In überladenen Paddelbooten aufs Meer hinaus


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Neue Immigrantenwelle vor Gibraltar

Wie verzweifelt muss man sein, wenn man sich zu zehnt bei Sturm in einem Kinderspielzeug aufs Meer hinauswagt? Für drei Passagiere sind die Schlauchboote ausgelegt, die die mittlerweile 323 afrikanischen Flüchtlinge der jüngsten Immigrantenwelle benutzen, um die 14 Kilometer offenes Meer zwischen Marokko und Spanien an der Meerenge von Gibraltar zu überwinden.

Madrid/Algeciras – Fast alle sind vom gleichen Fabrikat. Der Ladenpreis in Deutschland beträgt 80 Euro. An der marokkanischen Küste werden sie für 400 Euro gehandelt. Viel günstiger als die 900 Euro pro Person, die die Schlepperbanden den Menschen für die Überfahrt abnehmen.

Was mag in den Menschen vorgehen, die sich bei schwerer See mit Plastikpaddeln bewaffnet hinauswagen, als wären sie nur bei Sonnenschein auf dem Kiesteich für „Wetten dass …?“ unterwegs, um zu beweisen, wie viele Menschen man trickreich in diese aufblasbaren Nussschalen stapeln kann.

Die meisten schaffen es auch tatsächlich nicht aus eigener Kraft nach Spanien hinüber. Sie sind darauf angewiesen, dass die Seenotrettung und die Küstenwache von Spanien und Marokko sie aus der See aufklaubt.

Nachdem es in den letzten Monaten an Spaniens Küsten deutlich ruhiger geworden war, hat nun eine neue Flüchtlingswelle die Immigrantenzentren restlos überfüllt.

259 Afrikaner haben innerhalb von vier Tagen bei hohem Seegang und Winden bis zu 70 Stundenkilometern die Überfahrt gewagt. Weitere 64 wurden einen Tag später bei abklingendem Sturm aus ruhigerer See gerettet. Die Hälfte davon wurde auf vier Schlauchboote verteilt von den marokkanischen Behörden aufgefunden und zurückgebracht, die anderen in weiteren vier Schlauchbooten durch den Seenotrettungskreuzer „Salvamar Calíope“ aufgenommen. Der Rettungshubschrauber Helimer 211 suchte danach die Meerenge noch zwei Stunden lang nach weiteren Booten ab. Nach der Ankunft von fast 300 neuen Immigranten platzt das Ausländerzentrum auf der Insel Las Palomas vor Tarifa aus den sprichwörtlichen Nähten. 180 Männer mussten deshalb in den Gefängniszellen der örtlichen Polizeistation untergebracht werden, wo sich darüber hinaus noch 20 Häftlinge befinden. Die Polizeigewerkschaft hat Alarm geschlagen und dringend Verstärkung für die zwei (!) Beamten gefordert, die diese 200 Menschen bewachen, mit Nahrung versorgen, ins Bad begleiten und dem Untersuchungsrichter vorführen müssen.

Die Lage hat sich auch deshalb in dieser Weise zugespitzt, weil im Ausländerzentrum Algeciras die Männerabteilung seit Juni wegen Einsturzgefahr geschlossen ist. Die Verlegung von 75 Immigranten von Las Palomas ins Zentrum Aluche bei Madrid bringt Erleichterung, doch die Unterbringungslage der Flüchtlinge bleibt angespannt.

Da das Wetter besser werden soll, rechnen Küstenwache und Rettungskräfte  mit weiteren Flüchtlingen, die das spanische Festland noch vor Ausbruch der Herbststürme erreichen wollen. Dass bisher zumindest kein Todesopfer beklagt werden muss, ist auch der modernen Kommunikationstechnik zu verdanken. Per Handy wurden die Retter von der Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation, die in Marokko tätig ist, informiert. Und auch aus den Booten wurden von den Flüchtlingen selbst auf diesem Wege Hilferufe abgesetzt.




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