Ferien in Frieden


© ACAPS

Kinder aus der Westsahara verbringen den Sommer bei Gastfamilien auf den Kanaren

Auch dieses Jahr dürfen wieder mehrere Tausend Kinder aus den Flüchtlingslagern der Westsahara die heißen Sommermonate in Spanien verbringen. In der Zeit des Jahres, in der das Thermometer in den Wüstengebieten Algeriens auf über 50 Grad klettert, dürfen die zwischen 9 und 12 Jahre alten Kinder knapp zwei Monate bei Gastfamilien in Spanien wohnen. Das Programm „Vacaciones en Paz“ (Ferien in Frieden) wurde Mitte der 90er-Jahre von dem Verband der Freunde des Saharauischen Volkes in Spanien ins Leben gerufen.

Auf die Kanarischen Inseln kommen dieses Jahr an die 200 Kinder, 137 davon in die Provinz Teneriffa (Teneriffa, La Palma, La Gomera, El Hierro), 6 nach Fuerteventura und der Rest nach Gran Canaria und Lanzarote. Das Wochenblatt sprach mit einer der Verantwortlichen für die Aktion auf Teneriffa, die erklärte, dass in diesem Jahr eine besonders große Bereitschaft zur Aufnahme der saharauischen Gastkinder wahrgenommen wurde. Während in den Jahren der spanischen Wirtschaftskrise Ende Juni noch händeringend nach Gastfamilien gesucht wurde, um alle Kinder aufnehmen zu können, sei in diesem Jahr bereits Anfang Juni die Unterbringung aller Kinder gesichert gewesen, erklärte sie.

Die kleinen Feriengäste werden in der Nacht vom 8. auf den 9. Juli auf Teneriffa ankommen. Die Reise ist für die Kinder trotz der relativ kleinen Entfernung zwischen dem Archipel und Westafrika sehr beschwerlich. Die marokkanischen Behörden verweigern der von einer algerischen Fluggesellschaft gecharterten Maschine  die Genehmigung, ihren Luftraum zu nutzen. Deshalb führt die Reise von Tindouf zunächst in die algerische Hauptstadt Algier und von dort über einen Umweg nach Südspanien und weiter auf die Kanaren. Die Reisekosten belaufen sich – Betreuer, Versicherung und andere Nebenkosten eingeschlossen – pro Kind auf mehr als 900 Euro, und werden zum Teil von den Gastfamilien übernommen. Die übrigen Kosten übernimmt der Verband der Freunde des Saharauischen Volkes (Asociación Canaria de Amistad del Pueblo Saharaui, kurz ACAPS).

Während ihrer Sommerferien genießen die Kinder, die sonst so entbehrungsreiche Lebensumstände gewohnt sind, die Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten bei ihren kanarischen Gastfamilien. Baden im Meer oder sogar im Pool, eisgekühlte Getränke, Eis schlecken sind da absolute Höhepunkte. Zu Hause in Tindouf sieht der Alltag komplett anders aus. Schon morgens brennt die Sonne erbarmungslos auf die Lehmhäuser und „Jaimas“, die Zelthäuser, die von innen mit Tüchern tapeziert sind, um Luftschichten zu schaffen, damit es innen kühler bleibt. Kühl ist hier ein relativer Begriff, wenn die Außentemperatur auf über 45° Celsius steigt. Die Umgebung ist sandig und staubig, in der Lehmhütte wird ein Kühlschrank mit Gas betrieben, im Schatten lagern Säcke mit Hilfsgütern wie Zucker, Hülsenfrüchte und Teigwaren von der UNO und von Hilfsorganisationen.

Viele Gastfamilien ermöglichen den Kindern eine ärztliche Kontrolluntersuchung und einen Zahnarztbesuch. Viel frisches Obst und Gemüse stehen auf dem Speiseplan, um die Kinder mit Vitaminen zu versorgen.

Die anfänglichen Sprachbarrieren sind meist schnell überwunden, und die Kinder lernen rasch, sich auf Spanisch zu verständigen. Kein Wunder, dass viele der kleinen Gäste gerne im nächsten Jahr wiederkommen wollen, und auch viele Pflegefamilien schließen ihre kleinen Gäste so ins Herz, dass der Abschied stets sehr schwer fällt.

Ein seit Jahrzehnten ungelöster Konflikt

Seit 35 Jahren gilt die Westsahara als integraler Bestandteil des Königreichs Marokko. Nach der Beendigung der spanischen Kolonialzeit 1975 annektierten Marokko und Mauretanien das Gebiet. Die bereits zu spanischen Kolonialzeiten entstandene Befreiungsfront der Saharauis, „Frente Polisario“, kämpft für einen unabhängigen Staat. Der bewaffnete Konflikt zwischen der „Frente Polisario“ und Marokko, der Tausende Saharauis zur Flucht nach Algerien zwang, wurde erst 1991 mit einem Waffenstillstandsabkommen beendet. Die von den Vereinten Nationen geforderte Durchführung eines Referendums über den endgültigen völkerrechtlichen Status des Gebietes Westsahara kam nie zustande, und der Konflikt ist weiter ungelöst.

Die vergessenen Flüchtlinge

Heute leben immer noch über 180.000 Saharauis in den Flüchtlingslagern nahe der Stadt Tindouf in der Algerischen Sahara. Sie sind beinahe vollständig von Hilfslieferungen abhängig.

Die Kinder, die in diesen Flüchtlingslagern aufwachsen, haben kaum Zukunftsperspektiven. Ihnen mangelt es an gesunder Ernährung, medizinischer Versorgung, Bildungs­-

möglichkeiten und vielem mehr. Während ihrer zweimonatigen Sommerferien bei kanarischen Gastfamilien lernen diese Kinder ein „normales“ Leben kennen, werden ärztlich untersucht und gegebenenfalls auch behandelt.

Solidarisches Festival

Teneriffa – Am 24. Juli um 19.00 Uhr findet im Teatro Leal in La Laguna das „Festival Solidario Vacaciones en Paz“ zugunsten der Ferienkinder-Aktion der Westsahara statt. Kanarische Komiker und Musiker werden ein buntes Programm gestalten, das den Ferienkindern und ihren Familien gewidmet wird. Der Eintritt kostet 10 Euro. Karten gibt es an der Theaterkasse des Teatro Leal (Mo.-Sa. 11.00-13.00 u. 18.00-20.00 Uhr) und im Internet über www.entrees.es




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