„Größter Immobilienskandal“


Bürgerprotest gegen die Vereinnahmung der Mezquita von Córdoba durch die Kirche. Foto: EFE

Verbände und Parteien versuchen Tausende durch die Kirche eingetragene Bauwerke und Liegenschaften für die öffentliche Hand zurückzugewinnen

Córdoba – „Die Kirche hat ohne Nachweise Tausende von Gebäuden und Grundstücken als ihr Eigentum eingetragen, und jetzt verlangt man von uns, anhand von Dokumenten nachzuweisen, dass sie ihr nicht gehören. Das ist das große Paradox.“ Mit diesen Worten prangert der Zivilrechtsprofessor der Universität Córdoba, Antonio Manuel Ro­dríguez, in einem Interview mit der Tageszeitung El País die aktuelle Lage im Streit um das Eigentum an unzähligen historischen Gebäuden und Stätten an. Gehören sie der Kirche oder der Allgemeinheit? Diese Auseinandersetzung entbrannte, als vor einigen Jahren bekannt wurde, dass an der öffentlichen Wahrnehmung vorbei über Jahrzehnte durch Grundbucheintragungen Tatsachen geschaffen wurden.

Im Video-Interview vor der Kulisse der ehrwürdigen, 1.200 Jahre alten Mezquita von Córdoba nennt Professor Rodríguez diese Vorgänge den „größten Immobilienskandal Spaniens“. „Wir sprechen von Abertausenden von öffentlichen Gebäuden, welche illegal anhand von Verordnungen, die offensichtlich verfassungswidrig sind, verein- nahmt worden sind. Ist die Kirche eine öffentliche Verwaltung? Nein. Sind die Bischöfe Notare? Nein. In der Konsequenz sind alle Vorgänge, durch welche Eigentum auf diese Weise im Grundbuch eingetragen wurde, verfassungswidrig.“

Der ganze Skandal fußt auf einer Verordnung, die Franco im Jahr 1946 erlassen hat. Diese verleiht den katholischen Bischöfen notarähnliche Befugnisse und gestattet ihnen, Grundeigentum nur auf ihr Wort hin, im Grundbuch eintragen zu lassen. Diese Erlaubnis schloss jedoch die Kirchengebäude aus.

Im Jahr 1998 wurden diese nachträglich durch den demokratisch gewählten Präsidenten José María Aznar einbezogen, und seitdem hat die Kirche Kapellen, Kirchen und Kathedralen in so großer Zahl registriert, dass es fast einfacher wäre, aufzuzählen, welche nicht eingetragen wurden. Am Beispiel der Mezquita von Córdoba, der 23.000 Quadratmeter großen, von Säulenhallen in arabischer Architektur geprägten ehemaligen Hauptmoschee der Epoche des maurischen Spaniens, zeigt sich exemplarisch, was geschieht, wenn die Kirche statt der öffentlichen Hand die Verwaltung historischer Bauwerke übernimmt: Historische Zeugnisse, die nichts mit dem Christentum zu tun haben, werden nicht respektiert. Aus dem Namen Mezquita-Catedral wurde das Wort Mezquita (Moschee) gestrichen. Eine der Eingangstüren wurde verändert, damit die Osterprozession hin- durchpasst. Toiletten wurden neben einem islamischen Gebetsbereich eingebaut. Es werden keine Übersetzungen der arabischen Inschriften gezeigt. Der Staat hatte vor der Umschreibung acht Millionen Euro in die Restaurierung der Mezquita investiert, mittlerweile besteht ein Reparaturrückstand.

100 Historiker, Mittelalterforscher und Orientalisten von 36 Universitäten aus dem In- und Ausland haben Ende letzten Jahres eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, in der sie ihre Besorgnis über die Art und Weise der touristischen Vermarktung der Mezquita durch die Katholische Kirche zum Ausdruck bringen. Sie appellierten an den Staat, den Prozess der Geschichtsverfälschung in den Informationsbroschüren des Bistums von Córdoba zu stoppen.




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