Flüchtlingsstrom aus Mauretanien reißt seit Wochen nicht ab


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Fast täglich erreichen neue Flüchtlingsboote die Kanarischen Inseln . Viele kommen auf der gefährlichen Überfahrt ums Leben

Schon seit Jahren ist es auf den Kanarischen Inseln nichts Neues mehr, wenn mal wieder ein Flüchtlingsboot von der afrikanischen Küste an die Strände der spanischen Ferieninseln im Atlantik gelangt. Auch die immer wieder bekannt werdenden Nachrichten von gekenterten Booten und ertrunkenen Immigranten, erregen – erschütternderweise und bewirkt durch die Macht der Gewohnheit – längst nicht mehr das Aufsehen, das ihnen eigentlich gebührt.

Doch das Drama, das sich in den letzten Wochen an der kanarischen Küste, vor allem aber auf dem Atlantik zwischen dem afrikanischen Kontinent und den Inseln abspielt, hat selbst auf internationaler Ebene für Aufsehen gesorgt. Noch nie waren in so kurzer Zeit so viele Flüchtlinge auf einmal an der spanischen Küste angekommen und selten unter so lebensgefährlichen Umständen.

Nach dem letzten Immigranten-Drama, das sich im Herbst vergangenen Jahres an den Grenzübergängen zu den spanischen Afrika-Exklaven Ceuta und Melilla abspielte, war es zu Jahresanfang scheinbar wieder ruhiger geworden.

Tod im Atlantik

Diese Grenzübergänge zu den Exklaven waren durch höhere, schier unüberwindliche Zäune und schärfere Kontrollen abgesichert worden. Das Mittelmeer war angesichts der hochmodernen elektronischen Überwachungssysteme schon längst keine geeignete Route mehr für die Flüchtlinge. Und seit auch Marokko seine Küste schärfer kontrolliert und die Kanareninseln Lanzarote und Fuerteventura, die bislang wegen ihrer Lage von den Flüchtlingsbooten von Marokkos Küste angesteuert wurden, ebenfalls über die modernen Überwachungssysteme verfügen, schienen den Immigranten aus Afrika sämtliche illegalen Wege in den Goldenen Westen abgeschnitten. Doch das schien nur so.  Schon seit Wochen haben die Menschenschleuserbanden, vermehrt aber auch die Immigranten selbst, eine neue Route nach Europa aufgetan. Von Mauretanien aus wagen sie, aufgeputscht von dem Mut der Verzweiflung, von dem Mut derjenigen, die nichts zu verlieren und alles zu gewinnen haben, die weit gefährlichere, weil viel längere Überfahrt zu den Kanarischen Inseln, und zwar vorrangig zu den Inseln Gran Canaria und Teneriffa, die beide noch nicht ausreichend durch elektronische Überwachung abgeschottet sind.

Hunderte sind in den letzten Wochen bei dem Versuch, eine Chance auf ein besseres Leben zu erhalten, ums Leben gekommen, elendig ertrunken oder verdurstet, nach Tagen steuerlosen Treibens auf dem in dieser Zone meist unberechenbarem Meer. Wieviele genau von der Hafenstadt Nouadhibou in den Cayucos, den traditionellen mauretanischen Fischerbooten die ein- bis fünftägige Überfahrt antreten, jedoch nie ankommen, darüber können nur Vermutungen angestellt werden. Fest steht, dass in den letzten Wochen kaum ein Tag vergangen ist, an dem die kanarischen Rettungsboote nicht ausfahren mussten, um wieder ein Cayuco mit oft über vierzig Flüchtlingen an Bord im Schlepptau in den nächstgelegenen kanarischen Hafen zu befördern.

An Tagen, an denen die Wetterbedingungen besonders günstig waren, kamen sogar mehrere Cayucos an. So erreichten beispielsweise an einem einzigen Tag Mitte März über 300 Afrikaner die Küste von Teneriffa und Gran Canaria, ein wahrer Rekord. Insgesamt sind in wenigen Wochen über 3.500 Immigranten auf den Inseln angekommen. Besonders dramatisch ist dabei, dass sich unter den Bootsinsassen oft auch Minderjährige befinden, die sich ganz alleine der Flüchtlingsgruppe angeschlossen haben.

Sofortmaßnahmen und langfristige Lösungen

Um dem Flüchtlingsstrom Herr zu werden, stellte die nationale Regierung in Madrid den Kanaren als Sofortmaßnahme unter anderem vier weitere Rettungsschiffe zur Verfügung. Angesichts der Tatsache, dass zwischen 10.000 und 15.000 Westafrikaner in Mauretanien darauf warten sollen, die gefährliche Überfahrt zu wagen, um von den Kanaren aus nach Europa zu gelangen (mauretanische Quellen sprechen sogar von fast einer halben Million), gilt es vor allem, langfristige Lösungen in direkter Zusammenarbeit mit Mauretanien zu finden.

Bereits nach den ersten bilateralen Verhandlungen zeigte sich Mauretanien „äußerst aufgeschlossen“, um von dort zur Entschärfung der Lage beizutragen. So wurde der Delegation, die Madrid Anfang März zur Krisensitzung nach Mauretanien schickte, als erste Notlösung zugesichert, dass die westafrikanischen Flüchtlinge wieder in Mauretanien aufgenommen würden. Das könnte eines der Hauptprobleme Spaniens zur Rückführung der illegalen Immigranten lösen, was bislang meist an der Tatsache gescheitert ist, dass ein Großteil der Herkunftsländer der Flüchtlinge keine derartigen Abkommen mit Spanien haben und auch nicht wollen. Als zweite Maßnahme verstärkte Mauretanien umgehend die Kontrollen an der eigenen Küste, um zu verhindern, dass die Boote von dort aufbrechen können.

Die spanische Regierung hat indessen einen Notfallplan verabschiedet. Darin ist unter anderem vorgesehen, Mauretanien spanische Patrouillenschiffe zur Hilfe zu schicken. Außerdem sollen die Kontrollen um die Kanarischen Inseln verstärkt  und  weitere Auffanglager mit 2.100 Plätzen geschaffen werden, in denen die Illegalen 40 Tage lang bleiben müssen, bis über ihre Situation enschieden ist. Auch sollen die Inseln alle mögliche Hilfe zur Verbesserung und Erweiterung der vorhandenen Infrastrukturen erhalten. Insgesamt wurden 7,5 Millionen Euro für humanitäre Hilfe zur Verfügung gestellt.

Ein wichtiger Punkt ist jedoch auch die Reaktivierung eines bereits bestehenden Rückführungsabkommens mit Mauretanien und die Schaffung von Auffangzentren für Immigranten an der Küste des afrikanischen Wüstenstaats selbst.

Bislang hat Mauretanien nur die sofortige Rückführung von 170 illegalen Immigranten akzeptiert die aus den beiden Nachbarstaaten Senegal und Mali stammen. Über weitere Rückführungen muss noch verhandelt werden. Angesichts der Tatsache, dass 90% der illegalen Immigranten aus den beiden genannten Staaten kommen, stehen die Chancen jedoch gut.

In den Auffanglagern auf Fuerteventura, Gran Canaria und Teneriffa befinden sich derzeit etwa 2.200 illegale Immigranten, die entweder nach Mauretanien zurückgeschickt werden oder aber auf das spanische Festland gebracht werden müssen. Doch die Zeit ist knapp bemessen, denn nach 40 Tagen in den Auffangzentren müssen die illegalen Immigranten entlassen werden.

Europa verspricht Hilfe

Währenddessen zeigt man sich in  Brüssel besorgt. Es wird jedoch auch versprochen, Spanien soweit wie möglich in dieser Situation zu helfen. Wichtig in diesem Zusammenhang sei es jedoch auch, die Herkunftsländer der Immigranten durch politische Abkommen und Programme der verschiedensten Art zu unterstützen, so erklärte Franco Frattini, Vizepräsident der EU-Kommission Mitte März. Frattini unterstrich außerdem, dass den Flüchtlingen immer eine humanitäre Behandlung zukommen müsse. Es könne nicht angehen, dass die Immigranten mit Kriegsschiffen empfangen werden. Es sei jedoch auch Geduld vonnöten, denn dies sei kein Problem, das von heute auf morgen gelöst werden könne.

María Teresa Fernández de la Vega versicherte: „Alle, die auf illegalem Weg kommen, werden wieder gehen.“

Vizeregierungschefin kündigt Rückführungen an

Die Aussage war klar und deutlich: „Alle, die auf illegalem Weg kommen, werden wieder gehen.“ Dies versicherte die spanische Vizeregierungschefin María Teresa Fernádez de la Vega auf Teneriffa. Nach einem Treffen mit dem kanarischen Regierungspräsidenten Adán Martín versprach de la Vega, die Regierung werde nicht zulassen, dass die Kanaren zu einem Flüchtlingslager werden. Immerhin warten allein auf Teneriffa in den notdürftig aufgeschlagenen Militärzelten in Las Raíces und im Auffanglager in Hoya Fría schon über 750 Immigranten darauf, entweder auf das spanische Festland gebracht oder in ihre Heimat zurück geschickt zu werden. Mauretanien, so die Vizeregierungschefin, habe bereits in die Rückführung von 170 Immigranten eingewilligt. Genaue Terminangaben blieb sie allerdings trotz bohrender Fragen schuldig.

Fernández de la Vega besuchte aufgrund der kritischen Lage die Inseln und wollte sich vor Ort ein Bild von den Ausmaßen der Zuwanderungswelle machen. Sie besuchte das Auffanglager in Hoya Fría und sprach mit den Mitarbeitern des Roten Kreuzes in Los Cristianos, denen sie zusätzliche finanzielle Mittel zusagte. 3,5 Millionen Euro werden in den Hilfs- und Integrationsfonds fließen, eine Million erhält das Rote Kreuz und drei Millionen sollen Zuwanderungsprojekte fördern.

Währenddessen räumte der Gouverneur des mauretanischen Nouadhibou, Yahya Uld Mohamed Fall, ein, dass in den Dünen rund um die Hafenstadt über 12.000 Menschen auf eine Chance warten, in einem Fischerboot nach Europa zu flüchten. In den letzten Tagen kenterten mindestens vier dieser Boote, dabei ertranken 45 Menschen.

100.000 Flüchtlinge

In den letzten sieben Jahren hat sich in Spanien das Problem der illegalen Zuwanderung deutlich verschärft. Seit 1999 – und damals regierte noch die konservative PP, die außerordentlichen Legalisierungsverfahren und der Vergabe von Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen äußerst kritisch gegenüber stand – kamen über 100.000 Flüchtlinge auf dem Seeweg von Afrika an der kanarischen oder andalusischen Küste an. 2003 war das bisherige Rekordjahr mit über 900 Booten und knapp 19.200 Flüchtlingen. Damals kamen in 12 Monaten 9.388 illegale Immigranten aus Westafrika auf den Kanaren an. In 2006 könnte dieser Rekord gebrochen werden. Bis Mitte März hatten bereits mehr als 3.500 Afrikaner die Überfahrt geschafft.

Ein Cayuco (Fischerboot) kostet einen Fischer etwa 3.800 Euro. Die Immigranten zahlen auf dem Schwarzmarkt bis zu 5.000 Euro. Hinzu kommen die Kosten für Proviant, Kleidung, Sprit und das unentbehrliche GPS, um ans Ziel zu gelangen. Schätzungsweise betragen die Gesamtkosten für eine Überfahrt eines mit 40 Mann besetzten Bootes 15.000 bis 18.000 Euro.

 




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