Massenexodus von Venezolanern auf den Kanaren spürbar


Am 16. Oktober protestierten Aktivisten vor dem Büro des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen in Caracas und forderten die Freilassung der politischen Gefangenen. Ihnen schloss sich auch Lilian Tintori (links) an, Ehefrau des Vorsitzenden der Oppositionspartei Voluntad Popular, Leopoldo López, der bereits mehrmals inhaftiert wurde und derzeit unter Hausarrest lebt. Foto: EFE

In den letzten Jahren flüchteten mindestens 20.000 Menschen vor Maduros Regime und der Krise auf die Kanaren

Kanarische Inseln – Die schwere Wirtschaftskrise in Venezuela hat einen Massenexodus ausgelöst, den vor allem die Nachbarländer spüren. Mehr als 2,3 Millionen Venezolaner sind nach Angaben der Vereinten Nationen auf der Flucht.

Der ehemalige Vizepräsident von Guatemala, Eduardo Stein, der im September 2018 von der UN angesichts des Ausmaßes der Migrationskrise zum Sonderbeauftragten für Migranten und Flüchtlinge ernannt wurde, stellte vor wenigen Tagen bei einem Besuch in Kolumbien fest, wie dramatisch die Lage mittlerweile ist. Er rief zu internationaler Hilfe auf, um die Notversorgung venezolanischer Flüchtlinge in Kolumbien zu gewährleisten. Kolumbien, so Stein, habe bislang mit eigenen Mitteln die „Menschenlawine“ aus dem Nachbarland betreut, doch die Mittel seien nun erschöpft. Beide Länder grenzen auf 2.200 Kilometern aneinander, und Kolumbien spürt die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen des Exodus aus Venezuela am stärksten von allen Nachbarländern.

Auch auf den Kanarischen Inseln sind seit einigen Jahren die Auswirkungen der schweren Wirtschaftskrise in Venezuela spürbar. Seit 2014 ließen sich schätzungsweise mindestens 20.000 Venezolaner auf den Inseln nieder. Das südamerikanische Land ist eng mit dem kanarischen Archipel verbunden. In der zweiten Hälfte des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wanderten zahlreiche Canarios nach Venezuela aus und fanden dort gastfreundliche Aufnahme und eine zweite Heimat, in der sie sich eine Zukunft erarbeiteten. Viele kehrten danach wieder heim, andere blieben in der neuen Heimat. Die große kanarische Kolonie in Venezuela zeugt heute noch davon, und kaum ein Canario hat keine Verwandten oder Freunde auf der anderen Seite des Atlantiks. Deshalb wird das südamerikanische Land auf dem Archipel auch die „achte Insel“ (octava isla) genannt.

Laut der venezolanischen Oppositionspartei Voluntad Popular kommen im Schnitt täglich sieben Migranten aus Venezuela – ehemalige kanarische Emigranten und venezolanische Staatsbürger – von der „achten Insel“. Der Koordinator von Voluntad Popular auf den Kanaren, Máximo Díaz-Estébanez, teilte mit, dass laut den Informationen, die seiner Partei vorliegen, seit 2014 mindestens 20.000 Venezolaner auf die Kanaren (zurück-)kamen, davon allein 10.000 nach Teneriffa. Darunter seien viele Kinder und Enkel kanarischer Emigranten, aber auch Venezolaner, die keine kanarischen bzw. spanischen Angehörigen, aber Freunde auf den Inseln haben. Sie flüchten vor der Wirtschaftskrise und vor dem dramatischen Mangel an Nahrungsmitteln und Medikamenten. „Es gibt keine Medikamente oder nur wenige“, erklärte er. Die Lebensmittelknappheit schränke den Speiseplan ein, der zunehmend aus Kohlenhydraten besteht und wenig Proteine beinhalte, fügte er hinzu. Außerdem gebe es keine öffentlichen Transportmöglichkeiten, die Kriminalität und Unsicherheit nehme zu. „Die Lage ist katastrophal, und die Venezolaner kommen auf die Insel, um zurück zur Normalität zu finden.“

Vergebliches Warten auf Rentenzahlungen

Tausende in Spanien lebende Rentner, die Ansprüche auf Rentenbezüge aus Venezuela haben, warten seit Jahren vergeblich auf ihre Einkünfte.

Die Lage ist dramatisch. Im Dezember 2015 gingen die letzten Zahlungen ein. Seither haben die Betroffenen – etwa 2.500 allein auf Teneriffa – keine Bezüge mehr erhalten und haben durch den finanziellen Engpass Schwierigkeiten, Mieten zu bezahlen oder Medikamente zu kaufen.

Die kanarische Regierung unterstützt einen Teil der Pensionäre mit einer Übergangshilfe, wenn sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Diese Hilfe können ehemalige kanarische Emigranten beantragen, die auf die Inseln zurückgekehrt sind, Anspruch auf Rentenbezüge in Venezuela haben, über 65 Jahre alt sind und im Einwohnerregister einer Gemeinde auf den Kanaren eingetragen sind.

Betroffen von den Zahlungsrückständen der venezolanischen Regierung sind auch Studenten, die dank Stipendien im Ausland studieren.




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