Kanarische Kulturtage in Berlin


© Cab.Gomera

Eine Veranstaltung der Deutsch-Kanarischen Gesellschaft „Canarias en Berlin“

Dass die Kanarischen Inseln nicht nur ein traumhaftes Urlaubsziel im Atlantik sind und weit mehr zu bieten haben als nur Sonne und Strände, wird die Deutsch-Kanarische Gesellschaft „Canarias en Berlin“ auch in diesem Frühjahr mit den „Kanarischen Kulturtagen“ in Berlin unter Beweis stellen.

Berlin – Die Veranstaltungsreihe im Ibero-Amerikanischen Institut in der Hauptstadt findet bereits zum achten Mal statt und ist jedes Jahr ein beliebter Treffpunkt für deutsche Kanarenfans, Exil-Canarios und andere spanischsprachige Gäste. Auf dem Programm der diesjährigen kanarischen Kulturtage stehen Vorträge, Filme und Musik – dabei steht das Thema „Weltkultur- bzw. Weltnaturerbe“ im Fokus. Obwohl im Rahmen der Vorträge auch das Weltkulturebe der Stadt La Laguna und das Weltnaturerbe des Nationalparks von Teneriffa berücksichtigt werden, liegt der diesjährige Schwerpunkt auf der Insel La Gomera, ihrem Nationalpark Garajonay und der außergewöhnlichen Pfeifsprache „El Silbo“, die schon bald in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen werden soll. La Gomeras Cabildopräsident Casimiro Curbelo wird den Vortrag „Der Ursprung der Pfeifsprache“ halten. Dr. María Aránzazu Gutiérrez, Generaldirektorin für Zusammenarbeit und Kultur der kanarischen Regierung, wird über das kanarische Welterbe Garajonay, Teide und La Laguna referieren, und der ausgewiesene Forstfachmann, ehemaliger EU-Politiker der Kanaren und quasi als Botschafter in Sachen Natur und Umwelt in Berlin, Isidoro Sánchez, wird einen Vortrag über den Nationalpark Garajonay halten, der bereits 1986 von der UNESCO auf die Liste der schützenswerten Naturgebiete gesetzt wurde.

Die Pfeifsprache wird durch verschiedene Vorträge und den Film „La Gomera, patrimonio tangible e intangible“ ausführlich behandelt, wobei auch auf die Globalisierung des „El Silbo“ eingegangen wird. Erstmals wird es eine lebendige Präsentation des Silbounterrichts an den Grundschulen La Gomeras geben. Dafür werden Schüler aus der staatlichen Pfeifschule nach Berlin reisen.

Der musikalische Rahmen der Kulturtage wird unter anderem von der Gruppe „Son Gomero“ gestaltet, die auch das Abschlusskonzert der Kulturtage, „Die musikalische Nacht von La Gomera“, geben wird. Die achtköpfige Musikgruppe interpretiert kanarische Folkoremusik sowie traditionelle lateinamerikanische Musikstücke.

Außerdem werden die Teilnehmer in den Genuss kulinarischer Köstlichkeiten von der Insel La Gomera kommen.

Die Veranstaltungen finden in spanischer Sprache mit Simultanübersetzung in die deutsche Sprache statt. Der Eintritt ist frei. Das komplette Programm der „Kanarischen Kulturtage“ vom 16. bis 18. April 2008 kann unter www.canariasenberlin.de abgerufen werden.

„Canarias en Berlin“, die Deutsch-Kanarische Gesellschaft e.V., wurde im Jahr 2000 mit dem Ziel gegründet, vor allem die Kultur, Umwelt und Geschichte der Kanarischen Inseln den Menschen in Berlin und Deutschland näher zu bringen. Die Kanaren in ihrer Brückenfunktion zwischen Europa, Afrika und Amerika sind ein regelrechter kultureller Schmelztiegel, der eine eigene, besondere kulturelle Realität hervorgebracht hat. Die Gesellschaft „Canarias en Berlin“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese in Deutschland besser bekannt zu machen.

La Gomera und das Weltkulturerbe

Die Pfeifsprache „El Silbo“

La Gomera ist die zweitkleinste der sieben großen Kanarischen Inseln. Die für ihre einmaligen Naturschönheiten bekannte Vulkaninsel wurde von der UNESCO zu einem der über 500 in der Welt befindlichen Biosphärenreservate erklärt. Der Lorbeerwald im Nationalpark von Garjonay trägt ebenfalls einen UNESCO-Titel: „Naturerbe der Menschheit“. Bereits seit 1982 steht die Pfeifsprache „El Silbo“ auf der UNESCO-Liste der zu schützenden Weltkulturgüter. Nun gelangt Gomera mit „El Silbo“, seiner Pfeifsprache, erneut in den Fokus der Aufmerksamkeit der kulturellen Welt mit seiner Bewerbung um die begehrte UNESCO-Auszeichnung, nämlich als eines der  „Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“.

Wie „El Silbo Gomero“ entstand

La Gomera zählt zu den urtümlichsten und wildesten    Inseln des Archipels. Tiefe Schluchten, steile Hänge, abgelegene Dörfer erforderten viel Zeit und noch mehr Anstrengungen, um die Distanzen zu Fuß in mühsamem Auf und Ab zu überwinden. Auch wenn die Luftlinie nur manchmal hundert Meter zwischen zwei Dörfern beträgt, waren tiefe Schluchten und oftmals unwegsames Gelände nur mit Mühe und Schweiß zu bewältigende Hindernisse, um von einem Ort zum anderem zu gelangen. Ideale Bedingungen und vor allem unabweisbare Notwenigkeiten, zu überlegen, wie solcherart Entfernungen kommunikativ zu überbrücken wären. Wichtige, ja lebenswichtige Nachrichten auf einfache Art und dabei weitreichend zu übertragen, das war der weit zurückliegende historische und soziale Anlass von „El Silbo“, dem Pfiff und der „Erfindung“ der Pfeifsprache auf der Insel. Eine überaus bemerkenswerte Art der Umweltanpassung, und das über Jahrhunderte hinweg.

Lange vor den Spaniern, die im 15. Jahrhundert als Eroberer auf die Insel kamen, verständigten sich bereits die Ureinwohner, die Guanchen, in ihrer damaligen Sprache „per Pfiff“. Als die spanische Sprache auf die Insel einzog, pfiff man logischerweise spanisch. Und insofern wurde sie auch eine Sprache „mit Pfiff“, was sich vor allem während der spanischen Eroberungen zeigte und sich über den Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) bis zur Franco-Ära hinzog: Das Volk beherrschte und verstand die Sprache, viele andere, „die da Oben“ oder diese und jene Feinde oder die Guardia Civil… eben nicht.

„El Silbo“ als Schulfach: Nachwuchs-„Silbadores“ in Sicht

Heute bietet La Gomera ein anderes, ein demokratisches und nicht außerhalb des Fortschritts der Zivilisation und Technik gelegenes Bild der Entwicklung. Dennoch haben Spanische Regierung, Regionalregierung der Kanaren und der Inselrat von La Gomera auch in Zeiten des Mobiltelefons, der schnellen Straßen- und Internetverbindungen größtes Interesse, „El Silbo“ zu erhalten und als ethnographische Eigenart wieder ins reale Leben einzuführen, als einen kostbaren phonetischen Schatz der Geschichte sozusagen. Die Phase, dass „El Silbo“ drohte auszusterben, ist nunmehr überwunden. In den 90er Jahren schon fast vergessen, retteten Insel­initiativen und ein Dekret der spanischen Regierung diese Sprache, brachten sie in die Gegenwart zurück und sicherten ihr die Zukunft: Seit 1999 ist „El Silbo“ ein Pflichtfach in den Grundschulen auf La Gomera. Auch wenn es nur 45 Minuten pro Woche sind, pfeifend sprechen erfreut sich unter den Schülern bereits wieder einer großen Zuneigung. Es gilt fast als „in“ auf  La Gomera. Es gibt außerdem eine staatliche „El-Silbo-Schule“ auf La Gomera. Und nicht nur die Einheimischen, sondern auch Gäste und Besucher der Insel können sie dort lernen

Pfeifen ist so gut wie Sprechen

Die erfahrenen, meist älteren „Silbadores“ (Pfeifer) zeigen uns, wie es gemacht wird: Ein oder zwei Finger, auf alle Fälle der Zeigefinger dabei, werden in den Mund genommen, die andere Hand wird als flexibler Schalltrichter benutzt. Finger samt Zunge formen dann die Töne und die Lippen werden beim Ausstoßen der Luft dazu entweder gespitzt oder auseinander gezogen. Heraus kommen Töne, die sich wie das Pfeifen und Zwitschern eines seltenen Vogels (nach unseren mitteleuropäischen Hörgewohnheiten!) anhört. Die andere Hand als Schalltrichter gibt die Richtung der „Übertragung“ vor. Es kann damit relativ gut „gezielt“ werden und die nötige Lautstärke zur Überbrückung von bis zu sechs Kilometern (je nach Wetterlage) bleibt auf diese Art erhalten. Aber Achtung, was wie Zwitschern oder rasantes Auf und Ab von halsbrecherischen Melodien klingt, sind vollständige Sätze.

Heute weiß man: Es handelt sich nicht um irgendwelche intonierte Codes, sondern um eine komplette eigenständige Sprache. Tonhöhe bzw. Tonlänge moderieren die Buchstabenfolgen. Zwar besteht „El Silbo“ im Grunde genommen nur aus zwei Vokalen und vier Konsonanten, jedoch bringt es der Variationsreichtum in Höhe und Stärke eines jeden Tones mit sich, dass man alles satzähnlich mitteilen kann. Mit genügend Zwischenstationen (weitere „Silbadores“ also) kann man sich noch heute mühelos über mehrere Kilometer hinweg von einem Ende der Insel bis zum anderen verständigen, wie es Hirten auf der Insel zuweilen heute noch tun.

Wie kann man „El Silbo“ verstehen lernen?

Die Adaptionsfähigkeit des Gehirns, besonders seiner linken Hälfte, macht es möglich, „El Silbo“ als Sprachstruktur zu erfassen, zu verarbeiten und zu verstehen. Bei den „Silbadores“ werden genau die Sprachzentren der linken Gehirnhälfte aktiviert, die auch die „normale“ gesprochene Sprache erkennen. Mit „El Silbo“ kann man alles sagen. Das setzt natürlich Schulung voraus – und das geschulte Gehör ist schließlich auch ausschlaggebend fürs Verstehen. Das Training macht’s also auch hier. Laien verstehen deshalb außer „Zwitschern und Pfeifen“ rein gar nichts. Eine eigene Website der Inselregierung von La Gomera macht mit den erstaunlichs­ten Dingen des „El Silbo“ bekannt und enthält sowohl Tonbeispiele als auch umgesetzte Musik, in der „El Silbo“ eine Rolle spielt (http:// www.silbogomero.es/inicio.php).

Es bleibt dabei: Am Rande der EU gibt es, sogar im Urlaub gut erreichbar, eine einmalige und faszinierende Art inselweit zu kommunizieren, pfeifend zu sprechen. In Berlin kann man es vom 16.-18. April 2008, vielleicht noch vor dem Urlaub, direkt erleben: zu den 8. Kanarischen Kulturtagen. Und mit wenigen spanischen Brocken lässt sich vielleicht danach die Begeisterung schon ausdrücken: „El Silbo Gomero es muy bonito“. Ihn zu pfeifen wird schwerer. Aber von „Silbadores“ gepfiffen klingt dieser Satz garantiert „muy bonito“.




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