Von Inseln, Meer und Menschen erzählt …


© León W. Schönau

Korrespondenz aus Berlin

Die Kanaren sind nun wirklich keine terra incognita mehr, vor allem was Urlaub, Sonne, Sand und Strände betrifft. Fragt man aber als Ausländer nach ihrer Literatur und sucht nach deren Eigenheiten, um mehr hinter Inseln und Leute zu kommen, wird man nicht so schnell fündig.

Berlin – Umso verdienstvoller ist deshalb das unablässige Aufspüren, Suchen und Finden von literarischen Einblicken in Denken, Fühlen und Fantasien der isleños, der Menschen auf den sieben Inseln im Atlantik, nur wenig westlich von der Küste Afrikas. Die Feier zum diesjährigen „Día de Canarias“ bot  für die kleine deutsch-kanarische Gemeinde, Canarias en Berlín, am 8. Juni nun Gelegenheit, das Einmalige, Besondere und Unverwechselbare kanarischer Lebensart in Texten kanarischer Schriftsteller und Poeten zu entdecken. Mit dem Konkursbuchverlag von Claudia Gehrke aus Tübingen und den Büchern ihrer kanarischen Edition war zu diesem Anlass auch ein engagierter Partner gefunden, um aus dem Vollen der literarischen canaridad zu schöpfen.

Gewählt wurden Texte in ihren spanischen Fassungen und deutschen Übersetzungen, vorgetragen von Verlagsautoren und Mitgliedern von Canarias en Berlín. Auf diese Art und Weise des aufeinanderfolgenden zweisprachigen Rezitierens von Gedichten und kürzerer Prosa waren die Eigenheiten und Nuancen in den Buchtexten besonders gut zu spüren.  Begonnen wurde mit Gedichten Saulo Toróns, der zusammen mit Tomás Morales und Alonso Quesada das eigentliche Dreigestirn des lyrischen kanarischen Modernismus bildet: „Die verzauberte Muschel „/“El caracol encantado“. Hier wie auch in vielen der Folgetexte deutet sich schon die Dominanz des ewig rauschenden, mal friedlichen, mal gefährlichen stürmischen Meeres an. In Augustín Díaz Pacheco´s Geschichte „El huracán“/„Der Hurrikan“, traten die Konflikte der Seeleute im Kampf mit den tosenden Elementen dann auch richtig dramatisch zutage (alle Texte aus dem Buch „Meereslaunen/ Ca­­prichos de mar“). Wunderbar passten zu den Rezitationen die historischen Postkartenmotive von den Kanaren, die in einer Hintergrunddiaprojektion gezeigt wurden  (aus den Postkartenbüchern des Verlages).

Höhepunkt des Abends war gewiss ein „Stegreif-Text“/ „Copla“, im Dialog zweier Vorleser dargeboten, aus den „Coplas de madre Zarabanda“/„Mutter Sarabande“, eine Romanze in der Version von Agüimes, Gran Canaria. Die Eigenart dieser Form besteht in der Verkettung der Texte, z.B. auf diese Art: “Sei, was Gott wollen würde – was Gott wollen würde sei: Sei der Galan bei der Dame, die Dame umwirbt ihn. Wer umwirbt, ist die Maulbeere, die reife Maulbeere ist schwarz. Schwarz ist der Trauerrock, den Rock nimmt, wer es versucht …“ (aus dem zweisprachigen Buch „Canarias/Kanarisches Lesebuch“). Claudia Gehrke, selbst bekennende aficionada de Canarias, hatte es sich nicht nehmen lassen, selbst einiges vorzutragen.

Natürlich kamen nicht nur Spanischkundige oder Spanischlernende beim zweisprachigen Leseabend voll auf ihre Kosten, auch viele der „Nur-Reisenden“ oder „Nur-Neugierigen“ verspürten erstmalig  die Authentizität kanarischer Literatur. Und es bestätigte sich, wie es der Präsident des Vereins, Manuel Gómez Ruiz, bereits zur Eröffnung anmerkte, dass es auf den Kanaren in puncto Literatur, Kunst und Musik noch vieles zu entdecken gibt. Ein „¡salud!“ darauf, mit kanarischem Wein, kanarischen Tapas und Musik führte alle Freunde und Gäste dieser Deutsch-Kanarischen Gesellschaft danach nochmals in bester Literaturlaune zusammen.




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