Flugzeugunglück erschüttert Spanien


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Eingehende Untersuchungen auf verschiedenen Ebenen sollen die Unglücksursache klären

Knapp zwei Wochen nach dem tragischen Flugzeugunglück vom 20. August im Madrider Barajas-Flughafen ist der erste Schock für einen Großteil der Bevölkerung zwar weitgehend überwunden. Für die Familienangehörigen und Freunde der Todesopfer – nur 18 von 172 Insassen überlebten – beginnt die eigentliche Trauerarbeit aber erst jetzt.

Madrid/Kanarische Inseln – Trotz der tiefen Anteilnahme der Öffentlichkeit und der Beileidsbekundungen, die ihnen sowohl von privater als auch von offizieller Seite zuteil werden, wird es noch lange dauern, bis sie den tragischen und unerwarteten Verlust ihrer Lieben einigermaßen realisiert haben.

Identifizierung der Leichen erst nach neun Tagen abgeschlossen

Besonders schwer zu ertragen war für die Angehörigen die Tatsache, dass es angesichts des Zustands, in dem sich einige der Körper befanden, in vielen Fällen Tage dauerte, bis sie identifiziert waren und für die Beerdigung freigegeben werden konnten. Um jegliches Risiko einer Verwechslung auszuschließen, gingen die Gerichtsmediziner mit größter Sorgfalt vor und konnten erst nach neun Tagen die Identität der letzten Todesopfer feststellen.

Währenddessen laufen die Untersuchungen zur Klärung der Unglücks­ursache weiter auf Hochtouren, und zwar auf allen Ebenen. Fest steht bislang nur, dass die Spanair-Maschine, eine MD-82, trotz zwei technischer Probleme gestartet war. Bislang gilt jedoch als ausgeschlossen, dass eben diese, als kleinere Defekte eingestuften technischen Probleme ausschlaggebend dafür waren, dass die Maschine unmittelbar nach dem Start zerschellte und in Flammen aufging.

Fest steht weiter, dass das Flug-Zertifikat, mit dem die zivile Luftfahrtbehörde ein Mal pro Jahr jeder in Spanien gemeldeten Maschine bescheinigt, dass sie sicher und flugtauglich ist – sozusagen der TÜV der Luftfahrt – im Fall des Unglücksfliegers am 28. August abgelaufen wäre. Für diesen Tag stand der Besuch eines Inspektors an, der die Maschine zur genauen Überprüfung unter anderem auf einem regulären Flug begleiten sollte.

Unglücksmaschine sollte ausgewechselt werden

Magdalena Álvarez, die spanische Ministerin für Infrastrukturen und Verkehr, trat auf eigene Initiative bereits am 29. August vor den Abgeordnetenkongress, um die Parlamentarier über alle der Regierung bislang vorliegenden und vom leitenden Untersuchungsrichter zur Veröffentlichung freigegebenen Details zur Flugzeugkatastrophe zu informieren und Rede und Antwort zu stehen.

Für besonders viel Aufregung sorgte dabei die Nachricht, dass Spanair nach Angaben von Álvarez noch kurz vor dem Unglück wegen eines der technischen Probleme, das unter anderem eine Stunde vor dem Unglück zum Abbruch eines ersten Startversuches führte, eine neue Maschine angefordert hatte. Sämtliche Daten diesbezüglich seien dem Flughafen-Tower sogar bereits gemeldet worden. Sozusagen im letzten Moment entschieden sich die Verantwortlichen der Fluggesellschaft, einer Tochter der skandinavischen SAS, dann jedoch, die Unglücksmaschine zum Start freizugeben.

Spanair wies diese Aussage der Ministerin umgehend zu­rück. Der festgestellte Defekt – ein Überhitzungsproblem an einem außenliegenden Temperaturfühler – sei nach dem gescheiterten Startversuch von den verantwortlichen Technikern „isoliert“ worden. Im Klartext bedeutet dies, dass der Temperaturfühler ausgeschaltet und so funktionsunfähig gemacht wurde. Damit habe man sich genau an die in den Handbüchern der Fluggesellschaft vorgeschriebenen Regeln gehalten. Denenzufolge darf eine Maschine nach Feststellung und Isolierung derartiger Defekte noch genau zehn Tage fliegen, bis das Problem endgültig behoben werden muss. Der Tower sei lediglich über die Möglichkeit informiert worden, dass die für den Flug vorgesehene MD-82 durch eine andere Spanair-Maschine desselben Typs ersetzt werden könnte.

Die Aufnahmen der Gespräche, die diesbezüglich zwischen Fluggesellschaft und Tower stattfanden, bestätigen jedoch zweifellos die Aussagen der Ministerin. Allerdings ließen Experten auch wissen, dass die Bereitstellung einer Ersatzmaschine in solchen Fällen nicht ungewöhnlich ist, sondern vielmehr den Vorschriften entspricht.

Endgültige Gewissheit wird es sicher erst nach Abschluss der Untersuchungen geben. Doch für die Familienange­hörigen der Opfer bedeutet die Tatsache, dass das Unglück unter Umständen hätte doch noch verhindert werden können, zusätzlichen Schmerz. Ganz abgesehen davon, häufen sich die Vorwürfe gegen die Fluggesellschaft. So soll die Crew angeblich verhindert haben, dass Passagiere, die nach dem ersten gescheiterten Start nicht mehr mit dieser Maschine fliegen wollten, den Flieger zu verlassen.

Ermittlungsgeheimnis

Auch die eigentliche Ursache für das Unglück wird sicher erst nach Abschluss der Untersuchungen, die sowohl auf politischer und flugsicherheitstechnischer als auch auf gerichtlicher Ebene laufen, bekanntgegeben werden. Bislang gelten alle Informationen diesbezüglich als Ermittlungsgeheimnis. So ist zwar bekannt, dass die beiden Flugschreiber der Unglücksmaschine, von denen einer stark beschädigt war, inzwischen ausgewertet sind, doch vom Inhalt darf nichts veröffentlicht werden.

Auch herrscht Unklarheit darüber, ob tatsächlich beim Unglücksstart ein Triebwerk, das aus ungeklärten Gründen auf Umkehrschub geschaltet haben soll, ausgefallen ist oder, wie einige Augenzeugen berichteten, sogar in Flammen gestanden habe. Anderen Aussagen zufolge brach das Feuer erst nach dem Aufprall der Maschine aus.

Experten wiesen jedoch auch in diesem Zusammenhang darauf hin, dass selbst der Ausfall eines Triebwerks allein nicht für die Katastrophe verantwortlich sein könne. Auch mit nur einem funktionsfähigen Triebwerk könne ein Flugzeug fliegen und die Piloten müssen derartige „Notfälle“ regelmäßig am Flug-Simulator trainieren.

Am 11. September soll in Madrid eine offizielle Trauerfeier zum Gedenken der Todesopfer stattfinden.




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