Fuerteventura: Casa Alta de Tindaya


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Mit Blick auf den heiligen Berg

Am 22. März wurde auf Fuerteventura das Casa Alta, das „hohe Haus“ in der Nähe des den Ureinwohnern heiligen Bergs Tindaya eröffnet. Es dient als Informationszentrum für Besucher, die sich für die Kultur und Geschichte der ältesten Insel des kanarischen Archipels interessieren.

Auch das Haus selbst hat historischen Wert und – wie so viele Orte auf den Kanaren – eine mystische Geschichte. Es war das erste Haus im Ort Tindaya, das über zwei Stockwerke verfügte und den Wohlstand des aus Übersee heimgekehrten Besitzers demonstrierte. Allerdings hatte er nicht lange etwas davon, denn kaum fertiggestellt, wollte er sein Anwesen von der Spitze des heiligen Bergs Tindaya betrachten und stürzte dabei in den Tod. Das Gebäude sei verhext, glaubten die Nachbarn und gaben dem Haus schließlich den Namen casa de las brujas (Hexenhaus). 

Die Meinung, dass am Tindaya nicht immer alles mit rechten Dingen zugeht, hält sich bis heute. Allerdings hat dies weniger mit dem verfluchten Haus als vielmehr mit dem Projekt „Toleranz zwischen den Kulturen“ des 2002 verstorbenen Eduardo Chillida zu tun. Der baskische Künstler wollte in einem gewaltigen Kraftakt das Innere des heiligen Bergs um 125.000 Kubikmeter seines Trachytgesteins aushöhlen, um einen Licht- und Schattenraum mit 50 Metern Kantenlänge als Kunstobjekt zu schaffen. So verständlich die Begeisterung des Künstlers und seiner Anhänger (nebst verschiedener Politiker und Bauunternehmer) über dieses Projekt war und ist, so erklärlich ist die vehemente Abneigung seiner Gegner. Einwohner, Umweltschützer, Kulturhistoriker und -bewahrer gingen auf die Barrikaden und erreichten, dass das Projekt auf Eis gelegt wurde. Nebenbei bemerkt waren zu diesem Zeitpunkt bereits mehrstellige, für das Projekt zur Verfügung gestellte Millionenbeträge auf Nimmerwiedersehen versickert, und bis heute weiß angeblich niemand, wohin.

Im Casa Alta sind neben altkanarischen Kulturzeugnissen auch die Pläne von Chillidas Kunstprojekt – ohne die letztgenannten Details – zu sehen. 

„Die Idee, einen Hohlraum in dem Berg zu schaffen, ist nicht neu. Es existiert bereits eine 4 Meter lange und 1,50 Meter hohe Höhle mit einem nach oben verlaufenden Schacht, die nach Meinung so manchen Majoreros einer der Orte war, an dem die Prophetinnen Tibiabin und Tamonante ihre Orakel verkündeten. Sollte der Berg Tindaya tatsächlich eine Wirkungsstätte der heiligen Frauen gewesen sein, wäre es eine Erklärung für seinen Ruf als Hexenberg“ sagt Jo Hammer. Der aus Norddeutschland stammende Fotograf und Altertumsforscher ist seit 20 Jahren auf der Spurensuche nach Zeugnissen altkanarischer Kultur auf Fuerteventura. Wie kaum ein anderer hat er den Berg und dessen Umgebung Stück für Stück erforscht, seine Ergebnisse und Eindrücke in Bild und Wort festgehalten. 2014 erschien sein Buch „Atlantura“ sowohl auf Deutsch als auch auf Spanisch, wobei sich die beiden Versionen etwas unterscheiden. „Obwohl man meine Arbeit seitens des Cabildos nach außen hin belächelt, ist es vorgekommen, das ganze Areale in Bergnähe plötzlich eingezäunt und leergeräumt waren – nachdem ich ein paar steinerne, meines Erachtens nach von den Ureinwohnern geschaffene Fundstücke im Cabildo zur Begutachtung vorgelegt hatte.“ Jo Hammer hält sich seitdem mit Auskünften über Fundorte zurück. 

Einige seiner eindrucksvollen Aufnahmen lassen tatsächlich Zweifel daran aufkommen, ob es sich bei den gefundenen Objekten wirklich nur um angeblich witterungsbedingte Formationen handelt. 

Unbestreitbar altkanarischen Ursprungs sind auf jeden Fall die Podomorfos, die fußförmigen Ritzzeichnungen in der harten Oberfläche des Tindaya. „Zudem haben die Mahos in dem marmorähnlichen Trachytgestein des Berges unzählige keilförmige Nischen geschaffen, in denen einmal Steine aufgestellt waren, die wahrscheinlich als Erinnerungs- oder Seelensteine für die Verstorbenen gedacht waren. An den markanten Stellen des Aufstiegs sind tonnenschwere Felsen zu finden, die wie Opferaltäre wirken. Auf dem Gipfel liegt ein einzelner Felsblock, der aus einer Nische einige Meter unterhalb stammt. Er wiegt schätzungsweise fünf Tonnen und kann nur mit kollektiver Kraft aus dem Gestein genommen und auf den Gipfel gebracht worden sein. Das Herauslösen des Felsens und seine Platzierung zeugen von Steinsetzungen, um die Gestalt des Berges nach bestimmten Vorstellungen zu verändern.“, erläutert Hammer. „Ich denke, die Ureinwohner haben die von der Natur vorgegebenen Möglichkeiten ausgeschöpft, um den Berg gemeinschaftlich in ein Geschichtsbuch und Monument der Ahnenverehrung zu verwandeln. Sie haben in seinen Flanken Aufenthaltsorte und Opferstätten für Gottheiten und Ahnen geschaffen und den Berg vielleicht als Tor in eine andere Welt empfunden.“

Das friedliche Nebeneinander der Exponate im Casa Alta de Tindaya soll laut Cabildo beweisen, dass eine Koexistenz zwischen den kulturellen Vorstellungen der Ureinwohner und dem Kunstprojekt Eduardo Chillidas möglich ist. So eine „Toleranz zwischen den Kulturen“ wäre natürlich schön, solange sie von beiden Seiten respektiert wird. Sich jedoch zu behaupten, wird zumindest für eine davon recht schwierig – rund 500 Jahre nach ihrem Untergang durch die spanische Eroberung. Vamos a ver.

Von Heike Bludau




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