„Angst-Epidemien werden immer mit Hintergedanken ausgelöst“


Der Präsident des Verbands der spanischen Ärztekammern über die Angst vor dem neuen Influenza-Virus H1N1

Im Internet kursieren derzeit Aufklärungs-Mails über die Schweinegrippe. Da heißt es unter anderem: „Jährlich über zwei Millionen Malaria-Tote, zwei Millionen Kinder sterben im Jahr an Durchfall-Erkrankungen, zehn Millionen Masern- und Lungenentzündungs-Tote jährlich – und all diese vielen Toten sind keine Schlag­zeile wert.“

Madrid – Dagegen werden die 250 Todesopfer gestellt, die die einst gefürchtete Vogelgrippe weltweit in zehn Jahren gefordert hat. Damals waren die Medien voll von Angst-Berichten über diese neue Krankheit: eine Epidemie, die zur Pandemie werden könnte. Heute wird von der Vogelgrippe nur noch in Verbindung mit der neuen Schweinegrippe gesprochen, die in dieser Kombination offensichtlich tatsächlich lebensgefährlich ist.

Der neue Impfstoff gegen die Schweinegrippe kostet rund 35 Euro in der Originalversion, die nun in Umlauf kommen soll. Und in der Mail wird die berechtigte Frage  aufgeworfen, weshalb dieser Impfstoff nicht zur Produktion für andere Pharma-Unternehmen freigegeben und damit wesentlich billiger werden kann, so wie das bei anderen Medikamenten ja auch Usus ist. Die Verfasser dieser Mail wittern hinter Schlagzeilen und Panikmache riesige Geschäftsinteressen in Milliardenhöhe.

Schweinegrippe ist nicht tödlich

Nun darf man ja nicht alles so unbesehen glauben, was da so ins Netz gestellt wird. Doch Stefan Kaufmann, Gründungsdirektor des Max-Planck-Ins­tituts für Infektionsbiologie, bestätigt die Tatsache der Panikmache in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung:

„Im Jahr 2008 gab es weltweit geschätzte 300.000 Grippetote. Die Welt regt sich viel zu sehr über die sogenannte Schweinegrippe und zu wenig über die normale Grippe auf“, sagt er.

In Spanien äußerte sich der Generalsekretär des Verbands der Ärztekammern (OMC), Juan José Rodríguez Sendín, ebenfalls über die Angstwelle, die die Neue Grippe ausgelöst hat. „Angst-Epidemien werden immer mit irgendeinem Hintergedanken ausgelöst, ob politischer oder wirtschaftlicher Art“, sagte Sendín im Zusammenhang mit der Bedeutung, die dem neuen Influenza-Virus H1N1 beigemessen wird.

„Wir stehen einer Angst-Epidemie gegenüber, die übertriebene Maßnahmen zur Folge hat“, unterstrich er und erklärte weiter, dass hinter der ausge-lösten Massenhysterie die verschiedensten Interessen – vor allen Dingen wirtschaftliche – stecken. Schlimm sei dies für die Ärzte, die mit diesen vor der unbekannten Krankheit angstgequälten Menschen zu tun haben. Er verglich die Lage mit einem Hausbrand: „Wir versuchen, das Feuer mit Eimern voll Wasser zu löschen, und es gibt trotzdem immer Leute, die Benzin in die Flammen gießen.“

Sendín erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass in Spanien ohnehin schon rund  13 % der Bevölkerung an Hypochondrie leiden. „Wir haben außerdem einen großen Prozentsatz chronisch Kranker, und den Ärmsten wurde gesagt, dass sie ein besonders hohes Sterberisiko haben, was gar nicht stimmt“.  Außerdem deuten die bisher im Zusammenhang mit dem H1N1-Erreger gesammelten Werte und Erfahrungen darauf hin, „dass die sogenannte Schweingrippe sogar erheblich erträglicher und milder verlaufen wird als die saisonale Grippe, die wir gewohnt sind“, versicherte Sendín.

Ähnlich äußerte sich auch Stefan Kaufmann gegenüber der Süddeutschen: „Vom jetzigen Zeitpunkt aus gesehen, ist die Schweinegrippe eine Grippe mit mildem Verlauf. Die Symptome sind unangenehm, aber nicht tödlich. Momentan muss sich der Einzelne nicht sehr fürchten.“

Impfen ja oder nein?

Auf die Frage, ob eine Impfung sinnvoll ist, erwiderte Juan José Rodríguez Sendín: „Die saisonale Grippe fordert mehr Menschenleben als die Neue Grippe und trotzdem lassen sich nicht mehr als 40 % der Bevölkerung dagegen impfen.“ Folglich sei es vertretbar, dass Impfstoff für etwa 40 % der Bevölkerung vorrätig ist, denn eine Schutzimpfung für die gesamte Bevölkerung sei nicht sinnvoll. Ebenso wie die Impfung gegen die herkömmliche Grippe besonderen Risikogruppen empfohlen werde, sei eine Immunisierung auch im Fall des H1N1-Virus nur für besondere Bevölkerungsgruppen empfohlen.




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