiwilligen und Bürgern die Skrupellosigkeit des auf See herrschenden Kapitalismus vor Augen geführt. Es entstand mit „Nunca Máis“ die erste Bürgerbewegung, die darüber hinaus zum ersten Mal die neuen Technologien einsetzte. So wurden die Bürger via Internet über das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe informiert, als die Politiker immer noch von „Vorfall“ und „Ölfäden“ sprachen.




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