Gestohlene Babys


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Die spanische Staatsanwaltschaft ermittelt in 849 Fällen

Über einen Zeitraum von 40 Jahren könnten in Spanien Tausende Menschen Opfer eines Menschenhändlernetzes bestehend aus Ärzten, Hebammen und Krankenhauspersonal geworden sein, das Neugeborene gestohlen und verkauft haben soll. Nachdem über Monate immer mehr und immer haarsträubendere Geschichten über die mutmaßlichen Kinderdiebstähle bekannt wurden, hat die spanische Staatsanwaltschaft jetzt erklärt, dass sie Anfang des Jahres in 849 Fällen die Ermittlungen aufgenommen hat.

Valencia – Laut Generalstaatsanwalt Cándido Conde-Pumpido sind 162 der untersuchten Fälle bereits anhängig. Nur 38 Anzeigen wurden aus Mangel an Beweisen zu den Akten gelegt. Die im Raum stehenden Vorwürfe seien so schwerwiegend, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen als „vorrangige“ Angelegenheit behandle.

Die Fälle sollen sich zwischen 1950 und 1990 zugetragen haben. Dabei habe man neugeborene Babys ihren Eltern gleich nach der Geburt weggenommen und an meist reiche, aber kinderlose Ehepaare, die teils sogar aus dem Ausland angereist waren, verkauft. Den verzweifelten Eltern – oft waren alleinerziehende Mütter betroffen – wurde erzählt, ihre Neugeborenen seien gleich nach der Geburt verstorben. Die Täter waren so gut organisiert, dass sie die Babys oft als zur Adoption freigegeben registrieren ließen. In anderen Fällen unterzeichneten involvierte Ärzte und Hebammen aber auch Geburtsurkunden für „Mütter“, die in Wirklichkeit nie ein Kind bei ihnen zur Welt gebracht hatten.

Schon seit Längerem war bekannt, dass Müttern, welche die Republikaner unterstützt hatten, die den spanischen Bürgerkrieg 1939 verloren hatten, Babys gestohlen worden sein sollen. Neu sind allerdings die Fälle von gestohlenen Neugeborenen, die sich noch in den 1990er Jahren zugetragen haben sollen.

Laut Conde-Pumpido haben die Ermittlungen bislang unter anderem ergeben, dass es sich nicht um einen einzigen Kinderhändlerring gehandelt haben kann, der spanienweit agierte, sondern um verschiedene kleinere Netze, die auf lokaler Ebene ihre Machenschaften trieben. Am weitesten fortgeschritten seien die Ermittlungen in zwölf Fällen, die sich in La Línea de la Concepción in der Nähe von Cádiz zugetragen haben sollen. In diesen Fällen habe die Staatsanwaltschaft bereits DNA-Proben sowie Ausgrabungen veranlasst.

Meist wurden die Anzeigen von Familien erstattet, die den Verdacht hegen, dass ihr Kind gestohlen wurde. Sie fordern nun, dass ihre angeblich verstorbenen Babys ausgegraben und einer DNA-Analyse unterzogen werden.




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