Ein Dorf wird zur Konkursmasse


Mehr als hundert Häuser und Wohnungen und die öffentlichen Einrichtungen von Ciñera de Gordón stehen zum Verkauf.

Für 122 Millionen Euro sollen Steinkohlegruben, Wohnhäuser und öffentliche Einrichtungen versteigert werden

León – Es klingt surreal und ist doch Realität. In Nord-Spanien ist ein ganzes Dorf mitsamt Steinkohlebergwerk zur Konkursmasse geworden und steht für insgesamt 122 Millionen Euro zum Verkauf: 128 Einfamilienhäuser, 12 Wohnungen, Fußballplatz, Kino, Schwimmbad, Supermarkt, Restaurant und Ärztehaus, sogar die beiden Schulen und nicht zuletzt zwei Bergwerke, in denen noch sechs Millionen Tonnen Steinkohle ruhen.

Ciñera de Gordón wurde durch das Bergbau-Unternehmen Hullera Vasco-Leonesa (HVL) gegründet. Die HVL hatte die Ländereien vor einem halben Jahrhundert von Franco zugeteilt bekommen, um günstige Unterkünfte für die Familien der Bergarbeiter zu errichten. Diese zahlten eine geringe symbolische Miete von damals 130 Peseten an das Unternehmen.

Als die HVL vor einem Jahr mit 51 Millionen Euro Schulden in die Pleite rutschte und ihre 800 Bergleute entlassen musste, änderte sich alles. Viele der Kumpel verloren nicht nur ihre Arbeit, sondern ihr Heim ist als Teil der Konkursmasse ebenfalls bedroht. Die Konkursverwaltung bringt die Häuser zu Preisen ab 18.000 Euro zur Versteigerung.

In dem Versuch, die schlimmsten Folgen abzumildern, hat die Regionalregierung von Castilla y León einige der Häuser für insgesamt 1,1 Millionen Euro erworben und stellt sie für eine geringe Miete zur Verfügung. Dadurch wird der Ausverkauf des in idylischem Bergland gelegenen 819-Seelen-Ortes und die damit einhergehende Zerstörung der Dorfgemeinschaft jedoch kaum aufgehalten. Mehr als hundert Häuser und Wohnungen und die öffentlichen Einrichtungen des Ortes stehen weiterhin zum Verkauf.

Besonders hart trifft es die Witwen der Bergleute, die fast ihr ganzes Leben in Ciñera de Gordón verbracht haben und von einer niedrigen Rente leben müssen. Sie können auch die teils geringen Preise, die für ihre Häuschen gefordert werden, nicht bezahlen und wissen nicht, wohin. Von der Versteigerung ihres Dorfes, ihres bisherigen Lebens und ihrer Erinnerungen, haben die Einwohner erst aus dem Internet erfahren.

Unter dem Druck der internationalen Konkurrenz stirbt der spanische Kohlebergbau. Der Verbrauch an heimischer Steinkohle ist im letzten Jahr um 47% zurückgegangen. Fördermaßnahmen der Regierung haben nicht gegriffen und die Entwicklung nicht aufhalten können. Heute kommt die Kohle für das in der Nähe von Ciñera de Gordón gelegene Kraftwerk La Robla aus Kolumbien und Südafrika, wo mit geringeren Sozial- und Sicherheitsstandards billiger produziert wird. Mit diesem Prozess geht die Entvölkerung jener Landstriche einher, in denen die Kohleförderung den einzigen Wirtschaftsfaktor darstellt. Das Gebiet um Ciñera de Gordón hat in den letzten 15 Jahren 40% seiner Einwohner verloren.

Dabei handelt es sich um eine wunderschöne Berglandschaft im Biosphärenreservat Alto Bernesga im Zentralgebirge der Provinz León, die mit dem Faedo de Ciñera einen der schönsten Buchenwälder Spaniens zu bieten hat und durchaus von touristischem Interesse ist. Die Bewohner sind enttäuscht, dass investiert wurde, um den Dorfplatz attraktiver zu gestalten und potenzielle Käufer anzulocken, anstatt das Geld in die Erschließung neuer Einkommensquellen für die Bevölkerung zu stecken.




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