Frau nach Fernseh-Auftritt von Ex ermordet


© Antena3

Die Tat löste in Spanien eine heftige Debatte um die Rolle der Medien im Hinblick auf häusliche Gewalt aus

Mit dem Versprechen, eine ihr nahestehende Person wolle sie überraschen, hatte sich die 30-jährige Russin Svetlana Mitte November dazu überreden lassen, in der beliebten Talkshow „El diario de Patricia“, die nachmittags von Antena 3 ausgestrahlt wird, aufzutreten.

Madrid – Für die seit mehreren Jahren in Spanien lebende junge Frau stand fest, dass es sich nur um eine Person aus ihrer Heimat handeln konnte. Wie sehr änderte sich jedoch ihr vor Freunde gespannter Gesichtsausdruck, als sich der Mensch, der sie überraschen wollte, als ihr Ex-Freund entpuppte, mit dem sie wenige Wochen zuvor Schluss gemacht hatte.

„Ich liebe dich. Es gibt nur ein Leben und ich will es mit dir verbringen. Für immer. Ich will, dass du mich heiratest. Du bist alles für mich. Alles. Alles.“ Mit diesen Herz erweichenden Worten fiel der 30-jährige Ricardo aus Alicante vor der eher unangenehm berührt wirkenden Svetlana auf die Knie und hielt ihr einen Ring entgegen. Millionen Zuschauer verfolgten die „rührende“ Szene am Bildschirm. Klar und deutlich, wenn auch zu­rückhaltend, lehnte die junge Russin das Angebot ihres Ex-Freundes jedoch ab. Weder wolle sie ihn heiraten, noch werde sie die Beziehung wieder mit ihm aufnehmen, das gab sie deutlich zu verstehen, doch warum, darüber erzählte sie nichts Genaues. Trotz der Ablehnung saßen die beiden dem äußeren Anschein nach friedlich bis zum Ende der Sendung nebeneinander und verließen auch gemeinsam das Studio. Niemand ahnte bis dahin, dass sich hinter dieser Geschichte eine Beziehung verbarg, die seit Jahren geprägt war von Gewalt. Eine Gewalt, die ihren Höhepunkt fünf Tage nach der Ausstrahlung der Sendung erreichte, als Svetlana im Hauseingang zu ihrer Wohnung mit durchgeschnittener Kehle entdeckt wurde. Mutmaßlicher Täter, ihr ehemaliger Lebensgefährte Ricardo. Svetlana hinterlässt einen Sohn aus einer früheren Beziehung.

Nicht zuletzt die Tatsache, dass Ricardo mehrmals polizeilich wegen Misshandlung Svetlanas erfasst, ja sogar verurteilt war, die Programmleiter also im voraus hätten feststellen können, dass sich hinter dieser Geschichte keine normale verschmähte Liebe, sondern rohe Gewalt verbarg, führte zu heftigen Debatten in Spanien.

Hauptsächlich geht es dabei  um den sogenannten „Tele­müll“, in Spanien telebasura genannt. Dahinter verbergen sich eine Vielzahl an sensationsschürenden Talkshows und Society-Programmen, die mit Vorliebe nicht nur die Dramen, Liebschaften und sonstigen Problemchen Prominenter möglichst spektakulär und aufreißerisch aufbereiten, sondern in zunehmendem Maße auch im Leben anonymer Freiwilliger wühlen. Alles nur damit die Einschaltquoten stimmen.

Die Produktionsfirma des Programms erklärte zwar, sie habe alle notwendigen Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um zu verhindern, dass sich ein derartiger Vorfall ereignen könnte. Dennoch wurde von vielen Seiten scharfe Kritik geübt. Unter anderem wurde gesagt, die öffentliche Schmä­hung Ricardos sei letztendlich ausschlaggebend für den Mord gewesen.

Selbst von Regierungsseite blieb eine Reaktion nicht aus. Demnach soll in Zusammenarbeit mit den privaten Fernsehsendern nun nach Lösungen gesucht und eine Art Maßnahmenprotokoll ausgearbeitet werden, um in Zukunft zu verhindern, dass häusliche Gewalt zu einem medialen Spektakel verkommt.

Bislang sind jedoch alle Versuche in dieser Richtung gescheitert. Bereits vor drei Jahren hatten die privaten Fernsehanstalten nämlich eine Art Ehrenkodex vereinbart, der die mediale Sensationslust unterbinden sollte, insbesondere im Hinblick auf minderjährige Zuschauer. Allerdings ohne viel Erfolg.

Nach außen hin signalisieren zwar alle Fernsehanstalten jetzt ihre Bereitschaft, nach neuen Lösungen zu suchen, gleichzeitig weisen sie jedoch eine mögliche Verbindung zwischen den Medien und häuslicher Gewalt zurück. „Ein Gewalttäter ist und bleibt ein Gewalttäter, egal, ob er in einer Fernsehsendung auftritt oder nicht“, heißt es da unter anderem.

Bis Ende November sind in Spanien bereits über 70 Frauen von ihren Lebensgefährten umgebracht worden.




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