Was der Tag mir zuträgt…


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Ich bin ein Sammler von Momenten, von Eindrücken, von Entdeckungen. Auch hier in Puerto de la Cruz erlebe ich ständig eigenartige Dinge, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Zeigen doch häufig auch die Art und Form der Leserbriefe einen klaren Hinweis auf die Ambivalenzen unserer Gesellschaft, ist die Sorge um den Klimawandel nicht der einzige Aspekt einer vielschichtigen Herausforderung fü̈r uns alle geworden. Was zu tun wäre, ist uns allen längst bekannt, findet keine Verbindlichkeit, jeder sucht die Flucht nach vorne, möchte sich aus dem eigenen Dilemma befreien. 

Mittlerweile ist diese Insel auch so etwas wie eine Aussteiger-Insel geworden, quasi der letzte Verbleib, ein Aufenthaltsort für die Reise ins Ungewisse. Das Betteln von Menschen in den Fußgängerzonen ist nicht neu, wird zum täglichen Erscheinungsbild, es ist ein Niedergang der Wuürde eines Menschen. Wenn auch hier die Obdachlosenzahlen gestiegen sind, sollte das zum Nachdenken anregen. Es sind die Zielgruppen der Überflüssigen, der Nutzlosen, ihre Bleibe eine Frage der weiteren Toleranz, der Barmherzigkeit. Diese Erscheinungsbilder zählen auch hier zu den spätkapitalistischen Müllhalden, aus denen es keine wirkliche Rettung gibt. Angesichts des bevorstehenden Weihnachtsfestes, das einem Regelwerk folgt, das uns vorgaukelt, dass das Fest der Liebe ein umfassendes sei, doch weit gefehlt. In meiner beherzten Arbeit als Kindertherapeut erlebe ich hier Kinder in Verhaltensdispositionen, die mich teilweise sprachlos machen. Immer mehr Eltern vernachlässigen ihren Auftrag der Erziehung, delegieren ihn an Einrichtungen, in der stillen Hoffnung, dass hier die Wunder geschehen, dass es zu einer Aufarbeitung kommt, einer Durcharbeitung der bereits manifesten Auffälligkeiten. Als Clown und Heiler stelle ich mich diesen Herausforderungen mit Herz, Liebe und großer Leidenschaft. Alle Kinder, die sich auf mich einlassen, können fü̈r Momente des Glü̈cks ihre Sorgen, Ängste und Nöte vergessen. Ich schenke ihnen auf Umwegen das Lachen, lasse sie an den schönen Dingen des Lebens partizipieren, in der Hoffnung, dass der eine oder andere Input eine Neu-Ausrichtung beflü̈gelt. Im Centro Educativo Matilde Tellez in Puerto de la Cruz bringe ich die Kinder in Nischen der Wandlung, löse teilweise eine Katharsis, aus der ein Wachstum entstehen kann. Kinder haben eine andere Welt verdient! Auch hier in Puerto de la Cruz sind Kinder, die vergessen wurden, deren Seelen schreien, die jetzt in dieser angespannten Zeit ein bisschen mehr Aufmerksamkeit verdient hätten! Das Kinder-Spiel auf der Straße und den Plätzen wirkt nach außen normal, lässt keine Zweifel aufkommen, sieht man aber länger den freien Spielphasen zu, kann man die negativen Einflü̈sse einer verrü̈ckten Gesellschaft auch hier deutlich erkennen. Es sollte wieder Zeiten geben fürs Nachdenken, fürs In-sich-gehen, fü̈r Ruhe und auch Stille. Das Weihnachtsfest könnte eine Chance beinhalten!!

Jürgen-F. Schohr
Psychotherapeut/Clown

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