Einheit beim Gedenken an die Terroropfer von Madrid


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10. Jahrestag der Anschläge auf Madrider Vorortzüge, bei denen 191 Menschen getötet wurden

Am 11. März erinnerten in Madrid mehrere Gedenkveranstaltungen an die Opfer der fürchterlichen Terroranschläge vor 10 Jahren. Am Morgen des 11. März 2004 kamen bei Bombenanschlägen auf Madrider Nahverkehrszüge 191 Menschen ums Leben. 13 Sprengsätze explodierten in vier Pendlerzügen. Die Justiz konnte später nachweisen, dass islamistische Terrorzellen für die Anschläge verantwortlich waren. Nach einem jahrelangen Prozess wurden im Oktober 2007 21 der 28 Angeklagten verurteilt. Zehn Jahre später sind einige davon bereits wieder aus der Haft entlassen.

Madrid – Zuletzt kam der Marokkaner Rafá Zouhier, der den Attentätern den Sprengstoff vermittelt hatte, am 16. März nach zehnjähriger Haft frei. Der Mann wurde unmittelbar nach seiner Haftentlassung in sein Heimatland ausgewiesen. So hatten es sich auch die Opferverbände gewünscht (Pilar Manjón: „Wir wollen keine Mörder wie ihn unter uns.“)

Hauptakt der Gedenkveranstaltungen war eine Messe in der Almudena-Kathedrale in Madrid, an der das spanische Königspaar, Prinzessin Letizia und Prinzessin Elena, Ministerpräsident Rajoy und über 100 Vertreter verschiedener Parteien teilnahmen. Kronprinz Felipe war abwesend, weil er in Chile der Vereidigung von Präsidentin Bachelet beiwohnte. Im Mittelpunkt standen trotz der vielen prominenten Teilnehmer dieses Trauergottesdienstes die Opfer, die durch rund 350 Verletzte und Hinterbliebene der Anschläge und die verschiedenen Verbände vertreten waren. Erstmals erschienen die Vorsitzenden der Opferverbände Fundación de Víctimas del Terrorismo (FVT) und Asociación de Víctimas del Terrorismo (AVT) sowie Asociación de 11-M Afectados por el terrorismo und Asociación de Ayuda a las Víctimas del 11-M gemeinsam zu einer Gedenkfeier. Die verschiedenen Opferverbände waren bislang durch unterschiedliche Meinungen und Thesen zu den Hintergründen der Terroranschläge aufeinandergestoßen.

So lag der Schwerpunkt der Messe in der Almudena-Kathedrale an diesem 10. Jahrestag auf der Einheit, die unbedingt gezeigt werden sollte. Präsident Mariano Rajoy erklärte danach, dass er dieses gemeinsame Gedenken als tröstlich empfunden habe, und die Opferverbände machten durch verschiedene Aussagen deutlich, dass dieser 11. März ein Tag der Einheit und nicht der Vorwürfe sei.

Während sich politische Vertreter und Opferverbände zu keinerlei parteiischen Äußerungen hinreißen ließen, sorgte der Madrider Erzbischof Antonio María Rouco Varela in seinen letzten Tagen als Präsident der Spanischen Bischofskonferenz für einen Aufreger. Sätze aus seiner Predigt wurden ihm als äußerst kontrovers vorgeworfen, konnte in ihnen doch eine recht klare Anspielung auf die Theorie von Ex-Ministerpräsident José María Aznar über die Hintergründe der Anschläge erkannt werden. „(…) Sie starben, weil es Menschen gab, die mit schrecklichem Vorsatz bereit waren, Unschuldige zu töten, um obskure Ziele der Macht zu erreichen. Denn es gibt Individuen und Gruppen ohne jegliche Skrupel, die, den Wert des menschlichen Lebens verachtend, ihre wirschaftlichen, sozialen und politischen Interessen unterordnen. (…)“ Während die Opferverbände diese Worte Rouco Varelas unkommentiert ließen, wetterten die Medien tags darauf heftig dagegen. Dem Erzbischof wurde unterstellt, auf die Verschwörungstheorie von Ex-Präsident Aznar anzuspielen, der behauptet, dass das Ziel der Attentate die Machtenthebung der PP war. Im Untersuchungsausschuss erklärte Aznar: „Ich habe mich gefragt, was geschehen wäre, wenn ich den Wahltermin auf den 7. März anstatt auf den 14. März gelegt hätte. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Attentate dann am 4. März geschehen wären, denn diese Anschläge sollten nicht nur Opfer fordern.“

Diskutiert wurde auch die Tatsache, dass die zentrale Gedenkfeier am 10. Jahrestag der Anschläge ein rein religiöser Akt war. Nicht nur, dass es sich um eine katholische Messe handelte, und Erzbischof Rouco Varela kein Interesse an einer ökumenischen Feier gezeigt hatte, obschon über ein Drittel der Todesopfer und Verletzten anderen Glaubensgemeinschaften angehören. Im Laufe der Zeremonie erwähnte der Erzbischof nicht einmal die Opfer anderer Religionen, die durchaus vertreten waren. So zählten der Präsident der islamischen Gemeinschaften in Spanien, Imam Riay Tatary, sowie Vertreter der rumänisch-orthodoxen Kirche, der russischen orthodoxen Kirche und der griechisch-orthodoxen Kirche ebenso wie Verterter der buddhistischen Gemeinschaft und der Episkopalkirche zu den Anwesenden. Der Verband evangelischer Kirchen in Spanien hatte die Teilnahme an der rein katholischen Messe abgelehnt.

Bei den Gedenkveranstaltungen fielen zwei Abwesenheiten besonders auf. Weder José María Aznar, noch José Luis Rodríguez Zapatero kamen. Wie die Zeitung El País berichtete, waren beide nicht zur Teilnahme eingeladen worden.

Blumen im „Wald der Erinnerung“

In einer ganz anderen, weltlichen Gedenkveranstaltung, zu der die Vorsitzende des Opferverbands Asociación 11-M Afectados del Terrorismo, Pilar Manjón, eingeladen hatte, die ihren damals 20-jährigen Sohn Daniel bei den Anschlägen verlor, wurden am Bahnhof von Atocha die Namen der 191 Todesopfer der Anschläge, ihr Alter und ihre Nationalität verlesen.

Auch zu einer symbolischen Zeremonie im „Wald der Erinnerung“ im Parque del Retiro erschienen zahlreiche Vertreter aus Politik, darunter Madrids Bürgermeisterin Ana Botella und Justizminister Alberto Ruíz-Gallardón. Gemeinsam mit den Hinterbliebenen steckten sie weiße Blüten in die Zypressen der Gedenkstätte. Die am 11. März 2005 eingeweihte Gedenkstätte besteht aus 192 Bäumen – Zypressen und Olivenbäume. Jeder Baum steht für ein Opfer der Anschläge, die 191 Menschen, die in den Zügen ums Leben kamen und den Polizisten des Sonderkommandos, das die Wohnung der Attentäter stürmte.





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