Der Fall Bankia


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Bankengruppe wurde verstaatlicht

Der Fall Bankia sorgt derzeit weltweit für Furore. Nicht nur, dass das Desaster die fehlende Glaubwürdigkeit des spanischen Finanzsektors und das Misstrauen der Anleger bestätigt, auch bei der Bevölkerung steigt die Empörung und der Ärger, sollen doch die in diesem Jahr hart angesparten staatlichen Gelder zur Hälfte in die Rettung der Bankengruppe fließen.

Madrid – Zur Vorgeschichte: Ende 2010 schlossen sich sieben Sparkassen (Caja Madrid, Bancaja, La Caja de Canarias, Caja de Ávila, Caixa Laietana, Caja Segovia, Caja Rioja) zu Bankia zusammen. Damals schoss der staatliche Bankenrettungsfonds FROB bereits 4,5 Milliarden Euro über die dem Staat gehörende Muttergesellschaft Banco Financiero y de Ahorros (BFA) bei Bankia ein und erwarb damit eine 45%ige Beteiligung. Im vorigen Jahr wagte Bankia dann den Börsengang.

Am 3. Mai dieses Jahres nahm das bisher verschleierte Bankia-Drama Gestalt an, als die Nationale Börsenkommission (CNMV) veröffentlichte, die Bankengruppe habe nicht – wie gesetzlich festgelegt – bis zum 30. April ihren geprüften Finanzbericht vorgelegt. Zwar wurde dies kurz darauf nachgeholt, doch wurde dann auch bekannt, dass die Gruppe nur über ein Vermögen von einer Milliarde Euro verfügt, welches um 3,5 Milliarden Euro zu hoch geschätzt worden war, während sich die Summe der „faulen“ Immobilienkredite und Werte zwangsversteigerter Immobilien auf fast 32 Milliarden Euro beläuft. BFA machte im vergangenen Jahr Verluste von 3,3 Milliarden Euro, Bankia von 2,9 Milliarden Euro. Seitdem überschlugen sich die Ereignisse. Während die Bankia-Aktien im freien Fall abstürzten und ein staatlicher Eingriff unvermeidbar schien, trat Rodrigo Rato, ehemaliger Wirtschaftsminister im Kabinett Aznar und ehemaliger Leiter des Internationalen Währungsfonds, vom Chefposten zurück.  Der wurde umgehend von José Ignacio Goirigolzarri, langjähriges Vorstandsmitglied bei BBVA, eingenommen. Die Regierung reagierte prompt und gab am 9. Mai die Verstaatlichung von Bankia bekannt, die nur fünf Tage später von der BFA übernommen wurde.

Doch damit längst nicht genug. Am 25. Mai beschloss der neue Verwaltungsrat den Sanierungs- und Rekapitalisierungsplan. Zum einen will man Filialen schließen, Angestellte entlassen und Anteile an Unternehmen wie International Airlines Group, Realia oder Iberdrola verkaufen. Zum anderen wurde die Regierung gebeten, noch einmal 19 Milliarden Euro in Spaniens viertgrößtes Kreditinstitut zu investieren, nicht etwa über ein zurückzuzahlendes Darlehen sondern über die Erweiterung des Kapitals der BFA. Die  Milliardensumme ist nötig, um die teils wertlos gewordenen Aktiva auszugleichen und die in den letzten beiden Finanzreformen beschlossenen Kapitalaufstockungen zu erfüllen. Die Regierung will die geforderte Summe mit Hilfe von Staatsanleihen aufbringen. Nach der Sanierung soll durch den Verkauf der BFA das Geld wieder zurück in die Staatskasse fließen.

Als unmittelbare Auswirkung schoss die Risikoprämie für spanische Anleihen am 28. Mai auf 512 Punkte. Mehr Schulden, höhere Zinsen, weniger Zahlungsfähigkeit, das alles verunsichert die Märkte.

Jedoch am schlimmsten schlug die Nachricht über das Bankia-Desaster wohl bei der Bevölkerung ein und sorgte für Empörung und Ärger. Denn die insgesamt 23,5 Milliarden Euro, die in Bankia gesteckt werden, entsprechen fast der Hälfte der von Staat und Regionen einzusparenden 48,7 Milliarden Euro, für die die Spanier in diesem Jahr weniger Leistungen bekommen und mehr Steuern zahlen müssen. Nun sollen die Menschen zusehen, wie die Hälfte ihrer finanziellen Opfer in die Rettung einer Bankengruppe gesteckt wird, die sich teilweise durch falsche Kalkulation und durch Gier selbst in die Katastrophe befördert und vorher durch Zwangsräumungen vielen Familien ihre Existenzgrundlage genommen hat.




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