IS-Spanierinnen wollen heim


Das Lager Roj im Nordosten Syriens. Fotos: EFE

Auch eine marokkanische Großmutter, die nur einreiste, um die 5 Kinder ihres Sohnes zu retten, sitzt seit 3 Jahren in Syrien fest

Madrid – Nach dem Zusammenbruch des IS-Kalifats durch die Schlacht am 23. März 2019 um seine letzte Bastion Baghuz, eine Oase an der Ostgrenze Syriens zum Irak, befinden sich Tausende Frauen und Kinder der IS-Kämpfer in verschiedenen Lagern in der Region. Unter ihnen sind schätzungsweise 1.200 Frauen und Kinder aus europäischen Ländern, darunter auch Spanierinnen. Die überregionale Tageszeitung „El País“ hat drei von ihnen im Lager Al Hol im Nordosten Syriens aufgespürt und über ihr Schicksal berichtet.

In Al Hol leben zurzeit rund 73.000 Menschen, fast ausschließlich Frauen und Kinder, unter prekären Bedingungen. Über die Hälfte der 40.000 Kinder im Lager wurde während der fünfjährigen IS-Herrschaft geboren. Mindestens 350 Kinder sind unbegleitet. Innerhalb des Lagers, so berichtet „El País“ hat sich ein weibliches „Minikalifat“ herausgebildet, in welchem die radikalsten Dschihadistinnen versuchen, die Kon­trolle zu übernehmen. Viele dieser Frauen sollen Teil der Al-Khansaa-Brigade gewesen sein, einer weiblichen Einheit der „Moralpolizei“ des IS, deren Aufgabe es war, in den Straßen zu patrouillieren und Frauen zurechtzuweisen und zu schlagen, wenn sie gegen die strengen Bekleidungsvorschriften verstießen.

Die drei Frauen, von denen „El País“ berichtet, heißen Yolanda Martínez, Luna Fernández und Lubna Miludi. Sie sind gläubige Musliminnen, die betonen, dass sie den im IS vorgeschriebenen schwarzen Ganzkörperschleier, den Nikab, freiwillig tragen. Alle drei kamen im Jahr 2014 mit ihren Ehemännern in das Gebiet des IS. Wie sie sagen, geschah dies ohne ihr Wissen und Einverständnis unter dem Vorwand eines Ferienaufenthalts oder Umzugs in die Türkei. Zu ihnen gehören insgesamt 15 Kinder, 11 eigene und vier Waisen eines marokkanischen Ehepaars, das zuvor in Spanien ansässig war und im Inferno von Baghuz ums Leben kam. Als Überlebende der Bombardements von Baghuz kamen sie alle schließlich nach Al Hol, wo sie seitdem festsitzen. Sie wollen zurück nach Spanien, haben jedoch bisher keinen Kontakt zu den spanischen Behörden aufnehmen können. Alle drei versichern, dass ihre Ehemänner nur Verwaltungsangestellte des IS waren und nie gekämpft hätten.

Yolanda ist 34 Jahre alt und wurde im Madrider Stadtviertel Salamanca geboren. Sie hat ein Kunstabitur gemacht und wollte Malerin werden, wie ihre Mutter. Doch zunächst arbeitete sie als Verkäuferin im Kaufhaus El Corte Inglés, bis sie mit 22 Jahren Omar el Harshi heiratete, einen in Ceuta geborenen Spanier marokkanischer Abstammung. Der sitzt seit Anfang März in einem Gefängnis der kurdischen Miliz und wird von der spanischen Justiz als Einsatzleiter eines IS-Rekrutierungsnetzwerkes eingestuft. Yolanda trat zum Islam über und trägt seitdem den Nikab. Sie bekam vier Kinder, die heute zwischen 10 Jahre und 4 Monate alt sind. Sie beschreibt den Alltag im IS als friedlich. Sie habe dort nie eine öffentliche Hinrichtung gesehen, das Haus nie verlassen und sich nur um ihre Kinder gekümmert. Yolanda Martínez findet, die spanische Justiz habe keinen Grund, eine Frau wie sie ins Gefängnis zu stecken, die so sehr gelitten habe und nur bei ihren Kindern zu Hause gewesen sei.

Die 32-jährige Luna stammt ebenfalls aus Madrid, ihr Ehemann aus Marokko. Sie ist erst seit wenigen Monaten Witwe, hat vier Kinder und ist mit dem fünften schwanger. Luna kümmert sich zudem um die vier Waisenkinder. Sie lernte ihren Mann Mohamed el Amin mit 16 Jahren kennen. Als sie 2014 in das Gebiet des IS kam, hatte sie schon zwei kleine Kinder. Einmal eingereist, hätte der IS sie nur ohne ihre Kinder wieder gehen lassen. Sie will nur noch nach Spanien zurück und als gute Muslimin mit ihren Kindern in Frieden leben.

Lubna (40) wurde in Rabat in Marokko geboren und besitzt die spanische Staatsbürgerschaft. Sie hat drei Kinder mit ihrem Ehemann Navid Sanati, der ebenfalls Spanier marokkanischer Abstammung war und schon vor zweieinhalb Jahen verschwand. Er habe eigentlich keinen Grund gehabt, zum IS zu gehen – habe genug Geld, eine Familie und Arbeit als Architekt gehabt. Nach seinem Tod habe sie ihre Schwiegereltern gebeten, einen Schlepper zu bezahlen, der sie und die Kinder aus Syrien herausbringen würde, doch die hätten nicht geholfen.

Die kurdischen Milizen, welche die Lager bewachen, haben die Ursprungsländer der IS-Hinterbliebenen dazu aufgerufen, sich ihrer Bürger anzunehmen. Auch in Spanien gibt es eine Debatte über eine mögliche Repatriierung. Bisher hat jedoch nach Angaben der Lagerleitung nur Frankreich vier Minderjährige zurückgeholt. Immerhin wurde, wie eine belgische Insassin den Reportern berichtete, damit begonnen, die europäischen Frauen und Kinder aus dem Lager Al Hol nach Roj zu verlegen, wo es nicht ganz so eng ist und weniger Gewalt herrscht.

Großmutter in der IS-Falle

Wie die Nachrichtenagentur EFE berichtet, befindet sich im Lager Roj auch die 63-jährige marokkanische Großmutter Latifa, die sich vor drei Jahren nach Syrien einschleusen ließ, um ihre fünf Enkel zu retten. Ihr Sohn, der damals 42-jährige IS-Kämpfer Husein al Guili, war in Raqa im Bombenhagel ums Leben gekommen. Da ihr Mann zu krank war und ihre anderen Kinder den Nichten und Neffen nicht helfen wollten, reiste die damals 60-Jährige allein in das Gebiet des IS. Dort hielt man sie monatelang hin, bevor sie zu ihren Enkeln und der Schwiegertochter gelangen konnte. Doch dann ließ man sie nicht wieder gehen. Nach dem Zusammenbruch des IS am 23. März kam die Familie nach Roj, und Latifa hofft nun, dass ihr Heimatland sie alle zurückholt. Marokko ist eines von wenigen Länder, die begonnen haben, ihre Bürger, die sich dem IS angeschlossen hatten oder sich in Syrien aufhielten, als das Gebiet besetzt wurde, zu repatriieren, doch bisher konnte auch Latifa noch keinen Kontakt zu den Behörden ihres Landes oder ihrer Familie herstellen.

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