Der Brauch des grausamen Tötens


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In einem Ort in Valladolid wird jedes Jahr ein Stier mit mittelalterlichen Methoden zu Tode gequält

Tordesillas – die zur Provinz Valladolid gehörende Stadt am Ufer des Duero ist nicht nur für den historischen Vertrag von Tordesillas aus dem Jahr 1494 bekannt. Leider. Alljährlich findet hier unter dem Deckmantel der „Tradition“ eines der brutalsten Spektakel der Tierquälerei in Spanien statt.

Valladolid – Jedes Jahr am zweiten Dienstag im September wird zu Ehren der Schutzheiligen der Stadt das angeblich auf das Mittelalter zurückgehende, auch in vielen Teilen Spaniens äußerst umstrittene Schauspiel „Toro de la Vega“ veranstaltet. Dutzende mit Lanzen bewehrte Männer hetzen zu Fuß und zu Pferd einen Stier durch die Stadt aufs Land, wo er auf einer umzäunten Weide hilflos seinen bewaffneten Gegnern ausgeliefert ist. Erbarmungslos stechen die Männer auf das Tier ein, während der Pöbel kreischt und jubelt. Wie die Zeitung El País berichtete, verhinderte die aufgebrachte Menge, dass die Journalisten und Kritiker in den letzten Augenblicken des Todeskampfes Aufnahmen von dem grausamen Brauch machten. In einer offiziellen Stellungnahme des Stadtrates hieß es, dass der Stier in diesem Jahr mit nur zwei Lanzenstößen getötet wurde. „Der Toro de la Vega war in diesem Jahr tapfer“, sagte die Bürgermeisterin von Tordesillas. Freunde dieser Tradition behaupteten, der Stier sei ohne zu leiden gestorben.

Es dauerte etwa eine Stunde bis der Tod eintrat. Der für das blutige Schauspiel ausgesuchte Stier, Jaquerito, ein gut 600 kg schweres Prachtexemplar, überquerte die Flussbrücke und verteidigte sich bis zuletzt. Doch eine Chance hatte er nicht. Nach einer Stunde durchbohrte schließlich die Lanze von José Ángel González aus Salamanca – ein Auswärtiger in diesem Jahr – seinen Leib.

Die Tradition schreibt vor, dass demjenigen, der dem Tier als erster die Lanze in den Körper rammt auch die zweifelhafte Ehre des Tötungsrechts gebührt. Mit Stolz geschwellter Brust trat der Sieger später auf den Balkon des Rathauses, wo er von der Menge bejubelt wurde, als hätte er gerade die Tour de France gewonnen. Als Andenken bekam er den abgeschnittenen Schwanz des Stieres überreicht. Zumindest wurden dem Tier nicht wie noch vor Jahren bei lebendigem Leib die Hoden amputiert…

Seit 1584 findet diese blutrünstige Tradition statt. Die Regionalregierung von Castilla y León hat dieses „Fest“ als von regionalem touristischem Interesse eingestuft.  Die Tradition des „Toro de la Vega“ geht anscheinend auf die Zeiten der kastilischen Königin „Juana la loca“ (Johanna die Wahnsinnige) zurück, was angesichts der Brutalität und Grausamkeit, die in der damaligen Zeit herrschte, durchaus glaubhaft scheint. Im zivilisierten 21. Jahrhundert, in einem Land der Europäischen Union, ist es allerdings schwer zu verstehen, wie eine solche Tradition weiter existieren kann. In Spanien werden immer mehr Stimmen laut, die ein Verbot derartiger tierquälerischer Traditionen fordern. Auch in den Medien wird der Brauch mittlerweile äußerst kritisch beleuchtet. Im Internet gelangt man über die Suchmaschine Google auf zahlreiche Websites, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen.

Die Bürgermeisterin der schönen Stadt Tordesillas fordert diejenigen, die Kritik an ihrem Brauchtum üben auf, selbst einmal zu kommen und es sich anzuschauen. Lieber nicht.




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