Furchtbare Gewissheit

Das Forschungsschiff „Ángeles Alvariño“ sucht seit mehr als 20 Tagen den Meeresboden der Küste von Teneriffa ab. Am 10. Juni wurde von dem an Bord befindlichen Tauchroboter die Leiche der sechsjährigen Olivia aus 1.000 Metern Tiefe geborgen. Nach ihrer Schwester Anna (1) und ihrem Vater und Mörder, Tomás Gimeno (37), wird weiter gesucht. Foto: EFE

Das Forschungsschiff „Ángeles Alvariño“ sucht seit mehr als 20 Tagen den Meeresboden der Küste von Teneriffa ab. Am 10. Juni wurde von dem an Bord befindlichen Tauchroboter die Leiche der sechsjährigen Olivia aus 1.000 Metern Tiefe geborgen. Nach ihrer Schwester Anna (1) und ihrem Vater und Mörder, Tomás Gimeno (37), wird weiter gesucht. Foto: EFE

Olivia, das ältere der beiden von ihrem Vater auf Teneriffa entführten Mädchen, wurde tot aufgefunden

Kanarische Inseln – Am Donnerstag, dem 10. Juni um 19.00 Uhr, wurde ein schrecklicher Fund bekannt, den das Forschungsschiff „Ángeles Alvariño“ vor der Südküste Teneriffas gemacht hatte. Der Leichnam der sechsjährigen Olivia, die am 27. April zusammen mit ihrer einjährigen Schwester Anna von ihrem Vater entführt und seither vermisst wurde, ist auf dem Grund des Meeresgebietes gefunden worden, in welchem sich der Vater der Mädchen laut Handy-Ortung zuletzt aufhielt. Der Oberste Kanarische Gerichtshof bestätigte, dass es sich um die Leiche des Mädchens handelt.
Der Leichnam wurde durch den Tauchroboter des Schiffes etwa drei Meilen vor der Südküste Teneriffas in Tausend Metern Tiefe entdeckt und geborgen. Er befand sich im Inneren einer Sporttasche, die an einem Schiffsanker befestigt war. Dabei handelte es sich um den Anker des Sportbootes von Tomás Gimeno, das am Tag nach seinem Verschwinden leer vor der Küste von Güímar gefunden wurde.
Die „Ángeles Alvariño“ und die Guardia Civil suchen seither weiter nach den sterblichen Überresten von Anna und ihrem Vater Tomás Gimeno (37).
Der Mord an Olivia gehört augenscheinlich zu jener Form der Gewalt gegen Frauen, welche die Kinder missbraucht, um die Mutter zu verletzen. Der Misshandler hat dabei nicht das Ziel, die Frau zu töten, sondern ihr den größtmöglichen Schmerz zuzufügen. Seit 2013, seit über Fälle dieser Art Aufzeichnungen geführt werden, sind 39 Kinder getötet worden, vier davon auf den Kanarischen Inseln. Mit Ausnahme von dreien waren in allen diesen Fällen die biologischen Väter die Täter, bei den anderen drei Fällen waren es Partner oder Ex-Partner der Mutter.

Den größtmöglichen Schmerz zufügen

Laut dem am 12. Juni veröffentlichten Gerichtsbericht, der sich auf die Ermittlungen der Kriminalpolizei stützt, soll Tomás Gimeno seine beiden Töchter am 27. April zwischen 20.00 und 21.00 Uhr in seinem Wohnhaus in Igueste de Candelaria ermordet haben. Später brachte er die kleinen Leichen in Taschen verstaut an Bord seines Bootes im Hafen von Santa Cruz, fuhr aufs Meer hinaus und versenkte die Taschen mit den Leichen seiner Töchter an einer Stelle, von der er wusste, dass sie besonders tief ist. Zuvor hatte er noch bei der Wohnung seiner Eltern in Santa Cruz gehalten und, ohne dass er gesehen wurde, seinen Hund sowie zwei Kreditkarten samt PIN und zwei Schlüssel seines neu erworbenen Alfa Romeo dort deponiert. Um 22.30 rief er seine Exfrau an, die sich zu diesem Zeitpunkt im Kommissariat der Guardia Civil befand, und teilte ihr mit, dass er nicht zulassen könne, dass seine Töchter ohne ihn aufwachsen. Sie werde ihn und die beiden Mädchen nie wiedersehen, erklärte er.
Tomás Gimeno und Beatriz Zimmermann waren seit ihrer Jugend ein Paar. Die Trennung erfolgte vor einem Jahr. Seither soll Gimeno seine Exfrau täglich mit beleidigenden und geringschätzigen Kommentaren belästigt haben und sie offen dafür verachtet haben, ihr Leben mit einem neuen Partner fortzusetzen.
In dem Gerichtsbericht wird festgestellt, dass Tomás Gimeno mit seiner Tat beabsichtigte, seiner Exfrau den größtmöglichen Schmerz zuzufügen, nämlich die lebenslange Ungewissheit über das Schicksal ihrer Töchter. Ihre Leichen sollten nie gefunden werden.

Anteilnahme im ganzen Land: Überall fanden Kundgebungen gegen Gewalt an Frauen und Kindern statt. Foto: EFE
Anteilnahme im ganzen Land: Überall fanden Kundgebungen gegen Gewalt an Frauen und Kindern statt. Foto: EFE

Präsident Pedro Sánchez sprach sein Beileid aus

Die Nachricht über den Fund der kleinen Olivia hat Teneriffa, die Kanarischen Inseln und ganz Spanien tief erschüttert. Am Tag danach fanden überall in Spanien Kundgebungen gegen Gewalt an Frauen statt.
Der kanarische Präsident Ángel Víctor Torres schrieb auf Twitter: „Wochen des Wartens auf einen Hoffnungsschimmer, und doch erreicht uns heute die schlimmstmögliche Nachricht, die uns die Seele gefrieren lässt, über die Mädchen von Teneriffa, Anna und Olivia. All unser Beileid, Mut und Kraft für ihre Mama, Beatriz, ihre Familie und Freunde. Die Kanaren sind am Boden zerstört.“
Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez äußerte sich ebenfalls noch am selben Abend zu der Tragödie. Auf Twitter schrieb er: „Ich kann mir den Schmerz der Mutter der kleinen Anna und Olivia über die furchtbare Nachricht, die wir erfahren haben, nicht vorstellen. Meine Umarmung, meine Zuneigung und die meiner ganzen Familie, die sich heute mit Beatriz und ihren Lieben solidarisiert.“ Ein paar Tage später sprach Sánchez Beatriz Zimmermann in einem Telefongespräch persönlich sein Beileid aus und versicherte ihr, dass die Suche nach Anna und Tomás fortgesetzt werden würde.
Nachdem bekannt geworden war, dass das Forschungsschiff „Ángeles Alvariño“, dank dessen Fächerecholot die Leiche von Olivia gefunden wurde, die Kanaren verlassen würde, kamen bei einer Petition auf Change.org mehr als 240.000 Unterschiften zusammen, die forderten, dass das Schiff die Suche fortsetzt.
Bei Redaktionsschluss am 22. Juni befand sich das Schiff des ozeanografischen Instituts auch nach mehr als 20 Tagen weiter auf der Suche nach Tomás Gimeno. Nachdem zunächst der Meeresgrund in Küstennähe abgesucht wurde, wird jetzt in einem sechs Meilen vor der Küste liegenden Gebiet gesucht.

Herzzerreißender Dankesbrief

Die Mutter der Mädchen hat sich während der Suche nach ihren Töchtern mehrfach durch Briefe in der Presse geäußert. Zuletzt verbreitete Beatriz einen herzzerreißenden Dankesbrief an alle, die in Gedanken und mit Gebeten in den letzten Wochen bei ihr und ihren Töchtern waren, an die Ermittler der Polizei und die Besatzung der „Ángeles Alvariño“. „Mit dem ganzen Schmerz in meiner Seele möchte ich euch einen Dankesbrief schreiben“, lauten die ersten Worte des Schreibens, in dem sie deutlich macht, dass es besser ist, die Wahrheit zu kennen, so schrecklich und grausam sie sein mag. Nur durch das Wunder, Olivia gefunden zu haben, könne sie in tiefer Traurigkeit aber mit Liebe und Frieden in ihrem Herzen weiterleben. Ein derart grausames und schmerzhaftes Erlebnis könne man niemals bewältigen, aber man lerne, mit dem Schmerz zu leben. „Wenn sie nicht gefunden worden wäre, hätte ich nie aufgehört zu suchen. Mein einziges Ziel wäre gewesen, sie zu finden.“

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