Leben auf dem Schiff der Barmherzigkeit


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Das Hospitalschiff „Africa Mercy“ des christlichen Hilfswerks „Mercy Ships“ besuchte vor seinem neuen Einsatz in Westafrika die Kanaren

Wer Karriere machen und entsprechend Geld verdienen will, ist auf der „Africa Mercy“ an der völlig falschen Adresse. Wer hier arbeitet, der ist entweder Idealist, hat unter Umständen ein Helfersyndrom oder leidet unter postkolonialem schlechtem Gewissen.

Denn wer auf dem Krankenhausschiff der Hilfsorganisation Mercyships mit anpackt – sei es im Operationssaal, in der Schiffsküche, in der Schule oder im Maschinenraum -, der tut dies unentgeltlich, zum Wohle der Menschheit und bezahlt dafür auch noch Kost und Logis. Einsatzgebiet des Krankenhausschiffes ist Afrika, die Mitarbeiter sind gut ausgebildete Menschen, viele von ihnen Ärzte, Lehrer oder Ingenieure. 350 sind derzeit an Bord und einer von ihnen ist Udo Kronester.

„Man braucht viel Geduld für diese Arbeit“, lächelt der 49-Jährige, rührt in seinem Kaffee und betrachtet das Panorama von Santa Cruz. Entwicklungshilfe ist kein einfaches Geschäft, das steht für Kronester nach zwölf Jahren im Dienste von Mercyships fest. Er ist verantwortlich für sämtliche Hilfsprojekte der Africa Mercy-Mitarbeiter. Neben der medizinischen Versorgung von Bedürftigen sind das auch diverse Projekte an Land, deren Ziel ebenfalls ist, den Gesundheitszustand der Einheimischen zu verbessern. Also bauen die Leute der Africa Mercy Brunnen, um für sauberes Wasser zu sorgen und sie schulen in Hygiene und im Ackerbau. Im vergangenen Jahr waren sie in Liberia, wo ihnen ihr Engagement hoch angerechnet wurde.

„Die Liberianer danken Ihnen für das, was Sie hier tun. Sie sind wie Familie für uns, Sie sind ein Teil von uns geworden“, begrüßte Bernice T. Dahn vom liberianischen Gesundheitsministerium die Crew der „Africa Mercy“ bei ihrer Ankunft in Monrovia am Karnevalsdienstag.

Vor einigen Tagen nun ist die Arbeit der Africa Mercy im Hafen von Liberias Hauptstadt Monrovia wieder angelaufen. Bis November werden die Entwicklungshelfer aus aller Welt in der Regel sechs Tage die Woche von früh bis spät arbeiten, in den OPs gehen die Lichter oft erst nach zwölf, vierzehn Stunden aus.

Doch Udo Kronester und seinen Kollegen sind fit für den neuen Einsatz. Hinter ihnen liegen zwei Monate auf den Kanaren, wo das 152 Meter lange Schiff zunächst in Las Palmas im Trockendock lag und an-schließend fünf Wochen lang in Santa Cruz für den kommenden Einsatz in Westafrika ausgerüstet wurde. 

„Wir konnten die Zeit nutzen um uns zu erholen und auszuspannen“, erzählt Udo Kronester. „Es war herrlich!“

Auf Deck 3, dem Krankenhausdeck, herrschte seit November weitgehend Ruhe. Dafür wimmelte das Leben auf den anderen Decks weiter wie immer. Dort hören vier Fünf­jährige im Kindergarten gespannt ihrer Erzieherin zu, ein paar Kabinen weiter drücken die älteren Kinder und Jugendlichen die Schulbank. Unter den fünfzig Kindern an Bord sind auch die vier von Udo Kronester und seiner Frau Ines.

Entwicklungshilfe ist für Ines und Udo Kronester ein Lebenskonzept

Denn ist Entwicklungshilfe für viele Mercyship-Mitarbeiter lediglich ein vorübergehender Ausstieg aus dem normalen Alltag, so ist sie für andere ein Lebenskonzept, Familie inklusive. Ines und Udo Kronester entschieden sich 1996 dafür, und leben nun zu sechst glücklich in ihrer 55-Quadratmeter-Kabine. „Das ist wie ein kleines Apartment“, berichtet der ehemalige Kameramann zufrieden. „Wir haben genug Platz. Außerdem betrachten wir nicht nur unsere Kabine als unser Zuhause, sondern das ganze Schiff.“ Und wer hat sonst schon eine Bibliothek, einen Konferenzraum, Speisesaal, Cafeteria, Internetcafé und Spielplatz daheim?

Finanziert wird das Leben der Kronesters mithilfe eines Sponsors, der für die monatlich fälligen rund 850 US-Dollar aufkommt. Denn wie alle anderen an Bord verdienen auch Ines und Udo Kronester kein Geld mit ihrer Arbeit. Ein langfristiges Engagement für Mercyships ist ohne einen solchen Unterstützer in der Regel nicht zu machen. 

Überhaupt ist die „Africa Mercy“ völlig auf Spenden und Sponsoren angewiesen. Ohne sie hätte das Schiff weder Besatzung noch Ausrüstung. Und vor allem letztere ist teuer. Denn auf Deck 3 gibt es nicht nur sechs voll ausgerüstete, hochmoderne Operationssäle, sondern auch ein Röntgengerät, einen Computertomographen, 87 Krankenbetten, darunter eine Intensivstation mit sieben Plätzen. Der Schwerpunkt liegt auf gynäkologischen und orthopädischen Operationen, auf dem Entfernen von Kopf- und Halstumoren, dem Schließen von Lippen-Gaumen-Spalten und auf Augenoperationen. Außerdem ist eine komplette Zahnklinik an Bord, die an Land aufgebaut wird. Für die Patienten ist die Behandlung kostenlos.

In Monrovia wurde die „Africa Mercy“ bereits sehnsüchtig erwartet und mit großem Bahnhof im Empfang genommen. Denn in dem Land mit seinen rund 3,8 Millionen Einwohnern gibt es gerade einmal vierzig einheimische Ärzte. Dazu kommen rund hundert ausländische Mediziner, die für Hilfsorganisationen arbeiten.

„Ein sehr kleiner Tropfen auf einem unglaublich heißen Stein“

Um die Liberianer mit einem medizinischen Mindeststandard zu versorgen, müsste das jährliche Budget des Gesundheitssystems rund 140 Millionen Dollar umfassen, berichtet Udo Kronester. „Es liegt de facto bei 16 Millionen. Mit unserem Einsatz stocken wir es auf etwa 60 bis 70 Millionen auf“, stellt er fest. „Was wir tun ist ein sehr kleiner Tropfen auf einem unglaublich heißen Stein.“

Auch wenn seine Tätigkeit an Sisyphus denken lässt, ist Udo Kronester zufrieden mit seinem Leben. „Meine Frau und ich haben das Gefühl, dass wir ein sinnvolles Leben führen.“ Sie haben engen Kontakt zu ihren Kindern, denen sie ein komplexeres Weltbild vermitteln können, als dies an ihrem ehemaligen Wohnort Köln möglich gewesen wäre. Sie leben an Bord in einer geschützten Enklave und können doch täglich dort helfen, wo es wirklich nötig ist – nun schon zum vierten Mal in Liberia.

Im November werden sie dann ihre Ausrüstung wieder zusammenpacken, seefest verstauen und Kurs auf die Kanarischen Inseln nehmen. Und dort werden Udo Kronester und all die anderen Altruisten an Bord die Verschnaufpause auf den Kanaren mit Sicherheit wieder in vollen Zügen genießen.   

rec.

Kontakt

Mercy Ships sucht stets nach Mitarbeitern, die bereit sind sich ein paar Wochen, Monate oder Jahre unentgeltlich bei der Hilfsorganisation zu engagieren. Stets willkommen sind außerdem Spenden. Interessenten können sich an die folgenden Ansprechpartner wenden:

Deutschland e.V., Am Riederloh 6, 87600 Kaufbeuren

Tel.: 08431 98 217, Fax 08341 98206

E-Mail: MSDE@mercyships.org

Mercy Ships Schweiz, Chemin de la Fauvette 98, CH-1012 Lausanne, Tel. : +41 21 6543210, Fax +41 21 6543220

E-Mail : recepsw@mercyships.ch

Ausführliche Informationen bietet außerdem die Website www.mercyships.org




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