Drama der illegalen Immigration hält an


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Wochenblatt sprach mit Generalsekretär der Caritas Senegal über die Hintergründe

Der Flüchtlingsstrom von Afrika zu den Kanarischen Inseln und dem spanischen Festland reißt nicht ab. Im Gegenteil, mit Beginn des Sommers und der günstigeren Wetterverhältnisse ist auch die Anzahl der Flüchtlingsboote aus Afrika wieder gestiegen. Allein in den ersten Augustwochen erreichten nach offiziellen Angaben 556 illegale Immigranten die kanarische Küste.

Wie viele in diesem Zeitraum ihr Leben bei der gefährlichen Überfahrt verloren haben, darüber kann nur spekuliert werden.

Was die Menschen dazu treibt, sich in Lebensgefahr zu begeben und eine Reise anzutreten, die in den allermeisten Fällen mit der Rückführung ins Heimatland endet, darüber sprach das Wochenblatt mit Pater Ambroise Tine aus dem Senegal. Der Generalsekretär der Caritas Senegal veranschaulichte bei einem langen Gespräch auf beeindruckende Art und Weise die „andere Seite“ der illegalen Immigration.

Wenn es keine Regenzeit gibt, haben die Menschen nichts zu essen

Pater Ambroise Tine wurde in einem kleinen Dorf in der Nähe von Thièz geboren, eines der zahllosen Kinder mittelloser Familien, wie es sie zuhauf in Senegal gibt. Er hatte Glück: Er wurde als Patenkind von einer deutschen Familie aus Bonn-Hersel unterstützt, die ihm das Theologie-Studium in Rom finanzierte. Und er ist einer der wenigen, die nach Senegal zurückgekehrt sind, um dort für ein menschenwürdiges Leben der Bevölkerung zu arbeiten. Heute ist er Generalsekretär der Caritas Senegal und spricht fünf Sprachen fließend: Französisch, Italienisch, Deutsch, die senegalesische Hauptsprache Woolof sowie Sereer, das er als seine Muttersprache bezeichnet.

Er machte eine Woche Urlaub auf Teneriffa, doch bei diesem Urlaub ging es ihm nicht so sehr darum, die hiesigen Sehenswürdigkeiten zu bestaunen, sondern Kontakt zu den Flüchtlingen aus seinem Land herzustellen. So machte er sich unter anderem auch in Begleitung eines Wochenblatt-Reporters auf den Weg zum Auffangzentrum für die illegalen Immigranten, das von außen einen sehr guten und sauberen Eindruck macht. Doch vom Büro des Direktors aus ging es ohne offizielle Genehmigung nicht weiter. So zogen die beiden unverrichteter Dinge wieder ab, hatten jedoch dafür Gelegenheit zu einem ausführlichen Gespräch über „die andere Seite“, also Senegal, das Herkunftsland zahlloser Menschen, die sich in kleinen Booten, Cayucos genannt, auf die lebensgefährliche Reise über den Atlantik machen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben im „goldenen Europa“. Nur wenige schaffen es, Fuß zu fassen und eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, die ihnen auch den Weg in den legalen Arbeitsmarkt ermöglicht. Eine unbekannte Zahl illegaler Immigranten schlägt sich mit Schwarzarbeit durch, miserabel bezahlt und ausgebeutet.

Wochenblatt: Die Kanarischen Inseln sehen sich Jahr für Jahr dem zunehmenden Strom der illegalen Immigranten aus afrikanischen Ländern ausgesetzt. Was treibt diese Menschen dazu, sich der lebensgefährlichen Bootsfahrt auszusetzen, die doch in den allermeisten Fällen mit der Rückführung ins Heimatland endet?

Pater Ambroise: Ihre Triebfeder ist die Armut. Außerdem werden hohe Erwartungen durch diejenigen geweckt, die es geschafft haben, legal oder illegal in Europa Fuß zu fassen. Denn den Familien, die jemanden in Europa haben, geht es schlagartig besser. Die haben dann plötzlich einen Fernseher, Geld für die Schule ihrer Kinder, medizinische Versorgung, vielleicht wird auch ein Haus gebaut oder sogar ein Auto angeschafft. Denn diese Flüchtlinge setzen all ihren Ehrgeiz ein,  ihrer Familie soviel Geld wie möglich zu schicken und ihnen damit einen besseren Lebensstandard zu ermöglichen. Das weckt natürlich eine ungeheure Erwartungshaltung.

WB: Wie sieht überhaupt die Sozialstruktur in Senegal aus?

Pater Ambroise: Tja, die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer mehr. Es gibt wenige Reiche und sehr viel Armut. Eine soziale Mittelschicht ist so gut wie nicht vorhanden. 58,7% der Bevölkerung haben weniger als 1 Euro pro Tag zum Leben. Früher bekam man noch 2 bis 3 Kilo Reis für 1 Euro; heute kriegt man höchstens noch 1 bis 2 Kilo dafür. Benzin ist überhaupt unerschwinglich, der Literpreis liegt bei 1,29 Euro.

Die Perspektiven für die Jugendlichen sind sehr schlecht, weil es im Land keine Arbeit für sie gibt. Selbst studierte Menschen bekommen oftmals keinen Job, weil es keinen gibt, denn Industrie und Wirtschaft des Landes sind nicht entwickelt.

WB: Welche Wirtschaftszweige gibt es denn in Senegal?

Pater Ambroise: Wir haben Phosphat, Erdnüsse, Fischerei und den Tourismus. Die Stoffindustrie ist am Boden, weil die Stoffe aus dem Fernen Osten wesentlich billiger sind als unsere. 80% der Bevölkerung leben von der Landwirtschaft, aber die Kühe geben wenig Milch, im Durchschnitt einen Liter pro Tag, weil sie so dünn und ausgemergelt sind. Wir hängen vollkommen von der Regenzeit ab. Wenn es nicht regnet, gibt es auch nichts zu essen.

WB: Wovon lebt das Land, sprich die Regierung, denn eigentlich?

Pater Ambroise: Zu 65% von den Import-Export-Zöllen. Wir haben keinen freien Grenzverkehr, denn die Regierung würde verarmen, wenn die Grenzen offen wären.

Wir Afrikaner müssen auch „mea culpa“ sagen.

WB: Und wie sehen die dortigen Politiker das Flüchtlingsproblem?

Pater Ambroise: Die Regierung hat das Frontex-Abkommen unterschrieben, weil sie dafür Geld bekommt. Aber das ist im Grunde eine politische Erpressung. Und natürlich möchte die Regierung die jungen Leute im Land behalten, als Arbeitskräfte.

WB: Aber wenn es doch keine Arbeit gibt?

Pater Ambroise: Ja, das ist genau der Punkt. Das ist ein Teufelskreis, der durchbrochen werden muss.

WB: Wie sehen die Senegalesen das Frontex-Abkommen?

Pater Ambroise: Wir sind total dagegen, besonders die NGOs [nicht regierungsgebundene Hilfsorganisationen], weil wir für die Menschenrechte kämpfen. Für die Menschenwürde. Wir wollen Frieden in Afrika schaffen, und viele Kriege in Afrika sind durch wirtschaftliche Interessen von außen angestiftet. Bodenschätze wie Öl oder Gold gelten als Gnade, aber de facto sind sie oft ein Fluch. Wir sagen nein zu Frontex, weil wir glauben, dass Gott uns die Welt mit all ihrem Reichtum geschenkt hat, damit alle Menschen gut leben können, denn es ist genug für alle Menschen vorhanden. Wir sind gegen die Ungerechtigkeit in der Welt: jeder muss Zugang zu Wasser, Gesundheit und Arbeit = Geld haben. Die Politiker müssen umdenken und anders handeln. Die Profite aus dem Frontex-Abkommen gehen an die Regierungen von Marokko, Libyen und Senegal. Und die Politik von Sarkozy sieht so aus, dass er alle ungelernten Immigranten wieder nach Hause schicken, aber die guten Arbeitskräfte in Europa halten  will. Wenn die guten Kräfte, also die Fachleute, aber in Europa bleiben, dann ist keine Entwicklung für Afrika möglich. In der Sklavenzeit war das genauso, da haben sie nur die Kräftigsten verschleppt. Hinzu kommt bei Sarkozy, dass selbst diejenigen, die seit Jahren in Frankreich leben, ihre Frauen nicht nachholen können. Spanien ist da in Sachen Menschenwürde der Immigranten wesentlich weiter.

Doch nicht nur Europa trägt eine Schuld. Wir Afrikaner müssen auch „mea culpa“ sagen, denn unsere Regierungen sollten sich dafür schämen, dass die Menschen nicht mehr im Land bleiben wollen, weil wir unsere Länder nicht richtig und vernünftig leiten können. Derzeit gibt es daher keine Möglichkeit, die Welle der Immigranten nach Europa zu stoppen, denn sie haben keine Perspektive.

EU-Gelder

WB: Wo landen denn eigentlich die EU-Gelder?

Pater Ambroise (lacht): In der Regierungskasse, nicht bei der Bevölkerung. In Wahrheit ist die Migration für die Regierung von Interesse, denn die emigrierten Senegalesen schi­cken viel Geld ins Land, mehr als doppelt soviel wie die Entwicklungshilfe. Durch die Emigranten fließen pro Jahr über 685 Millionen Euro nach Senegal, das ist mehr als das Doppelte der Entwicklungshilfe. Und das Geld geht direkt an die Familien, das ist also eine wahre Finanzinfusion für sie.

WB: Und was passiert mit diesem privat geschickten Geld?

Pater Ambroise: Das wird leider nicht gut investiert. Die Familien bauen davon Häuser und verbrauchen das Geld im täglichen Konsum, statt Arbeitsplätze zu schaffen. Aber man kann natürlich die Familien nicht „von oben“ dazu zwingen, ihr Geld zum Beispiel in ein Brunnenbauprojekt oder so etwas zu investieren. Wo die Zukunftsperspektive fehlt, leben die Menschen in den Tag hinein.

WB: Und die offiziellen Entwicklungshilfen?

Pater Ambroise: Das sind ja in Wahrheit Schulden. Man denkt, das ist gratis, aber das ist natürlich nicht so. Das Geld wird schon investiert, aber die Erträge reichen kaum, um die Zinsen zu bezahlen. Also wird weniger in die Entwicklung investiert als in die Zahlung der Zinsen. Die europäischen Firmen, die sich in Senegal niedergelassen haben, bekommen natürlich auch Entwicklungshilfe von der EU. Aber das Geld fließt sofort zurück in die EU, denn davon werden in Europa Maschinen und sonstige Geräte gekauft. Allerdings schaffen diese Firmen natürlich Arbeitsplätze.

Ein Teil der Entwicklungshilfegelder wird natürlich auch in Sozialprojekte der Regierung investiert, aber da bleibt ganz klar auch ein großer Teil in der Verwaltung hängen, so dass die Entwicklungshilfe eigentlich nicht wirklich bei den Bedürftigen ankommt. Die Regierung und die Firmen machen Schulden, und das Volk muss dafür in Form von Steuern zahlen, ohne einen echten Vorteil davon zu haben.

WB: Gibt es denn keine Direkthilfen, die ohne Umwege bei der Bevölkerung ankommen?

Pater Ambroise: Doch, die kommen, aber hauptsächlich über die NGOs.

Katholische Kirche im Islam-Land

WB: In Senegal sind über 90% der Bevölkerung Muslime. Welchen sozialen Einfluss kann da die christliche Religion ausüben? Wie sehen Ihre Aufgaben als Vertreter der katholischen Kirche über die Caritas dort aus?

Pater Ambroise: Oh, der soziale Einfluss ist sehr groß. Wir bauen Schulen und Krankenstationen. In unseren Schulen werden die Schüler natürlich mit dem Evangelium vertraut gemacht, aber es wird niemand gezwungen, zum katholischen Glauben überzutreten. Wir wollen erreichen, dass die Menschen im Senegal wissen, welche Lehren die Kirche vertritt, aber wir wollen sie nicht zwangsmissionieren. Deshalb existiert in Senegal eine hohe religiöse Toleranz, da gibt es keine Probleme zwischen Islam und Christentum. Über die Schulen läuft natürlich ein Alphabetisierungsprogramm für die Bevölkerung, das von Misereor unterstützt wird.

Wir von der Caritas nehmen unsere soziale Aufgabe sehr ernst und fördern Entwicklungsprojekte wie Brunnenbau etc., wobei wir auch wieder Unterstützung von Misereor bekommen. So können die Menschen in ihren Gemüsegärten das ziehen, was sie für das tägliche Leben brauchen: Kartoffeln, Bohnen, Zwiebeln, Salat und sonstiges Gemüse. Damit werden sie autonom.

Wir haben auch ein Micro-Kredit-Programm für 14.000 Frauen ins Leben gerufen. Das ist eine Direkthilfe in Form eines Kleinkredits, mit dem diese Frauen sich eine Existenz aufbauen können. Meist fangen sie damit einen Handel auf den örtlichen Märkten an, wo sie dann Obst, Gemüse, Hirse, Öl, Fisch oder Stoffe verkaufen und sich so ein Einkommen sichern können.

Mit der französischen Caritas und der US-Caritas läuft ein weiteres Kleinkredit-Programm, das direkt an die Bevölkerung geht.

Ganz wichtig ist auch unser Frauen-Programm. Wenn die Regenzeit nicht kommt und die Menschen in den Dörfern hungern, verlassen viele Frauen ihr Dorf und gehen auf Arbeitssuche in die Städte. Dort verdingen sie sich dann als Waschfrauen oder Köchinnen. Diese senegal-interne Migration ist sehr gefährlich für die Frauen, und wir sind bemüht, sie wieder in ihr Heimatdorf zurückzuführen, indem wir   ihnen beispielsweise diese Kleinkredite anbieten, damit sie nicht in der Stadt untergehen.

Und danken möchte ich bei dieser Gelegenheit auch der deutschen katholischen Gemeinde auf Teneriffa und der Megawelle dafür, dass sie das Misereor-Projekt „Schule unterm Baum“ unterstützen. Das ist ein gutes Projekt und ein Schritt auf dem Weg in die Zukunft unseres Landes.

„Barça oder Barsak“: Barcelona erreichen – oder der Tod

WB: Und was unternehmen Sie gegen die illegale Flucht aus dem Land?

Pater Ambroise: Von Mallorca aus haben wir über die dortige Caritas ein Sensibilisierungsprogramm für die Bevölkerung in Senegal gestartet. Das heißt, wir gehen in die senegalesischen Dörfer und erzählen den Menschen, was bei so einer Flucht wirklich abgeht: wieviel für einen Platz in einem Boot verlangt wird, wie lebensgefährlich diese Reise über das Meer ist, wie der Empfang in Europa dann aussieht, falls man es geschafft hat, dort anzukommen, also Internierung im Auffanglager und Rücktransport ins Heimatland.

Das alles ist sehr schwierig, denn das Bild vom Reichtum, der in Europa gemacht werden könnte, wenn man es dann schaffen würde, ist sehr fest verankert. Die jungen Leute glauben einfach fest daran, dass sie es in Europa schaffen werden. Und dass Gott ihnen helfen wird. Sie haben sogar einen Spruch, der auf Spanien gemünzt ist, „Barça oder Barsak“: Barcelona erreichen – oder der Tod. Das ist ihnen egal, sie wollen nur aus der Armut raus. Diese Jugendlichen sind mit großem Glauben unterwegs. Einer von denen, die zurückgeführt wurden, sagte mir in Dakar: „Ich will auf alle Fälle wieder zurück nach Spanien. Die Spanier haben ein gutes Herz. Sie waren sehr lieb zu uns. Sie haben uns Decken und Essen gegeben und sich um uns gekümmert.“

Ich kann dazu nur sagen: Es wäre schön, wenn diese Jugendlichen diesen starken Willen für die Zukunft unseres Landes aufbringen würden. Deshalb arbeiten wir auch an der Sensibilisierung der Bevölkerung für ihr Land. Wenn die Menschen an sich und ihr Land glauben und wir all diese Energien in Synergie zusammenbringen könnten, dann könnten wir das Land voranbringen. Doch der Afro-Pessimismus ist sehr groß, und es ist schwer, dagegen anzu­kämpfen.

WB: Große Worte für ein großes Problem. Sie sagten, es gibt wenige Reiche im Land. Aber diese Reichen sorgen doch bestimmt auch für eine vernünftige Ausbildung ihrer Kinder. Wo ist sie denn, diese Bildungs-Elite, die das Land voranbringen könnte?

Pater Ambroise: Ach, da wird keine gute Politik gemacht, um diese Fachleute im Land zu halten. Da gibt es keinen finanziellen Anreiz. Wenn der ausgebildete Arzt dann im Land nur 300 Euro im Monat verdient, geht er ins Ausland, wo er mehr verdient.

Aber natürlich gibt es auch Idealisten unter den Ärzten, Lehrern und Ingenieuren; die bleiben schon im Land und verzichten auf ein besseres Leben, weil sie fest daran glauben, dass wir uns aus eigener Kraft entwickeln können.

Wir haben auch das EU-Programm der „bonne gouvernance“, also der guten Verwaltung, um zu lernen, das Geld auf Sozialebene vernünftig zu verwalten. Und wir von der Caritas machen auch Lobbying, um unserer Regierung klarzumachen, dass es nicht so weitergehen kann.

Wir tun auch laut unser Miss­fallen an der Immigranten-Politik von Sarkozy kund und setzen uns dafür ein, dass auch die Armen laut reden dürfen. Wir kämpfen für die Menschenwürde, denn es ist die Berufung der Kirche, dafür zu kämpfen. Wir müssen wieder an uns und an unser Land glauben. Nicht die anderen können Senegal aufbauen, das können nur wir.




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